ZeitZeugen

Es wird getrommelt und beklagt: Die Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges sterben aus. Aber Einige sterben und hinterlassen etwas. Wie in diesem Fall mein Großvater, dessen Manuskript mir kürzlich in die Hände fiel. Zeitzeuge gefällig? Hier ist seine Geschichte:

Wenn ich hier meine Lebenserinnerungen schreibe, will ich mich über nichts beklagen oder etwas bemängeln, denn meine Jugend war auch schön, nur auf eine andere Art. Darum ist es vielleicht für einen Außenstehenden interessant, darüber zu lesen.
Wir waren immer arm, das mal vorweg.
1906, in Berlin, war meine Mutter verheiratet und ging mit einem Kind schwanger, als ihr Mann beim Baden ertrunken ist. Das Kind war noch nicht geboren und sie schon Witwe. Sie hatte einen kleinen Plättladen, wie es sie damals noch gab und hatte damit ihr Auskommen.
Mein Vater ging als Maschinenschlosser von Hamburg nach Berlin um sich da zu versuchen, wie alle jungen Leute damals in die Fremde gingen. 1907 lernte er meine Mutter kennen und verliebte sich in sie. Sie sagte ihm, dass sie ein Kind hätte, aber das machte ihm nichts aus. Er wollte sie unbedingt haben und hat sie auch gleich schwanger gemacht. Sie fuhren beide nach Hamburg und heirateten dort. Ein paar Monate später, am 27. Februar 1908, wurde ich geboren.


In meinen ersten drei Lebensjahren pendelten meine Eltern zwischen Berlin und Hamburg und in Hamburg wurden immer die Kinder geboren. Wir waren jetzt schon drei Kinder in Berlin und meine Mutter hatte immer noch den Laden. Bei uns wohnte noch ein Bruder meine Vaters, der noch nicht verheiratet war. Mein Großvater wohnte auf einem Hof über dem Stall, in dem er seine Pferde stehen hatte. Die brauchte er für seine Droschke, die in Berlin als Mietwagen lief. Meinen Großvater lernte ich gar nicht erst kennen, der starb schon früher. Nur meine Großmutter, die mit ihrem jüngsten Sohn, der jetzt die Droschke fuhr, zusammen wohnte, lernte ich kennen. Eine kleine runde Frau wie ein Kaffeewärmer aber lieb! Wir waren oft dort zu Besuch, damit meine Mutter uns im Geschäft los war (weil wir als kleine Butten immer im Weg standen).
Dann kam etwas Großes auf mich zu: Mein Vater war nicht da und meine Mutter und mein Onkel luden spät abends unsere Möbel auf einen Federwagen. Mein Bruder und ich wurden mit einem Tau auf dem Wagen festgebunden und ab ging es durch das nächtliche Berlin. Was uns mächtigen Spaß machte! Wir konnten ja nicht wissen, dass der Hauswirt unseren Auszug nicht mitbekommen durfte. Es war leider immer so, dass mein Vater nicht da war, wenn es unangenehm wurde. Meine Mutter musste immer alles alleine auslöffeln und mein Onkel musste zwangsläufig helfen, weil er ja bei uns wohnte. Mein Vater war wieder einmal in Hamburg und meine Mutter beschloss, ihm nachzufahren.


Das war im Jahr 1911 und als erstes Quartier hatten wir auf dem Groß Neumarkt ein winziges Zimmer ohne Fenster, da stand nur ein Bett, ein Schrank sowie Tisch und Stuhl drin, das war das ganze Mobiliar. Hier hausten wir aber auch nur ein paar Tage, dann hatten wir Glück und bekamen ein Gartenhaus zur Miete. Bundesstraße Ecke Beim Schlump. In Harvestehude, die beste Gegend in Hamburg. Das heißt – wir waren selbstverständlich nur Randgebiet.
Unsere Wohnung hatte kein Wasser und keine Toilette, von Licht gar nicht erst zu reden. Zur Toilette mussten wir ein ganzes Stück laufen, da waren Bretterbuden mit Plumpsklosetts aufgebaut. Wasser mussten wir auf dem Hof holen. Wir richteten uns so gut wie möglich ein und hatten, wie es damals üblich war, sogar eine gute Stube. Eine hübsche Polstergarnitur, einen polierten Tisch, ein Vertiko sowie vier schöne Polsterstühle und sogar einen Teppich. Trotzdem wir Flöhe hatten noch und noch, fühlten wir uns sauwohl dort. Hier lebten wir auch das, was man ein Familienleben nennen kann. Mein Vater war in einer Großbäckerei als Kraftfahrer angestellt, was damals noch was war. Er brachte uns jeden Morgen die Brötchen warm ins Haus.
Inzwischen waren wir vier Kinder im Haus und mein Bruder und ich wurden in den Fröbelgarten geschickt, wo wir uns sehr wohl fühlten, zumal wir dort Essen bekamen. Die Aufsicht, Tante Annie, und die Leiterin, ein älteres Fräulein Kühn, waren schon reizend zu uns.
Meine Mutter ging nun sonntags mit uns zu der Großmutter väterlicherseits, die uns immer sehr nett empfing. Wir bekamen dann von ihr zwei Pfennig; davon kauften wir uns aber ein Rundstück, keine Bonbons!
Meine Mutter war bei den Helbigs (die Familie des Vaters; Anmerkung der Enkelin) nie gut angesehen, die hatten einen Dünkel, dass es nicht zu beschreiben war. Dadurch, dass der Opa Helbig viel Geld verdiente, konnten alle Kinder viel lernen; vor allem die englische Sprache, weil meine Tante Alice den englischen Pfarrer Gregory von der englischen Kirche in Hamburg geheiratet hatte. Wenn meine Mutter irgendwas nicht verstehen sollte bei einer Unterhaltung, sprachen alle englisch. Dass meiner Mutter das manchmal wehtat, kann ich heute verstehen. Aber was sollte sie machen? Mein Vater ging nie mit ihr aus – sich selber tat er keinen Zwang an – aber meine Mutter musste immer bei den Kindern bleiben. Da blieb ihr nur der Weg zur Schwiegermutter, die an sich eine ehrliche und offene Frau war, aber auf ihre Kinder keinen Einfluss mehr hatte.


Ich war nun sechs Jahre alt und musste in die Schule. Zum Glück war meine Mutter so patent im Nähen, dass sie alles Zeug für uns selber machen konnte. An kaufen war nicht zu denken, zumal unser Vater sehr oft arbeitslos war. Was zu der Zeit und angesichts seines Berufes nicht nötig tat. Aber ich bekam noch einen Schulränzel und eine Brottasche aus Leder, die für meine Begriffe ganz wunderbar roch. Ich war richtig stolz darauf.
In der Schule gefiel es mir gut, und ich hatte keine Mühe mitzukommen. Wo wir wohnten war in der Bundessstraße die Kaserne des Traditionsregiments 76 und wir spielten als Kinder viel auf dem Kasernenhof wo uns auch keiner was sagte. Schimpfte mal irgendein Wächter liefen wir weg, waren aber fünf Minuten später wieder da.
Ich ging ja nun nicht mehr in den Fröbelgarten und hatte viel Zeit zum Spielen. Damals ging es los mit Fußball spielen, was uns aber immer wieder verboten wurde, von wegen der Stiefel (Anmerkung der Enkelin: die nur im Winter getragen wurden; von Frühling bis Herbst lief mein Großvater ohne Schuhe.). Denn Fußballspielen kostete Schuhe und Fußballstiefel waren für uns nur ein Traum.


Ich ging ein halbes Jahr zur Schule, als es plötzlich hieß: Es gibt Krieg. Wir als Kinder konnten uns darunter nicht viel vorstellen. Was war schon Krieg?
Die Menschen waren unheimlich begeistert. Überall wurden vaterländische Lieder gesungen und keiner konnte die Zeit abwarten, einberufen zu werden. Es war eine Turbulenz – kaum zu beschreiben. Mit Musik wurde dann vieles übertüncht. Für uns Kinder war das schon eine aufregende Zeit; laufend Extrablätter, Rundfunk gab es noch nicht, alles musste man aus der Zeitung lesen.


Eines Tages zogen die 76er mit klingendem Spiel zum Sternschanzen Bahnhof. Wir Kinder gingen barfuß mit. Der Zug stand auf dem Gleis vom Dänenweg und wir konnten ziemlich dicht rangehen. Da waren die Abteiltüren bemalt mit Galgen, wo Männchen aufgehängt waren und Sprüchen: „Schlagt den Erbfeind“ und „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ oder „Jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuss ein Russ“. Im anderen Waggon sang man „Die Wacht am Rhein“ und „Deutschland über alles“. Und Kaiser Wilhelm ließ man hochleben. Ja, da war was los; da ahnte noch keiner dieser jungen Leute, dass sie Hamburg nie wiedersehen und in fremder Erde vermodern würden.
Man sah auch ernste Menschen. Mütter, die weinten. Und ältere Leute, die aus ihrer Meinung über den Krieg keinen Hehl machten. Wir konnten nicht begreifen, dass es Leute gab, die das alles nicht schön fanden. Es war doch herrlich: die geschmückten Gewehre, die lachenden Menschen, die Musikkappelle. Warum wohl manche Menschen schimpften?
Der Zug dampfte los und wir gingen nach Hause, da es schon spät war und meine Mutter uns bestimmt vermisste.


