Zum Weltfrauentag ein offener Brief an die Welt

Wir schreiben den 08.03. und es sei getrommelt und beklagt: Weltfrauentag.

Beschämend für die Industrie und entlarvend für die Institution finden sich keine ritualisierten Konsumgüter, die anlässlich des Events zu überreichen wären. Wahrscheinlich, weil das Thema so heikel ist. Muttertag und Vatertag verstehe ich. Am Muttertag wird einmal im Jahr die Dankbarkeit ausgedrückt, die an den anderen 364 Tagen ein wenig kurz kommt. Am Vatertag wird die Sau rausgelassen, die an den anderen 364 Tagen im Koben bleibt. Und am Frauentag?

Für einige Menschen Gelegenheit zur Mahnung, dass es um die Frauen nicht so ganz optimal steht. Für andere ein fehlwahrgenommener Muttertag, der die Nützlichkeit der Frauen abfeiert. Betrachtungen über die Rolle der Frau in Gesellschaft und Familie verbunden mit dem wohlwollenden Hinweis auf Missstände und Vorschläge zu deren Beseitigung.   

Wenn ich an Frauen denke, so fällt mir immer als erstes die Filmszene (in meiner Erinnerung in schwarz-weiß) ein, in der aus einem Souterrainfenster ein Pariser Trottoir zu sehen ist und Frauenbeine daran vorbeilaufen. Es ist ein alter Film; die Frauen tragen Röcke, Strumpfhosen und Absätze. Und eine Stimme aus dem Off kommentiert: „Die Beine der Frauen sind die Zirkel, die den Erdball in allen Himmelsrichtungen ausmessen und ihm sein Gleichgewicht und seine Harmonie geben.“ Der Film heißt „Der Mann, der die Frauen liebte“  und der Protagonist ist besessen von Frauenbeinen. Letztlich stirbt er für seine Obsession.

So und nicht anders sind Frauen zu betrachten. Wie Kunstwerke. Und so albern wie ich es immer finde, wenn Menschen ihren geistvollen Gesichtsausdruck aufsetzen und erklären, was einem der Künstler hier- oder damit sagen wollte (wenn es einer erklären könnte, dann der Künstler; doch ist jede Erklärung verschwendet an den, der es nicht versteht), so albern finde ich es, wenn jemand meint, sich erheben zu müssen, um zu erklären, was Frauen brauchen oder nicht.

Nach meinem persönlichen Dafürhalten brauchen Frauen nur eins: Steht uns nicht dusselig im Weg rum und lasst uns unser Ding machen. Und macht Euch keine Gedanken, was Frauen brauchen oder nicht – einmal kurz zuhören; wir sind durchaus bereit zu sagen, was wir wollen.

Und hört auf, Euch gesellschaftspolitisch in Sachen einzumischen, die Euch nichts angehen. Der Körper einer Frau gehört der Frau – was für eine Anmaßung, über den Körper eines fremden Menschen entscheiden zu wollen. Ich sehe heute noch Bilder von spießrutenlaufenden Frauen durch einen wütenden Mob vor einer Abtreibungsklinik. Ärzte werden vor Gericht gezerrt, weil sie „Werbung“ für Schwangerschaftsabbrüche machen. Eine Hypermoral entscheidet, wo Leben beginnt und welches Leben schützenswerter sei – das der Mutter oder des Zellhaufens. Und entscheidet für Letzteres. Ich frage mich, ob auch den kleinen wuseligen Spermien eine Träne hinterhergeweint wird, die im Taschentuch landen, anstatt ihrer Bestimmung folgen zu können. Konsequent gedacht, werden auch so Millionen möglicher Leben vernichtet. Scheint aber für die Hypermoralisten in Ordnung zu sein.

Frauen sind durchaus in der Lage, ihr Leben selbstbestimmt zu leben. Und sie haben dazu jedes Recht der Welt. Und sie versuchen sich dieses Recht zu nehmen – egal unter welchen Umständen. Und müssen den Preis bezahlen.

Im Mittelalter wurden die weisen Frauen, die wussten, wie man eine Schwangerschaft beendet, als Hexen verbrannt. Heute werden sie vor Gericht gestellt. Heute verlangt eine andere Hypermoral, dass Frauen als Jungfrauen in die Ehe gehen. Und führt so dazu, dass junge Mädchen mehr als erfahren in Sexualpraktiken sind, die weder ihre Sexualität noch ihrer Selbstachtung gut tun.

Bezeichnenderweise sind die Urheber dieser moralischen Knechtschaften Männer. Wieso sehen Männer nicht ein, dass sie Frauen nie verstehen werden? Dass es ihnen schlicht nicht möglich ist, die komplexe Gefühlswelt von Frauen nachzuvollziehen? Und den einzig logischen Schluss aus dieser Erkenntnis ziehen – sich rauszuhalten, wenn es um Frauen geht.

Wenn ich mir also zum Weltfrauentag etwas wünschen darf – steht mir nicht im Weg rum. Erzählt mir nicht, was ich brauche, sollte oder unter welchen Lebensumständen ich für Eure Interessen nützlicher wäre.

Lasst mich einfach in Ruhe mein Leben leben und meine Entscheidungen treffen. Und respektiert die. Dann wäre schon viel erreicht.