Mein Vater bekam seinen Gestellungsbefehl und musste einrücken. Wenn ich heute überlege, war er gar nicht traurig darüber. Nach seinem Benehmen damals jedenfalls nicht, denn er zog los ohne viel Trara – kein langer Abschied; ganz schnell war er weg.
Mein Vater wurde als Kraftfahrer – und da er gut Englisch sprach als Dolmetscher – eingesetzt und hatte, glaube ich, einen ganz guten Posten. Er kam aus Russland und Frankreich auf Urlaub – so ziemlich regelmäßig – was man daran sah, dass meine Mutter jedes Mal nach dem Urlaub schwanger war. Wir waren inzwischen sechs Kinder zu Hause und mit einem ging meine Mutter schwanger.
Mein Vater war 1917 zuletzt im Urlaub bei uns gewesen und nun hörten wir nichts mehr von ihm. Auch alle Nachforschungen blieben ohne Erfolg, er galt als vermisst und meine Mutter bekam immer noch die Kriegsunterstützung, die reichte so recht und schlecht um alle Mäuler zu stopfen.


Wir schrieben das Jahr 1918, überall waren Unruhen ausgebrochen, der Krieg war zu Ende, die übrig gebliebenen Soldaten kamen nach Hause. Es war ein wüstes Durcheinander. Die Kaserne in der Bundesstraße wurde von Aufständischen gestürmt und musste sich ergeben. Die Magazine wurden geplündert, die Vorräte, wie Brot und Konserven, an das Volk auf der Straße verteilt. Wir waren als Kinder – ich war gerade zehn Jahre alt – mit in die Kaserne gegangen, als die besetzt war. Ich bekam nun auch zwei Brote und ein paar Dosen mit Fleisch, genau so mein Bruder. Wir waren so glücklich, mal wieder reichlich Brot zu haben, zumal unsere Rationen die letzten Jahre nicht hin- und herreichten und wir ständig hungrig waren. Aber im Großen und Ganzen war das natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber wir dachten meistens auch nicht weiter wie bis zum nächsten Tag.
Es wurden Nachforschungen angestellt, ob mein Vater noch lebte, oder eventuell gefallen war, aber es wurde nichts gefunden, was darauf hindeuten konnte.


Es war jetzt das Jahr 1922 und ich sollte konfirmiert werden, aber damit wurde es nichts, denn ich war ja nicht getauft. Aus irgendeinem Grund war das unterblieben. Feiern konnten wir sowieso nicht, denn dazu war kein Geld da. Auch einen Anzug hatte ich nicht, aber meine Mutter war so tüchtig, und machte aus einer alten Hose von meinem Onkel eine neue für mich; eine hübsche gestreifte Hose, dazu ein dunkles Jackett, was alles ganz prima aussah.


Inzwischen hatte ein Onkel von uns Recherchen angestellt und herausbekommen, dass mein Vater in Wiesbaden mit einer Frau zusammenlebte und schon zwei Kinder mit ihr hatte, mit dem dritten ging sie schwanger. Das war ein verdammter Schock für meine Mutter! Nun wurde sofort die Kriegsunterstützung gesperrt und wir saßen im Moment ohne irgendwelche Mittel. Das war vielleicht eine Zeit: Sechs Kinder im Haus und keinen Pfennig Geld (eine kleine Schwester war verstorben; Anmerkung der Enkelin).


Dann ging das Elend los; keine Arbeit und nichts zu essen. Meine Mutter suchte sich Arbeit als Abwaschfrau in einem Restaurant, aber für uns Jungen war das ein Hangel und Bangel. Wir hatten wohl mal Laufstellen, aber meistens nur eine kurze Zeit und verdienen konnten wir nicht viel damit. Ein Rechtsanwalt, der meiner Mutter durch das Armenrecht zur Verfügung gestellt wurde, verklagte nun meinen Vater auf Unterhalt. Aber alle Mühe war umsonst, der hatte nichts und verdiente auch nicht so viel, dass was zu pfänden gewesen wäre. In ihrer Verzweiflung schrieb meine Mutter nach Wiesbaden, dass sie ihm die Kinder hinschicken wolle; er solle Fahrgeld schicken. Zu ihrem Erstaunen kamen tatsächlich Fahrkarten für drei Personen an. Meine Mutter hatte das an sich nicht so gemeint; sie wollte ihm nur einen Schock einjagen. Aber dass er so regierte, hatte sie nicht geahnt. Ja – was nun? Meine Mutter war so tolerant, dass sie uns frug: wollt ihr nach Wiesbaden zu euren Vater oder hier bei mir bleiben? Für uns war das natürlich ein Reiz, mit der Bahn zu verreisen und dann noch so weit! Wir entschlossen uns, nach Wiesbaden zu fahren. Was wir unserer Mutter damit antaten, konnten wir nicht ahnen, dazu waren wir zu dusselig. Für uns war das ein echtes Abenteuer. Wir versprachen unserer Mutter, oft zu schreiben und sie über alles zu informieren, was im Haus dort in Wiesbaden vor sich geht. Das sollten wir alles später bitter bereuen, was wir aber zu der Zeit noch nicht ahnen konnten.


Wir fuhren dann vom Sternschanzen Bahnhof im Frühjahr 1923 ab. Die Inflation war in vollem Gange; die Mark nichts mehr wert. Man rechnete schon nach Billionen. Uns machte das nichts aus; wir hatten so oder so kein Geld.
Wir kamen nachmittags in Wiesbaden an und da uns keiner vom Bahnhof abholte, suchten wir uns selbst zurecht. Wir fragten uns durch zur Nerostraße und standen dann mit klopfendem Herzen auf dem Hof vor einer Haustür mit dem Namen Helbig. Eine Frau öffnete uns; nicht gerade unfreundlich, aber reserviert. Unser Vater war nicht im Haus, sondern noch auf Arbeit. Wir mussten uns dann erstmal in einer großen Waschschüssel waschen, dann bekamen wir etwas zu essen und konnten uns in ein Bett legen, was nach den Strapazen der Fahrt richtig wohl tat. Ich wurde wach, als mich jemand küsste und sah, dass es mein Vater war, der nach Hause gekommen war. Ich will ehrlich sein: ich hatte den Eindruck, dass er direkt gerührt war und fast weinte. Zumindest freute er sich, das konnte man nicht übersehen.
Wir hatten uns so viel vorgenommen, was wir alles sagen wollten. Als wir aber das dürftige Leben dort kennenlernten, hatten wir beinahe Mitleid mit dieser Frau, deren Leben ja auch verpfuscht war. Denn die hatte erst dann erfahren, dass ihr Mann schon verheiratet war und sechs Kinder in Hamburg hatte, als sie selber schon drei Kinder hatte. Das Essen war immer rationiert und sehr knapp bemessen. Ich bekam gleich eine Arbeit als Bote bei der Landesdruckerei Gebr. Hiort im Landeshaus und musste Geld verdienen. Von einer Berufsausbildung oder lernen, was ich so gerne wollte, war keine Rede. Mein Bruder Artur, der noch zur Schule ging, bekam eine Laufstelle und musste auch mit verdienen. Nur mein Bruder Willi brauchte nicht zu arbeiten, da er erst acht Jahre alt war. Ich fing nun das Rauchen an; Artur brachte mir immer Zigaretten aus dem Großhandel mit.


Unsere Abenteuerlust war längst dahin – ich kann gar nichts sagen, wie wir es bereuten, aus Hamburg weggegangen zu sein. Unser ganzes Sinnen ging dahin, aus Wiesbaden wieder weg zu kommen. Dann kam mir der Zufall zur Hilfe: Willi war vor Heimweh zum Bettnässer geworden und sollte wieder zur Mutter nach Hamburg geschickt werden. Ich sollte ihn begleiten. Ich tat recht gleichgültig, aber im Inneren betete ich, dass es klappen möchte. Und es klappte! Mein Vater brachte uns zum Bahnhof und gab mir auf, dass ich auch ja gleich zurückkommen sollte. Ich sagte zu allem ja und amen, nur erstmal weg aus Wiesbaden. Ein Stein fiel mir vom Herzen, als ich im Zug saß. Ich jubelte im inneren, als der Sternschanzen Bahnhof in Sicht kam – hier war Hamburg, hier war ich zu Hause. Wir konnten gar nicht schnell genug aus dem Zug kommen und liefen die ganze Strecke vom Bahnhof bis zum Schlump, wo wir wohnten, im Dauerlauf. Meine Mutter war zu Hause, konnte aber nichts sagen, als wir vor ihr standen. Sie nahm uns nur stumm in die Arme und drückte uns an sich. Ich schwor mir, meine Mutter nie mehr zu verlassen.


Ich war mir aber darüber klar, dass eine schwere Zeit vor mir lag, denn ich musste unbedingt Arbeit finden, um meine Mutter zu unterstützen, denn was sie verdiente, langte nicht hin und nicht her. Aber das war gar nicht so einfach. Ich nahm jede Arbeit an – Hauptsache es waren ein paar Mark mehr als die Arbeitslosenunterstützung ausmachte. Meine Mutter versuchte auch alles, um etwas besser zurecht zu kommen. Aber keine Behörde oder die Kirche oder sonstige Organisation halfen ihr. Sie war restlos auf sich selbst angewiesen. Dadurch war natürlich ständig Schmalhans Küchenmeister.


In unserer Gegend wuchs das Proletariat auf und weil alle unsere Freunde und Bekannten im Roten Frontkämpferbund waren, gingen wir auch rein. Das war eine Organisation der kommunistischen Partei, aber das interessierte uns auch gar nicht, denn von Politik hatten wir wenig Ahnung. Für uns war es das Einzige, was wir hatten, um etwas um die Ohren zu haben. Da gab es Veranstaltungen, da wurde gesungen – was unser Hobby war -, dass es nur revolutionäre Lieder waren, interessierte uns nicht. Man muss das mal so sehen: Zum Tanzen gehen, wie andere junge Leute, konnten wir nicht, dazu fehlte das Zeug. Um andere Sachen mitmachen zu können, fehlte das Geld. Was blieb uns da noch? Dass wir in diesem Verein waren, brachte uns manchen Vorteil. Im Versammlungslokal bekamen wir oft ein Glas Bier und was zu rauchen und wir hatten angeregte Unterhaltung. Der Nachteil war, dass wir immer darauf gefasst sein mussten, uns mit den Nazis rumzuschlagen, die damals im Kommen waren. Ich kann aber von mir aus mit Recht sagen, dass wir denen meistens aus dem Weg gegangen sind.
Die Abneigung gegen die Nazis war bei uns schon von Anfang an geschürt worden, denn Hitler wollte die Juden vernichten. Aber wir waren mit Juden groß geworden und viele waren mit im Frontkämpferbund. Das waren meistens Arbeiter und Handwerker wie wir. Außerdem waren wir schon damals davon überzeugt, dass die Nazis eine Gefahr für Deutschland waren. Meiner Meinung nach, waren es auch die Kommunisten, die sich offen gegen die Nazis stellten. Vom Reichsbanner hörte man so gut wie nichts, höchstens das mal was in der Zeitung stand.


Dann kam das Jahr 1933; der Reichstagsbrand, wo man so einen armen holländischen Halbidioten für haftbar machte. Dann die Wahl in Deutschland, wo angeblich Hitler fast alle Stimmen erhielt.
Wir, mein Bruder und ich, wurden am Wahltag in der Eiffestraße noch verhaftet von einem Nazi, der uns mit der Pistole bedrohte und zur Wache brachte. Dort erfuhren wir erst, dass wir Flugblätter für die SPD verbreitet haben sollten; wir mussten sogar die Schuhe ausziehen, weil die Kerle glaubten, wir hätten da Flugblätter versteckt. Der Wachhabende ließ uns aber, als die Kerle weg waren, gleich wieder raus.


Nun war Hitler Kanzler und der Hindenburg, der schon sehr alt und krank war, übergab dann das Amt des Reichspräsidenten und damit fing das dritte Reich an. Diese Leute verstanden es meisterhaft, das Volk zu täuschen und zu blenden; es fing nämlich ganz ordentlich an.
Alle Arbeitslosen kamen von der Straße, die Jugendlichen in den Arbeitsdienst und die Wirtschaft wurde auf Hochtouren gebracht. Wir hatten plötzlich keine Arbeitslosen mehr, die wir ja jahrelang hatten. Schiffe wurden gebaut. Angeblich für die Arbeiter, damit die Urlaub machen konnten. Die waren aber schon für ganz andere Sachen vorgesehen, was damals noch keiner ahnte. Der Westwall wurde gebaut und die Fuhrunternehmer mit Kippfahrzeugen verdienten sich eine goldene Nase. Das Volkswagenwerk wurde gegründet und jeder Werktätige sollte für 999.- Mark einen Volkswagen kaufen können, was er schon vorher ansparen konnte. Die Betriebsinhaber mussten hygienische Anlagen schaffen in den Betrieben; das war alles dazu angetan, den Arbeiter zu ködern für die nationalsozialistische Ideologie und die meisten kleinen Leute fielen darauf rein.
Man muss das so sehen: Jahre war nur Hunger und Elend. Und plötzlich war einer da, der etwas für die Werktätigen tat. Dass er das diktatorisch machte, interessierte nicht.


Nachdem die Nazis sich das Vertrauen des Volkes errungen hatten, gingen sie an die Verwirklichung ihrer Pläne. Zuerst wurden die Juden tyrannisiert mit Stern tragen und so. Dann kam so langsam die Verschleppung in Lager. Angeblich Arbeitslager. Dann kam die Kristallnacht, wo die meisten Geschäfte der Juden zerschlagen und Bücher – die teilweise unersetzlich waren – verbrannt wurden. Juden, die es sich leisten konnten, waren längst ins Ausland gereist. Aber die meisten waren auch nur kleine Leute – Handwerker oder Händler – und hatten keine Mittel, um sich absetzen zu können. Und die wurden jetzt, nur weil sie Juden waren, verhaftet und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Wir waren mit jüdischen Mitmenschen groß geworden, haben als Kinder zusammen gespielt und haben im Sportverein zusammen geturnt. Uns tat es unendlich leid, mit ansehen zu müssen, wie einer nach dem anderen verschwand. Aber wir waren so hilflos wie noch nie.


Ich machte mich mit meinem Bruder Artur 1936 selbständig in der Speditionsbranche. Wir spezialisierten uns auf Eiltransporte und das lief wunderbar an. Wir brauchten eine Menge Leute um die anfallende Arbeit zu schaffen und hatten nach kurzer Zeit fünfzehn Angestellte. Meistens Kraftfahrer, denn wir kauften ein Auto nach dem anderen. Das waren meistens die kleinen Flitzer vom Tempo Werk Vidal & Sohn. Das ging gut und bis dahin war alles noch in Ordnung. Wir hatten wirklich Aussicht, durch unsere Arbeit wohlhabend zu werden. In diesem Jahr heiratete ich auch und wurde Vater. Aber dann kam der Hammer.
Man munkelte immer von Krieg aber das wurde bei uns nicht ernst genommen. Es kam nämlich der englische Premier, Herr Chamberlain und sprach mit Hitler, nachdem der das Sudetenland und Österreich Deutschland einverleibt hatte, über dessen Absichten für die Zukunft und ließ sich von Hitler bestätigen, dass dieser nunmehr keine territorialen Ansprüche mehr habe. Mit diesem Schriftstück fuhr er dann zurück nach England. Doch trotz dieses feierlichen Versprechens wurde Polen überfallen unter den fadenscheinigsten Begründungen.
England und Frankreich mussten nun, ob sie wollten oder nicht, Deutschland den Krieg erklären, da sie mit Polen einen Beistandspakt hatten. Russland hielt sich noch raus, denn Deutschland hatte mit Russland einen Freundschaftspakt auf zwanzig Jahre. Außerdem war die ganze Geschichte mit Polen, wie man später erfuhr, schon mit Stalin abgesprochen gewesen. Russland sollte ein großes Stück von Polen bekommen.
Frankreich wurde überrannt und besetzt, Holland, Dänemark, Schweden, Norwegen, die Slowakei – alle kleinen Staaten besetzt (bei Schweden dürfte Opa im Irrtum gewesen sein; Anmerkung der Enkelin). Alles klappte vorzüglich und die Nazis in Deutschland wurden größenwahnsinnig. Sie waren nun unumschränkte Herrscher in Deutschland und machten auch, was sie wollten.


Inzwischen waren Lebensmittelkarten ausgegeben worden und fast alles wurde rationiert. Mein Bruder war gleich eingezogen worden, als er einen LKW von uns an einem Sonntagmorgen bei der Wehrmacht abliefern musste. Ich bekam vom Statthalter Bescheid, dass ich mich zur Verfügung halten sollte. Unser Betrieb war zum Kriegs- und lebenswichtigem Betrieb erklärt worden, weil wir die Geschäfte mit Lebensmitteln vom Großhandel belieferten, die dann auf Karren an die Bevölkerung ausgegeben wurden.
Ich, sowie mein Bruder, waren aber nicht in der Nazi Partei. In dieser Zeit wurde für alles gesammelt, was man sich überhaupt denken kann. Aber man konnte sich mit einem größeren Geldschein freikaufen – das taten wir meistens, um die Leute nicht immer auf dem Hals zu haben. Dann bekam man eine Plakette an die Tür geklebt, auf der stand: Hier darf nicht gesammelt werden.
Die Betriebe wurden auch strengstens überwacht und kontrolliert, ob die gesetzlichen Bestimmungen auch befolgt wurden. Zu diesem Zweck kamen irgendwelche Parteileute zu uns ins Büro und irgendwie schaffte ich es immer, die abzuwimmeln, wenn die mich auf die Parteizugehörigkeit ansprachen. Ich war aber auch wenig im Geschäft, weil ich selbst einen Wagen fuhr und meistens unterwegs war.


Eines Tages – ich hatte gerade in Wandsbek zu tun – kam wieder eine wie damals übliche Sondermeldung aus einem Lautsprecher eines Radio Geschäftes, die sagte, dass wir gegen Russland den Krieg begonnen hatten. Für mich war das unfassbar. Wir gegen Russland? Das konnte doch nicht gutgehen. Und wir hatten doch einen Vertrag mit Russland. Aber es war wirklich so. Mir war klar, dass nun der Bogen überspannt war. Das riesige Russland gegen uns.


Wir hatten von dem ganzen Krieg bisher nicht viel gemerkt, außer ein paar Fliegerangriffen, die aber verhältnismäßig harmlos waren. Wir waren ganz schön sauer, denn uns war klar, dass es nun schlimmer werden würde. Aber was sollten wir machen? Alles ging so weiter, keiner durfte den Mund aufmachen oder an dem Sieg zweifeln, wenn er nicht eingesteckt werden wollte.
Die Nazis fütterten uns mit Siegesmeldungen, von Verlusten war nie die Rede. Man sah immer wieder in der Zeitung die Inserate „In stolzer Trauer“. Man begriff die Menschen nicht mehr.


Dann kam 1942 ein Parteimensch in mein Büro in der Rosenstraße und legte mir ein Eintrittsformular vor und ich sollte meinen Eintritt in die Nationalsozialistische Partei erklären. Als ich das nicht wollte, fing er an, mich zu beschimpfen. Ich hätte wohl noch nicht den Sinn der Zeit erfasst und mit mir müsse man andere Saiten aufziehen und ich würde von ihm hören. Ich hörte auch von ihm: Ich bekam einen Stellungsbefehl und musste mich am 20. Mai 1942 morgens um 08:00 Uhr in der Estorff Kaserne in Wandsbek einfinden. Ich wurde auch sofort eingekleidet, aber alles passte vorne und hinten nicht. Wir amüsierten uns nur darüber, aber das sollte uns bald vergehen.
Ich war bei der Musterung gvH (garnisonsverwendungsfähig Heimat; Anmerkung der Enkelin) geschrieben worden, aufgrund einer Verletzung der rechten Hand durch einen Autounfall. Ich war deshalb auch nicht eingezogen, sondern für die Wirtschaft freigestellt worden. In der Kaserne machte ich darauf aufmerksam, aber das interessierte die gar nicht.
Eines Morgens – wie waren zum Appell – hatte unser Spieß wohl schlechte Laune. Er brüllte rum wie ein Löwe, aber wir kannten das schon von ihm und grinsten wohl ein bisschen darüber. Ausgerechnet mein Grinsen musste er wohl gesehen haben, denn jetzt schrie er mich an, als wenn er mich auffressen wollte. „Sie krummes Geficke“, „Sie nachgemachter Mensch“, Sie Schießbudenfigur“ – da stach mich wohl der Hafer und ich brüllte zurück, er solle man erstmal lernen, mit Menschen umzugehen und seine Kraftausdrücke für sich und seinesgleichen aufbewahren. Nun dachte ich tatsächlich, der Kerl explodiert gleich, so rot war sein Gesicht. Drei Tage Bau hatte ich weg und vier Wochen jede Nacht Fahrzeugwache. Aber mir machte das nichts aus; um zwölf Uhr nachts suchte ich mir einen Platz in irgendeinem Fahrerhaus und schlief wunderbar bis ich morgens der Krach hörte und davon aufwachte. Ein paar Tage später wurde mein Name aufgerufen, ich musste meine Sachen packen und war zu einem Marschbataillon abbestellt worden, welches in Lüneburg zusammengestellt wurde.


Nun hatte ich doch ein komisches Gefühl. Das sah ganz so aus, als ob es nach Russland ginge. Das war wirklich das Letzte, was ich mir wünschte. Was sollte ich dort? Ich hatte doch gar keine Ausbildung; war nur garnisonsverwendungsfähig. Meine Frau kam noch mit meinem Sohn für die Zeit, wo ich noch in Lüneburg war, dorthin und machte mir Mut, denn ich war ziemlich bedrückt.
Es ging tatsächlich nach Russland; das wurde uns klar, als wir in Warschau Aufenthalt hatten. Wir durften nicht in die Stadt rein, aber ich schaffte doch, etwas zu sehen. Was man sah, war grauenhaft. Nur Trümmer. Das sah damals so aus, wie ich es später in Hamburg oder Berlin gesehen habe. Jedenfalls war es für mich ein Schock, den ich nie verwunden habe. Das war der erste Eindruck, den ich von Krieg bekommen hatte.


Der Zug hielt unterwegs noch viele Male. Einmal mussten wir längere Zeit auf einen Gegenzug warten und ich stieg aus, um mir die Beine zu vertreten. Ich war neugierig geworden, da der Waggon, wo ich drin saß, direkt vor einem Tor hielt mit der Aufschrift: „Arbeit adelt“. Vor diesem Tor standen SS Leute Wache, noch ganz junge Leute. Ich kam mit diesen Leuten ins Gespräch und frug sie so ein bisschen aus, zumal keine Menschen zu sehen waren. Da erfuhr ich, dass es sich um ein Arbeitslager für Juden handelte; die Wachen kamen sich sehr wichtig vor und plauderten drauf los. Die Menschen hatte man, als unser Zug hielt, in die Baracken gesperrt, weil diese kein schöner Anblick für uns gewesen wären. Ich kann gar nicht sagen, wie mir zu Mute war. Am liebsten hätte ich alle diese armen Menschen rausgelassen, die nur eingesperrt waren, weil sie das Unglück hatten, Juden zu sein. Aber der Zug mahnte zum Einsteigen und wir fuhren weiter, einem unbekannten Ziel entgegen. Schlimm war der Gedanke der Ohnmacht; dass man nichts dagegen tun konnte und völlig wie ein entmündigter Idiot alles mitmachen musste. Man verfluchte die Nazis.


Früh am anderen Morgen waren wir an unserem Bestimmungsort. Auf freier Strecke hielten wir an und einige Soldaten liefen am Zug entlang und forderten alles zum Aussteigen auf. Der Leutnant, der die steifen Gestalten aus dem Waggon steigen sah, sagte: „Macht ja, dass ihr in die Löcher kommt. Wenn der Iwan erst kommt, könnt ihr was erleben“. Ich meldete mich bei ihm und machte ihn darauf aufmerksam, dass ich gar kein Gewehr hatte, weil ich eine behinderte Hand habe. Er sah sich das nicht einmal an; sagte nur, dann müsse ich eben Munition tragen. Wir wurden nun eingeteilt. Also ehrlich – ich wusste nicht einmal, wo wir waren. Man drückte mir dann doch ein Gewehr in die Hand und meinte, wenn ich müsste, würde ich schon schießen können.
Da war guter Rat teuer – was sollte ich machen? Ich wurde einem Unteroffizier zugeteilt mit etwa acht Mann, der uns dann auf verschiedene Löcher verteilte. Ich bekam ein Loch, wo schon drei Mann, ein Obergefreiter und zwei Gefreite, lagen. Ich stellte mich kurz mit meinem Namen vor, was die aber gar nicht interessierte. Die waren, wie ich später erfuhr, aus Bayern und Hamburger konnten die nicht gut leiden. Als Neuling wollte ich nun gerne wissen, wie das so vor sich ging, bekam aber bloß die Antwort: „Das wirst du schon sehen; wenn wir türmen, türmst du auch“. Die hatten es sich auch leicht gemacht; den Stahlhelm ab- und das Krätzchen aufgesetzt, den Brotbeutel neben sich gelegt und die Uniformjacke aufgeknüpft. Ich wurde bald gewahr, dass das wegen der Läuse war, die sie in rauen Mengen hatten. Zwei Tage später war ich genauso verlaust.


Die erste Woche an der Front verging sehr ruhig und man merkte nichts vom Krieg. So vergingen noch drei Tage, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete. Nur von Ferne hörte man Schüsse und ab und zu kamen Russen aus dem uns gegenüberliegenden Wald, schwenkten irgendein weißes Tuch und riefen: „Nix schießen, Towarisch Germanski“. Für mich war das alles sehr aufregend, aber man gewöhnte sich daran. Ich dachte zu der Zeit noch, wenn das so weiter geht, ist der Krieg bald zu Ende, denn es waren inzwischen schon einige tausend Russen übergelaufen.
Dann kam es aber ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Es war früher Nachmittag und ich lag neben meinen Kumpels im Loch. Plötzlich hörten wir neben uns Gewehrfeuer, ich konnte aber keinen Menschen sehen. Der neben mir rief: „Schieß doch, du Idiot“. Ich starrte geradeaus, sah aber niemanden und fragte: „Wohin denn?“ Als keine Antwort kam, sah ich zur Seite und da war keiner von meinen Kumpels mehr da. Ich nichts wie raus aus dem Loch und hinter uns in den Wald rein. Auf einer Lichtung sah ich dann einen Haufen Landser, vor denen ein Leutnant mit einer gezogenen Pistole stand und sagte: „Wer nicht sofort in seine Stellung zurück geht, wird erschossen“. Ich suchte meine Kumpels und ging mit diesen in unser Loch zurück, wo der Russe inzwischen alles einkassiert hatte. Ich hatte nun überhaupt nichts mehr; keinen Helm, kein Gewehr, keine Munition, keinen Brotbeutel mit Verpflegung. Meine Kumpels besorgten mir aber noch am selben Tag Ersatzsachen.
Dann kamen diverse Angriffe der Russen, die aber jedes Mal abgeschlagen wurden. Wir hatten sehr viele Verluste zu beklagen und auf Grund der oben geschilderten Vorkommnisse wurde unser Haufen aufgelöst und wir wurden auf andere Einheiten verteilt. Ich kam zu einer Einheit, wo fast nur Berliner waren und ich muss sagen, mir war fast so, als wenn ich nach Hause kam. Die Berliner Sprache, das Herzliche der Kameraden; es war schon wohltuend bei Menschen zu sein, die dich verstanden.


Dann wurde es aber sehr ernst: Bei der Verpflegung, die uns gebracht wurde, gab es eine kleine Flasche Wodka und wir alle wussten, was das bedeutet. Dann kam der Befehl: morgen früh um 05:00 Uhr Sturmangriff auf die russischen Stellungen. Meinen Schnaps verschenkte ich, aber geraucht habe ich wie ein Schlot. Dann war es morgens; drei Minuten vor 05:00 Uhr und es hieß: Seitengewehr pflanzt auf. Punkt 05:00 ging es raus aus dem Graben. Mein Herz hämmerte, dass ich es trotz des Schießens hörte. Plötzlich kam von allen Seiten Maschinengewehrfeuer auf uns zu und wie auf Kommando drehte sich alles um und mit einem Hechtsprung waren wir wieder im Graben. Man kann nicht beschreiben, wie mir zu Mute war. Ich hätte heulen können, aber was hätte mir das gebracht? Den anderen war genauso zu Mute. Im Graben wetterten zwei Leutnants von Feigheit vor dem Feind und Kriegsgericht. Hätten wir das ernst genommen, wäre wohl kein Soldat mehr an der Front gewesen, außer ein paar hundertprozentigen Nazis. Wir wurden aber wieder auf andere Einheiten verteilt, weil unser Haufen nicht zuverlässig war.


Ich kam zu einem neuen Verein, der erst kurz vorher aus der Heimat als Ersatz gekommen war. Alle ganz junge Burschen.
Es war noch Spätsommer und das Wetter zu ertragen. Wir hatten uns in einem natürlichen Graben für die Nacht niedergelegt, das Gewehr auf dem Grabenrand mit Blick nach vorne; an schlafen war nicht zu denken, denn vor Überraschungen war man nicht sicher. Meistens waren ja auch die Nerven zum Zerreißen gespannt. Plötzlich ein leises Rascheln vor mir und ich sah, wie ein junger Russe mit seinen Kochgeschirren in jeder Hand direkt auf mich zukam. Ich rief: „Stoi Pan!“; das hatte ich schon gelernt. Der Junge bekam einen Schreck – das kann man gar nicht beschreiben – und lief, was er konnte, zurück. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen, den abzuschießen – ein riesiges Ziel – aber ich brachte das nicht übers Herz. Der arme Kerl war wahrscheinlich in derselben Lage wie ich: er musste, ob er wollte oder nicht, Soldat spielen.
Wir wurden dann in Marsch gesetzt nach Rshew an der Wolga, was die Russen nach erbittertem Widerstand geräumt hatten. Dort hatten wir ein paar Tage Ruhe, um aufgefüllt zu werden.


Rshew war ein kleines Städtchen und wäre wohl nie in Erscheinung getreten, wenn nicht ausgerechnet der Krieg es in den Vordergrund gezerrt hätte. Es war Spätsommer 1942 und es war noch erträglich, aber schon kühl und der Winter kündigte sich durch leichten Schneefall an. Wir hatten, bis auf Klamotten reinigen, nichts zu tun und viel Freizeit. Kohldampf hatten wir immer, da die Verpflegung nicht gerade üppig war. In Rshew hielten einige Einheimische immer Markttag, wo alles Mögliche verkauft wurde; auch, soweit vorhanden, Essware. Es gab da Frauen, die machten aus Kartoffelschalen Pfannkuchen und wir Landser kauften diese und aßen sie und für unsere Begriffe schmeckten die gar nicht mal schlecht. Doch ein paar Mal gab es was Unerhörtes: Frikadellen oder Fleischklöße! Die wurden natürlich gekauft wie verrückt und waren meistens ausverkauft. Ich war verdammt misstrauisch und konnte mir nicht erklären, wie die Bevölkerung zu Fleisch kam, zumal nur alte Männer und Weiber in der Stadt waren und die hatten kein Vieh was geschlachtet werden konnte. Unsere Feldpolizei durchsuchte die Stadt und fand in einem Hof Eimer mit Menschenknochen – meistens von Kindern – und verhaftete die Bewohner dieses Hauses. Es stellte sich dann heraus, dass die Weiber Kinder umgebracht und deren Fleisch verarbeitet hatten. Es waren zwei Frauen gewesen und die wurden dann öffentlich an Fahnenmasten gehenkt.


Wir wurden wieder zu einem Haufen zusammengestellt und die Verpflegung wurde plötzlich prima. Wir wussten genau, das hatte was zu bedeuten, wenn man uns mit der Verpflegung Schokolade und Schnaps sowie extra Rationen Zigaretten gab. Es hieß dann, wir sind ein Sonder-Bataillon und sollten für einen ganz bestimmten Zweck eingesetzt werden. Also, es ließ sich nicht mehr verheimlichen: Himmelfahrtskommando. Wir sollten nur noch auf einen Kommandeur aus der Heimat warten, der den Haufen übernehmen sollte. Der kam aber nie und wir wurden wieder aufgelöst, worüber wir sehr glücklich waren, denn wer stirbt schon gerne.


Wir wurden dann anderen Einheiten zugeteilt, die am anderen Ufer der Wolga lagen. Es war inzwischen richtiger Winter geworden, der Schnee lag eineinhalb Meter hoch. Wir stapften durch das Malinkatal an der Wolga zu den Auffangstellungen der deutschen Front. Du lieber Gott – war das ein trauriger Anblick. Alle zwanzig Meter im Graben vielleicht ein Mann in vorgeschobener Stellung mit einem leichten MG. Erdbunker, die mit Blechöfen versehen waren. Auf den heißen Platten wurden die Läuse geknackt und hinterher das Brot geröstet. Alle zwei Stunden wurde man als Posten abgelöst, aber an Schlaf war meistens nicht zu denken, denn wenn man reinkam, wurde erstmal gelaust. Die Läuse waren aber so widerstandsfähig, dass sie sich schneller vermehrten, als wir sie vernichten konnten. Wir zogen unser Hemd aus und legten es auf den Grabenrand und dachten, dass die Läuse bei der Kälte eingehen würden, aber typischer Fall von denkste. Meine Brust war inzwischen von Läusen so zerfressen, dass ich unbedingt zum Arzt musste. Mensch, hat der mich zur Sau gemacht: das wäre Selbstverstümmelung; man müsse mich vor ein Kriegsgericht bringen. Ich habe ihn glatt gefragt, ob er glaube, dass ich das mit Absicht und zum Vergnügen mache? Er gab mir dann eine gelbe Salbe zum einreiben und ich bekam tatsächlich die Viecher weg.


Unsere Stellung lag unmittelbar vor einem Panzerfriedhof, wo zig T34 still vor sich hin rosteten. Der Russe rannte oft gegen unsere Stellungen an, wurde aber immer zurückgeschlagen. Aber man muss sich in die Lage versetzen: Nachmittags war die sogenannte Kaffeemühle am Himmel, das war der russische Aufklärer. Morgens um 03:00, 04:00 Uhr ließen sie die Panzermotoren warmlaufen – wie das nervte! Den ganzen Tag hörten wir aus Lautsprechern deutsche Marschmusik; dann sprach ein Deutscher, der übergelaufen war: „Kameraden, wenn ihr die Heimat wiedersehen wollt, kommt zu uns rüber. Bringt nur Wolldecke und Kochgeschirr mit und wir garantieren euch eine gute Behandlung. Also kommt oder ihr werdet die Heimat nie wiedersehen.“
Jede Nacht hatte der Russe einen anderen Bunker ausgeräumt, was anderen Tages erst entdeckt wurde. Er ließ dann einen ganzen Packen Passierscheine zurück, damit sich Überläufer gleich bedienen konnten. Das war alles nur möglich, weil unsere Stellungen unheimlich dünn besetzt waren. Ich musste zum Beispiel zwei Schießscharten bedienen, weil nicht genügend Landser da waren und Ersatz gab es auch nicht mehr. Die Patronenhülsen mussten eingesammelt werden. Man muss sich das mal vorstellen: da wurde erst geschossen und wenn der Angriff abgeschlagen war, mussten die Hülsen in eine Kiste gesammelt werden. Und geschossen wurde nur auf Befehl. Mir passierte es, dass mir beim Laufen eine Kiste herunterfiel. Die Hülsen fielen raus und in den Graben. Ein Fähnrich legte das als „Feigheit vor dem Feind“ aus und meldete mich dem Kommandanten. Der jagte mich dann aus dem Graben und ich musste den toten Russen die Stiefel ausziehen.
Es war aber auch manchmal wirklich zum Verzweifeln. Die schlechte Verpflegung, die Kälte, das Ungewisse. Es wusste doch sogar niemand, warum wir überhaupt in Russland waren. Das war ein trauriger Krieg, den Ober-Idioten vom Zaun gebrochen hatten.
Dann hatte der Russe mal wieder unseren Graben gefleddert und einige Bunker ausgeräumt, worin die Meister waren. Und es hieß: die Stellungen werden geräumt – woran wir allerdings nicht glaubten.


Ich war krank geworden und hatte auch kleine Splitter im Nacken stecken, so dass ich meinen Kopf nicht mehr bewegen konnte. Ich wurde im Arztbunker untersucht und sollte ins Lazarett, aber an genau diesem Tag zogen wir tatsächlich ab. Die Russen hatten uns eingekreist und wir wären zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr rausgekommen. Ich musste also mitmarschieren bis in die neue Auffangstation – das war eine echte Quälerei. Wir hatten einen Pferdewagen bei uns, an dem durfte ich mich festhalten. Und ich hatte nur den einen Gedanken: mitkommen. Wenn die Russen gewusst hätten, wie wenige wir noch waren – die hätten uns so wegpusten können. Von unserer Kompanie waren noch etwa zwanzig Mann nach; alle anderen waren gefallen. Das Groteske war, dass der Russe mit uns auf derselben Höhe vorging und ich hörte, wie unser Leutnant sagte: „Hoffentlich greifen die uns nicht an, dann sind wir erledigt.“


Wir kamen in neuen vorbereiteten Stellungen an und ich bekam von unserem Truppenarzt den Überweisungsschein ins Lazarett Brest-Litowsk. Dort wurde ich dann am nächsten Tag operiert und fühlte mich in meinem weichen Bett sauwohl. Nach drei Tagen konnte ich schon wieder aufstehen und machte mich im Lazarett nützlich. Ich war froh, etwas um die Ohren zu haben. Der Stabsarzt, Herr Dr. Kowarsch, ein netter älterer Herr aus Österreich, hätte mich noch gerne dabehalten, aber das durfte er nicht, denn es bestand ein Befehl, Genesende abzuschieben. Ich wäre auch noch ganz gerne dort geblieben – nur nicht wieder an die Front nach vorne.
Mit Marschbefehl und Marschgepäck musste ich dann nach Erfuhrt fahren und mich bei einer Genesenden-Kompanie melden. Nun bekam ich meinen Erholungsurlaub und fuhr nach Hause.


Nach meinem Urlaub musste ich wieder nach Erfuhrt zum Marschbataillon und wir wurden nach Frankreich verladen, nahe der Stadt Rennes. Dort hatte man ein ruhiges Leben mit ausreichend Verpflegung und nur Wachdienst. Da war ein Schloss, wo wir nachts Posten stehen musste und untergebracht waren wir im Kutscherhaus, wo man aus Holz Etagenpritschen gebaut hatte. Ich suchte mir ein Bett in unterster Reihe, weil mir das am bequemsten erschien. Als ich meine Wache rum hatte, legte ich mich in mein Bett, behielt aber die Unterhose an und schlief gleich ein. Es dauerte nicht lange, da machte mich ein Krabbeln in der Unterhose wach. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen – so viele Mäuse hatte ich noch nie auf einen Haufen gesehen. Ich konnte gar nicht schnell genug meine Unterhose ausziehen, um die Mäuse auszuschütteln. An Schlaf war natürlich nicht mehr zu denken – die Mäuse waren in solchen Massen da, dass sie sich von uns Menschen überhaupt nicht beeindrucken ließen.
Die Zeit in der Bretagne war eigentlich nur ein rumtrödeln. Ich war viel in Behandlung beim Arzt, weil ich immer geschwollene Füße hatte.


Aber dann war es wieder so weit: wir wurden auf LKWs verladen und ab ging es nach Italien. In Verona angekommen wurden wir als Ersatz den Truppenteilen zugeteilt, die an der Front in Aprilia lagen. Hinter Rom war ein Bataillonsstab, bei dem mussten wir uns melden. Ein paar Tage später kam ein Offizier der Einheit von der Front und teilte uns zu Haufen ein, die schon viele Verluste hatten und nur noch kleine Grüppchen waren. Da hieß es dann: MG Schützen links raus, Granatwerfer rechts raus, und so weiter. Ich hatte mich zu nichts gemeldet und stand nun allein in der Mitte. Ich hatte ja auch kein Gewehr bei mir, nur eine Pistole. Der Offizier fragte mich, „was wollen Sie denn?“. Ich meldete mich zackig mit Namen und sagte ihm, dass ich als Kraftfahrer geschickt worden sei. Er sagte nur, „suchen Sie sich ein Quartier und warten Sie, bis Sie gebraucht werden“.


Nach drei Tagen bekam ich Bescheid, dass ich spät abends den Chef abholen sollte. Auf dem Weg zur Front hatten wir einen markanten Punkt, das sogenannte Rote Haus, welches vom Feind nicht eingesehen werden konnte. Auch war da ein ehemaliger Garten, wovon nur noch die Eckpfeiler standen. Ich fuhr nachts los mit dem PKW vom Chef – einem Skoda ohne Starter und man konnte keinen Gang reinkriegen, ohne dass es im Getriebe krachte, und die Zündung setzte laufend aus. Alles in allem eine fürchterliche Karre!
Nachts um 03:00 Uhr wartete ich auf meinen Chef bei dem oben erwähnten Roten Haus. Den Wagen hatte ich hinter dem Haus abgestellt; ich selber stellte mich hinter einen der Eckpfeiler des Gartens, weil es mir da sicherer erschien. Ich wartete so circa drei Stunden und hatte unglaublich kalte Füße bekommen. Also trat ich die ganze Zeit auf der Stelle, um die Füße irgendwie warm zu bekommen. Als es hell wurde und ich allmählich meine Umgebung erkennen konnte, sah ich zu meinem Entsetzen, dass ich die ganze Zeit auf einem gefallenen Amerikaner herumgetrampelt hatte. Der war bis zu ebener Erde eingebuddelt. Ich kann gar nicht sagen, wie mir das Leid tat! Ich tat im Stillen Abbitte bei dem armen Kerl und noch heute, nach 38 Jahren, geht mir ein kalter Schauer über, wenn ich daran denke. Obgleich ich wirklich nichts dafür konnte.


Um 07:00 Uhr morgens kam mein Chef mit einem Krad angefahren, schwang sich in den PKW und fuhr wie der Teufel los. Ich schwang mich im letzten Moment noch hinten drauf, sonst hätte der mich glatt stehen lassen. Aber seine Schnelligkeit war schon richtig, denn der Ami schoss laufend mit Phosphor-Munition auf die Straße.
Angekommen beim Bataillon konnte ich mich erst richtig melden. Der Kommandeur, Major Warnatz, übergab mir den PKW mit den Worten: „Machen Sie mir den Wagen tadellos in Ordnung, damit man damit auch fahren kann.“
Ich war froh, dass ich was um die Ohren hatte und machte mich an die Arbeit. Der Wagen war an sich ein neues Fahrzeug; in der Tschechei gebaut für die deutsche Wehrmacht. Die Dinger wurden dann nur ohne Starter ausgeliefert; den konnte man nur andrehen und das war gar nicht so einfach, denn die Zündung stimmte nie. Man munkelte von Sabotage. Ich drehte einige Runden und hörte die Geräusche ab und dann war alles ganz simpel: Es war nicht ein bisschen Öl im Getriebe, auch nicht im Differenzial und die Kerzen waren völlig verbrannt – die Karre konnte gar nicht einwandfrei laufen.
Am Nachmittag wollte der Chef nach Rom fahren – ich muss noch sagen, dass er ein fanatischer Auto-Narr war und mit seinem Dienstwagen mehr als penibel. Er schwang sich in sein Auto und ich musste neben ihm sitzen. Ich muss schon sagen: er sah stattlich aus; die Mütze schief auf dem Kopf, der Anzug saß wie angegossen. Der Motor lief schon, er brauchte nur noch zu schalten und loszufahren. Nun war ich gespannt, wie das wohl gehen würde, aber es ging alles klar. Keine Geräusche beim Schalten, kein Krach beim Fahren. Der Chef sah mich abschätzend von der Seite an und fragte: „Wie haben Sie das gemacht, Helbig?“, aber ich erzählte ihm lange nicht, wie simpel das war. Ich sagte nur: „Gelernt ist gelernt, Herr Major“. Von da an hatte ich bei ihm einen Stein im Brett und ich fühlte mich ganz wohl dabei.


Eines Tages musste ich mir Ersatzteile holen bei der Nachbareinheit – wo ich übrigens auch meinen Sprit für den Wagen herbekam -, die lag am Albaner See, die IR 8. Ich war gerade mit dem Wagen beschäftigt, als ein Landser mit Vollbart, ein Unteroffizier, plötzlich bei mir auftauchte. Ich dachte noch, was will der denn jetzt von mir? Dann guckte ich richtig hin, und was soll ich sagen – mein Bruder stand vor mir. Der hatte in einem Brief von seiner Frau erfahren, dass ich an der Via Appia beim Lehrregiment lag. Ich staunte nicht schlecht, und wir hatten uns viel zu erzählen. Der war bei einer Einheit, die später bei Monte Cassino viel mitmachen musste.


Inzwischen waren wieder Leute von unserem Haufen von der Front zurück und ich musste immer wieder mal mit ein paar Mann nach Rom in den Puff fahren. Das ging dann so vor sich: die Landser mussten sich unten an der Treppe aufstellen, wo ein Sani ihnen einen Spritze verpasste. Dann kam oben eine Nutte an die Treppe und sagte wie beim Arzt: „Der Nächste, bitte“. Kamen die Kumpels wieder runter, bekamen sie wieder eine Spritze. War das alles erledigt, holte ich die nächste Fuhre, denn die Fahrt dauerte nur ungefähr eine halbe Stunde.


An der Front ging es inzwischen hoch her; der Beschuss von den Amis wurde immer stärker. Inzwischen war unser Kommandeur abgelöst worden, und mein neuer Chef war gerade das Gegenteil von dem alten. Türen am Auto kannte der gar nicht; er stieg einfach mit seinen langen Beinen über die Türen weg. Auch war er nicht so pingelig mit der Behandlung des Wagens. Den musste ich bis dicht an die Front ranfahren, auch wenn alles unter Beschuss lag. Dieser neue Chef war Otto Friedrich von Beneckendorff und von Hindenburg, der Enkel von Paul von Hindenburg. Er war ein prima Kerl. Von seinen berühmten Vorfahren hatte er die alte Mütze von 1914-1918 auf. Man konnte mit ihm über alles sprechen; er hatte für alles Verständnis.


Die Lage an der Front war ungeheuer gespannt. Es ging nicht mehr vorwärts. Von See her wurden unheimliche Brocken auf unsere Stellungen abgefeuert und es wurde verdammt ungemütlich. Da bekamen wir über den Ticker eine Nachricht, dass unsere Luftwaffe – die wir lange nicht gesehen hatten – einen Großangriff auf die gegnerischen Stellungen und Schiffe auf dem Meer starten wollte. Wir atmeten auf – vielleicht brachte das eine Entlastung.
Pünktlich morgens 05:00 Uhr ein unheimliches Brummen in der Luft. Da kamen sie angeprescht – eine ganze Armada von Flugzeugen, die in Richtung See flogen. Aber was wir sehen konnten, war erschreckend: schon vor den ersten Flugzeugen ging ein Vorhang von Feuer auf; die ganze Front war der Himmel nur eine Lohe. An einen gezielten Abwurf von Bomben war unter diesen Umständen gar nicht zu denken. Viele unserer Flugzeuge machten Not-Abwürfe um dem Inferno zu entkommen. Seitdem haben wir in Italien keine deutschen Flugzeuge mehr gesehen.


Dann hieß es, wir sollten Auffangstellungen in den Apennin beziehen, die noch geheim waren. Nur hatte jeder gefangene italienische Partisan eine Postkarte bei sich, wo diese Stellungen schon eingezeichnet waren.
Mein Chef war noch an der Front und ich sollte mit dem Auto zurück und noch einen Zahlmeister und einen verwundeten Leutnant mitnehmen. Es war jetzt sehr eilig, denn die Amis waren im Vormarsch und kamen schnell auf uns zu. Die Jabos der Amerikaner (Jagdbomber; Anmerkung der Enkelin) jagten uns wie die Hasen. Alle Augenblick mussten wir im Straßengraben Deckung suchen und die Hülsen der Geschosse klapperten auf die Straße. Ich habe nie gewusst, dass man von Flugzeug aus so präzise schießen kann.
Wir fuhren nach Rom hinein und da sah ich, dass die Einwohner brennende Kerzen in die Fenster gestellt hatten. Das sollte wohl ein Willkommensgruß für die Amerikaner sein. Beim Kolosseum musste ich noch mal halten, weil der Zahlmeister angeblich noch was zu erledigen hatte. Er kam und kam nicht wieder, obgleich die Zeit drängte. Notgedrungen musste ich ohne ihn fahren, denn zu meinem Entsetzen kamen schon amerikanische Panzer um die Ecke. So schnell hat mich wohl noch niemand flitzen sehen; rein ins Auto, Gang rein und mit einem Affenzahn die Hauptstraße bis zur Via Flaminia, um möglichst schnell aus Rom rauszukommen.


Die Fahrt war furchtbar. Die Jabos der Amis hielten mit ihren Bordwaffen in die zurückflutenden Massen von Fußgängern, LKWs, PKWs und Pferdewagen der flüchtenden Zivilisten. Man kann sich die Verluste vorstellen; links und rechts der Straße zerschossenes Material, zerstörte Häuser und Gefallene. Es war grausam. Wir mussten auch höllisch aufpassen, denn die Jabos hatten zwei dicke Bomben mit und die warfen sie auf, ihrer Meinung nach, lohnende Ziele. Welche sie auch gut ausmachen konnten, da sie immer im Tiefflug angriffen.
Meinen Zahlmeister habe ich nie wiedergesehen. Der war, wie ich später hörte, in Rom bei seiner Liebsten geblieben. Der Leutnant war noch bei mir und das war gut so, denn wenn wir angehalten wurden, konnte der immer was von Befehlen des Kommandeurs erzählen, was man mir nie geglaubt hätte. Sprit war unterwegs nirgendwo zu bekommen; ich hatte aber vorgesorgt und einige Kanister in Reserve mitgenommen. Ich schaffte es bis Verona, wo ich mich ja nun melden musste.


Ich muss sagen, der Name Hindenburg hatte immer noch einen guten Klang und mir wurde gesagt, ich solle in Verona auf meinen Chef warten, was ich nur allzu gerne tat. Ich bekam Quartier in einem Privathaus wo sogar ein Ofen im Zimmer stand und da es sehr kühl war, wurde fleißig geheizt. Eines Nachts wachte ich ganz benommen auf und konnte knapp aufstehen; ich konnte gerade noch zur Tür hin krabbeln und sie aufmachen. Das war gerade noch mal gut gegangen; ein Landser, der mit im Zimmer geschlafen hatte und ich hatten eine ausgemachte Kohlenoxid-Gas Vergiftung und mussten schnellstens ins Lazarett. Nach drei Tagen wurde ich entlassen und musste mich wieder auf der Kommandantur melden. Dort wurde mir eröffnet, dass ich als Beisitzer beim Kriegsgericht Verona fungieren müsse. Mir war alles egal – ich hoffte nur, dass der Krieg zu Ende gehen möge.
Als Beisitzer beim Gericht war ich auch nur eine Figur; zu sagen hatte ich gar nichts und wurde auch nie nach meiner Meinung gefragt. Nur die armen Kerle taten mir leid, die da verurteilt wurden. Wofür so mancher zum Tode verurteilt wurde, war einfach lächerlich. Zum Glück wurden keine Todesurteile mehr vollstreckt; die kamen höchstens zum Bewährungsbataillon und hatten es nicht schlechter, als alle anderen. Aus dem einfachen Grund, dass sich so leicht kein Kommandeur für diesen Haufen fand.


Ich war nun schon zwei Monate in Verona und kein Chef ließ sich sehen. Da bekam ich plötzlich Bescheid, meinen Wagen zu einer Einheit, die ich nicht kannte, abzugeben. Ich trödelte aber noch ein paar Tage herum und als ich schließlich bei der besagten Einheit ankam und mich dort meldete, wusste kein Mensch was vom Fahrzeug oder mir. Nach langem hin- und her sagte man mir, ich solle das Fahrzeug abstellen und verschwinden. Ich wusste nur nicht, wohin ich verschwinden soll und sagte denen das auch. Ein Leutnant sagte mir, dann solle ich eben da bleiben, es wäre sowieso egal. Was er damit meinte, wusste ich damals noch nicht.
Ich wurde gefragt, ob ich kochen könne und sagte mit ruhiger Miene, dass Kochen mein Hobby sei. Dann stellte ich fest, dass ich beim Panzerregiment und Jagdgeschwader 98 gelandet war. Also gezogene SS. Ich bekam einen ganz schönen Schreck, als ich das hörte aber ich konnte nichts dran ändern. Ich bekam eine schwarze Uniform an und stand in einer italienischen Küche; die Herren wollten Sauerbraten mit Knödeln essen. Der Braten geriet mir auch sehr gut, aber mit den Knödeln hatte ich meine Last; die fielen mir immer wieder auseinander. Bis ich dann die gute italienische Mami bat, mir doch behilflich zu sein – da klappte es vorzüglich. Ich wurde dann nach dem Essen mit Lob überschüttet, wo ich das gelernt hätte. So gut hätten sie schon lange nicht gegessen.
Das ging so einige Wochen; ich wünschte nur, dass der Koch, der im Urlaub war, nicht so schnell zurückkommen möchte, damit ich meinen Job behalten könne.


Dann wurde es aber unruhig an der Front, laufend Fliegerangriffe und wir hatten dem nicht viel entgegen zu setzen. Ich war vormittags rausgeschickt worden, um einen neuen Graben zu faschinieren, der als Auffangstellung dienen sollte. Plötzlich war ein unheimliches Brummen in der Luft zu hören und als ich aufsah, war der Himmel schwarz von Flugzeugen. Ich ließ alles liegen und rannte wie besessen in Richtung Quartier. Als ich merkte, dass ich es nicht mehr bis zum Quartier schaffen würde, rannte ich auf einen Bauernhof und kroch in einen freistehenden Backofen. Ich presste mich an die Erde und machte mich ganz klein. Es kam noch ein junger Landser in den Ofen und setzte sich mir gegenüber an die Wand. Dann ein Pfeifen von fallenden Bomben und ein Krachen, als ginge die Welt unter. Immer neue Detonationen, alles Splitterbomben dicht an dicht; man hat Angst, aber denken tut man an nichts, behaupte ich. Dann direkt vor unserem Ofen ein ekelhaftes Krachen und mir war, als wenn einer mit einem dicken Knüppel auf meine linke Schulter schlug. Ich drehte meinen Kopf etwas zur Seite und sagte zu meinem Kameraden: „Ich hab was abbekommen“. Ich sah aber nur, wie sein Kopf zur Seite fiel und ein Stöhnen war zu hören. Derselbe Splitter, der meine Schulter aufgerissen hatte, war dem armen Kerl durch die Brust geschlagen. Ich hätte bei seinem Anblick heulen können, aber ich war richtig in Panik. Ich kroch aus dem Ofen und wollte nur weg, fiel dabei aber in ein Loch, wo eine Bombe einen Baum herausgerissen hatte. Ich wurde nicht mal bewusstlos – wahrscheinlich waren die Nerven so in Aufruhr, dass ich keine Schmerzen spürte. Ein Sanitäter suchte Deckung und sprang zu mir in das Loch. Er versprach, mir Hilfe zu holen. Nach kurzer Zeit kam er dann mit einem alten Karren wieder wo er mich draufpackte und erstmal in den Keller eines Hauses brachte. Als ich da mit meiner Verwundung reingetragen wurde, fingen die Leute an zu weinen und zu schreien, dass ich es selbst als unangenehm empfand. Zwei Mann holten mich dann aus dem Keller raus und brachten mich zum Sanitätsbunker. Dort bekam ich Spritzen und ein Notverband wurde angelegt. Draußen wurde ich auf den letzten freien Platz im Sanka gelegt, der sofort losfuhr.


Wir lagen mit sechs Mann in dem Sanka und sollten ins nächste Lazarett gebracht werden. Unterwegs wurden wir immer wieder von Tieffliegern angeflogen, die aber wohl das Kreuz auf dem Auto sahen und nicht schossen. Angekommen im Lazarett wurden wir auf lange Tische gelegt und sofort operiert. Die Ärzte dort hatten alle Hände voll zu tun. Die haben enorm was geleistet; da kann man nur sagen: Hut ab! Als ich im Bett lag, fühlte ich mich so richtig wohl. Nur der enorme Geruch aus meiner großen Wunde störte mich. Ich war aber so schläfrig, dass ich das nur im Unterbewusstsein wahrnahm. Da ging die Tür auf und zwei Sanitäter mit einer Trage kamen rein. Ich dachte nur, wo die wohl hinwollen?, da waren die schon an meinem Bett und legten mich auf eine Trage, und im Eilschritt ging es zurück in den Operationsraum, wo eine Nachoperation vorgenommen wurde, da Verdacht auf Gasbrand bestand, und ich schon am wegdämmern war.
Die Front war nun so dicht vorgedrungen, dass das Lazarett verlegt werden musste und es hieß, nur sitzende Verwundete können mit verlegt werden; alles andere muss zurückbleiben. Ich fand einen Platz auf einem LKW auf Stroh und war froh, dass ich mitkam.


Wir fuhren bis nach Meran in Südtirol, wo ich im Haus Emma im Lazarett unterkam. Herrgott – war das ein Gefühl, in weißen Betten zu liegen. Wie lange war das her, dass man das kannte. Aber in der Nacht bekamen wir Besuch: so viele Wanzen hatte ich noch nie auf einen Haufen gesehen. Erst wurden mal so viele erledigt, wie man zu fassen kriegte; dann wurden die Füße von den Betten in Schalen mit Wasser gestellt. Aber leider war das vergebens, denn sowie es dunkel wurde, ließen sich die Viecher von der Zimmerdecke fallen und brachten ihre ganze Verwandtschaft mit. Übrigens war in demselben Lazarett auch der bekannte Kabarettist Werner Finck, der auch mit für Unterhaltung sorgte. In Meran waren auch amerikanische Kriegsgefangene untergebracht, die von unseren Ärzten genau wie wir behandelt wurden, und das sollte sich noch als sehr gut erweisen. Dann kam die Kapitulation und der Krieg war endlich zu Ende.


Der Amerikaner zog in Meran ein und besetzte es. Die Italiener, die ja unsere Verbündeten waren, benahmen sich wie die Idioten. Kamen Ami-Jeeps vorbei, wollten sie aufspringen und schrien nach Leibeskräften – doch die Amis hatten da nichts für über und mancher wurde unsanft zurückgeschubst. Ja, ja – die Italiener waren ein trauriger Verein.


Ein amerikanischer General besuchte seine Soldaten in dem Lazarett und sprach den dortigen Ärzten seinen Dank für die gute Behandlung seiner Leute aus. Er erklärte sich dann noch bereit, von uns einige Genesende in ein amerikanisches Erholungslager aufzunehmen. Mein behandelnder Arzt schickte mich mit zu den Amis und gab mein Röntgenbild mit. Als ich das sah, wurde ich blass. Oben auf dem Bild – in der linken Hälfte – stand ganz dick: SS I.R.98. Mit diesem Zeichen wäre ich sofort in ein Lager gekommen, wo nur echte Nazis gefangen gehalten wurden. Ich nahm also mein Taschenmesser und schabte die Gelatineschicht ab. So konnte der Ami nicht sehen, wo ich herkam.
Im Zeltlager der Amis war es ganz prima! Endlich mal wieder gut zu essen; dort gab es alles in Hülle und Fülle, was wir mit unseren geschwächten Organen gar nicht bewältigen konnten. Die Amis konnten nicht begreifen, dass z.B. Speck weggeworfen wurde. So gut, wie die das meinten; unsere Mägen weigerten sich einfach, das zu verdauen.


Ich wurde dann entlassen nach dem Flugplatz Ghedi bei Mailand, wo ungefähr einhunderttausend Gefangene waren. Auf der Fahrt dorthin bewarfen uns die Italiener mit Steinen und Dreck und spuckten uns an, bis es unserer Begleitung zu viel wurde und sie die Itaka mit Maschinenpistolen wegjagten. Angekommen in Ghedi mussten wir alles, aber auch restlos alles abgeben. Selbst extra Schuhe und Jacken und Wolldecken und Armbanduhren. Dann konnten wir es uns auf der kahlen Erde bequem machen, und es wurde nachts ganz schön kalt.
Ich brauchte als Genesender nicht arbeiten und wurde nach ein paar Tagen zum Ausfragen geholt. Ob ich Nazi war und wo ich wohne und so weiter. Es stellte sich dann heraus, dass der Offizier als junger Mann mal in Hamburg zu Hause war und gut Bescheid wusste. Ich wurde dann mit anderen in einen Güterzug verladen und ab ging es mit einem Entlassungsschein in der Tasche in die Heimat.
Ob ich wohl glücklich war? Für mich war eine Epoche zu Ende gegangen.

Hier endet das Manuskript. Ich hätte gerne mehr gelesen – über die besseren Zeiten. Wenn es die dann gab. Im Rückblick glaube ich, dass mein Großvater im Krieg etwas verloren hat, was er nie zurückbekommen konnte.
Mein Großvater, wie ich ihn kannte, war ein kleiner, dicker Mann, der selten gelacht, nie geweint und für sein Leben gerne gegessen hat. Mit viel zu kurzen Beinen, weil er als Kind die „englische Krankheit“ hatte. Bezeichnenderweise findet dieser Umstand keine Erwähnung in seinem Manuskript. Mein Großvater hat sich nie beklagt. Ebenso wenig wie meine Großmutter. Es hätte in ihrem Leben auch keinen Sinn gemacht. Das Leben wird nicht leichter, wenn man es schwer nimmt.


Ich hatte das Glück, bei diesem Zeitzeugen aufzuwachsen – meine Großeltern lebten mit meiner Urgroßmutter im selben Haus wie wir. Opa hat mir Kiensche gekocht und Lumpenpuppen genäht. Und mir – genau wie meine Großmutter und meine Urgroßmutter – meine endlosen Fragen über den Krieg beantwortet. Ich liebte als Kind die Geschichten über den Krieg; über dieses gewaltige Abenteuer. Welches Leid das Abenteuer für die Abenteurer bedeutete, hat sich mir erst Jahrzehnte später erschlossen. Die nächtliche Flucht meiner Großmutter mit zwei kleinen Kindern und ihrer Mutter im Handwägelchen, weil die alte Frau nicht mehr laufen konnte. Ein junger Russe hatte ihnen den Weg für den Preis einer kleinen Taschenlampe gezeigt. Bei jeder Umkreisung der Suchscheinwerfer warfen sie sich auf den Boden und beteten, nicht gesehen zu werden. Mittendrin mussten sie die Oma zurücklassen, weil das Wägelchen sie so langsam vorankommen ließ. Und als die Kinder sicher auf der anderen Seite waren, wurden sie von meiner Großmutter versteckt und sie kehrte um, ihre Mutter zu holen. Meine Großmutter, die während Bomben fielen, auf die Straße rannte, weil meine vierjährige Mutter sich vor Angst nicht mehr bewegen konnte und erstarrt stehen geblieben war, während Bruder, Mutter und Oma sich in den Bunker retteten. Mein Großonkel, der als Arzt an der Front jeden Tag mit dem Grauen konfrontiert war. Zunächst glaubte er noch an die strahlende Zukunft Deutschlands und sprach in seinen Briefen seiner Frau Mut zu. Und das es das Opfer wert sei. Später ging es nur noch darum, den behinderten Sohn zu verstecken, der als lebensunwertes Leben deklariert worden war. Butzi – er hat es überlebt. Der zweite Sohn, Arzt wie mein Großonkel, hat es nicht überlebt. Wie beide Eltern meines Vaters. Seinen Vater hat eine Bombe zerrissen; seine Mutter ist an einer Mittelohrentzündung gestorben. Es gab keine Medikamente.

Es ist in der Tat bedauerlich, dass die Zeitzeugen aussterben. Denn Einiges, was Deutschland immer noch und immer wieder zugeschrieben wird, über das Land und seine Bewohner, ist nur durch Zeitzeugen zu korrigieren. Nur will diese Art von Zeitzeugen niemand hören.
Die Entnazifizierung ließ ein traumatisiertes Volk zurück. Alle waren schuldig und es lag am Einzelnen, seine Unschuld zu beweisen. Was in einem gewissen Widerspruch zu einem der vornehmsten Grundsätze des Rechtsstaates steht – doch auf solche Kleinigkeiten kann bei der Abrechnung mit dem Tätervolk keine Rücksicht genommen werden. Geschweige denn, dass irgendjemandem dieses Tätervolkes zugestanden wurde, auch ein Opfer gewesen zu sein. Es dürfte einzigartig in der Geschichtsschreibung sein, dass die Schuld der Diktatur einem Volk als Erbe auferlegt wird. Und sich – fast – niemand gegen diese Diffamierung wendet und wenn er es tut, umgehend weitere Diffamierungen folgen. Im Prinzip ein unglaublicher Vorgang – wenn er nicht die Deutschen betreffen würde. Wir haben uns wohl in 80 Jahren dran gewöhnt.
Die Zeitzeugen sterben aus. Doch jene, die die Kollektivschuld der Deutschen mit unversöhnlichem Hass immer wieder beschwören, sind höchst lebendig. Wie bedauerlich.

Gertrud „Tutti“ & Richard Helbig
1911 – 2004           1908 – 1984
Ich liebe Euch.

2 Kommentare

  1. Zitat: „Einiges, was Deutschland immer noch und immer wieder zugeschrieben wird, über das Land und seine Bewohner, ist nur durch Zeitzeugen zu korrigieren. Nur will diese Art von Zeitzeugen niemand hören. “
    Zitat: „Es dürfte einzigartig in der Geschichtsschreibung sein, dass die Schuld der Diktatur einem Volk als Erbe auferlegt wird.“
    Zitat: „Die Zeitzeugen sterben aus. Doch jene, die die Kollektivschuld der Deutschen mit unversöhnlichem Hass immer wieder beschwören, sind höchst lebendig“
    –Kommentar–
    Die Geschichte von der Kollektivschuld lässt sich nicht ewig aufrecht erhalten. Sie dient der Erhaltung von Privilegien weniger, zu Lasten der Mehrheit. PC, – die politische Korrektheit, ist so lange unkorrekt, wie es noch verschlossene Archive gibt. Dort lagert die geschichtliche Korrektheit.
    Mit anderen Worten, Leugner und Lügner verschwänden nach Öffnung ALLER historischen Archive wie der Nebel bei Sonnenschein.
    Noch haben die politsch Korrekten die Macht, dies ist jedoch kein Grund ihren Geschichten Glauben zu schenken. Prüft was ihr hört, habt den Mut euren Verstand zu benutzen. Macht eure Hausaufgaben – für eine bessere Zukunft.

    1. Ich wage zu bezweifeln, dass Leugner und Lügner verschwinden würden. Vielmehr steht zu befürchten, dass diese Informationen das selbe Schicksal erleiden würden, wie ihre Artgenossen: Was nicht in den Brainstream passt, darf nicht sein. Doch die Vision gefällt mir.

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