Von Inseln und Menschen

Kürzlich setzte ein Freund von mir seinen tiefsinnigen Gesichtsausdruck auf und sagte: „Die schönste Insel ist die unentdeckte.“ Du meinst – Sehnsucht nach dem Unbekannten?

Meine Insel erkenne ich schon aus der Ferne: die Formation der Palmen am Strand, deren Sichelstämme  einzigartig sind. Und manchmal – aus einem ganz bestimmten Winkel, wenn ich aufgetaucht bin und mir das letzte Meerwasser aus den Augen blinzele – es so aussieht, als würde dort WOW geschrieben stehen. Wo ich – kaum angekommen – zu Großväterchen Papayabaum laufe und erleichtert bin, dass er den letzten Sturm nur leicht zerzaust überstanden hat. Dann gehe ich zu der alten Quelle, die schon lange, bevor es mich gab, den Himmel spiegelte. Ich beuge mich über ihre Wasseroberfläche und aus der Tiefe hallen die Gesichter tausender Köpfe, die dankbar tranken. Und ganz tief unten mein Spiegelbild von jenem Tag, an dem ich zum ersten Mal trank.  

Meine Hütte steht auch noch und mit ein paar neuen Palmwedeln wird sie den Regen wieder abhalten. Grenzenlos mein Entzücken, dass ich den lange vermissten Ring hier neben meiner Hängematte vergessen hatte.

„Wie kann etwas, dass du nicht kennst“ frage ich ihn „schöner sein, als das Vertraute?“ „Es ist verheißungsvoller“ sagte er.  

Das verflixte an der Verheißung ist die Ungewissheit, ob sie eintritt. Verheißung kann Trost sein – wenn nach dem elenden Leben in der Bauernkate, das nur aus Schmerz, Erschöpfung und Hunger besteht, ewiges Jubilieren an der Seite Gottes in Aussicht gestellt wird (vorausgesetzt das elende Leben verzichtet in Demut und Frömmigkeit auf jeglichen Genuss) so ist die Bedingung der Verheißung, dass das elende Leben nicht von eigener Hand beendet werden darf, letzter Ansporn, es weiter zu ertragen. 

Allerdings stelle ich fest, dass die wenigsten Menschen, die ich kenne, ein Leben führen, das von Schmerz, Hunger und Erschöpfung geprägt ist. Und doch jagen sie ständig der Verheißung hinterher. Als ob die ständig gleiche Fahrt von der Wohnung ins Büro durch ein neues Auto weniger deprimierend sei. Oder die unglückliche Ehe im Eigenheim auf wunderbare Weise neu belebt werden würde. Oder mehr Geld, um mehr zu kaufen, das man nicht braucht, irgendeinen Unterschied machen würde. Oder weniger CO2die Welt zu einem besseren Ort machen würde.

Was die Welt zu einem besseren Ort machen würde, wäre ein wenig mehr Vertrautheit mit den Dingen, die uns umgeben. Womit ich überhaupt nicht das Phänomen meine, dass wir täglich Dinge benutzen, deren Funktionsweise uns nur rudimentär verständlich ist (geschweige denn, dass wir das Talent hätten, sie im Fall der Fälle reparieren zu können), sondern die Ruhe, uns mit diesen Dingen zu beschäftigen. Noch erstrebenswerter wäre die Fähigkeit, uns mit den Menschen zu beschäftigen.

Gestern hat sich ein Freund auf Facebook mit einem Placebo-Zitat verabschiedet:

„This is my last communique
Down the superhighway
All that I have left to say in a single tome
I got too many friends
Too many people that I’ll never meet
And I’ll never be there for
I’ll never be there for
‚Cause I’ll never be there“

Er schrieb noch von „mäßiger Resonanz, zu viel verschwendeter Zeit und der zunehmenden Gewissheit, dass wir hier nur Laborratten sind, an deren Verzweiflung sich bolzendumme Blockwarte den täglichen Kick für’s Ego holen“. Ich hätte ihm furchtbar gerne einen Whisky eingeschenkt und eine gute Zigarre dazu gereicht – ich weiß, dass er von beidem ein Fan ist – aber mehr weiß ich auch nicht. Vielleicht erklärt dies die Begeisterung der Menschen für social media – Nähe ohne Nähe. Beziehe ich noch den Umstand in die Gleichung mit ein, dass wir alle hungern nach Anerkennung, ist social media Fastfood für die Seele. Die Befriedigung ist kurz und hinterlässt einen üblen Nachgeschmack. Selbstverständlich werden meine „Freunde“ auf Facebook meine Ansichten goutieren und mir ein „like“ hinterlassen. Dafür und danach habe ich sie mir ja ausgesucht. Und diese lästige Auseinandersetzung mit Menschen anderer Ansicht entfällt. Was letztlich dazu führt, dass sich die Meinungen teilen, wie Öl in Wasser. Jede bleibt für sich und ein Austausch findet nicht mehr statt.

Im wirklichen Leben kenne ich meine Freunde. Habe lange Jahre damit verbracht, sie mir vertraut zu machen. Weiß, wie sie denken. Weiß, wie sie fühlen. Weiß, womit ich sie verletze und kann elegant durch das Minenfeld tänzeln, in dem das unbedachte Wort eines Fremden die Bombe längst hätte hochgehen lassen. Bin ihnen nahe und kann ihnen nahe genug kommen, dass ein Hirn das andere wäscht. Oder jener magische Moment entsteht, wo wir uns nur ansehen und in schallendes Gelächter ausbrechen.

Die schönste Insel ist jene, auf die ich zurückkehre.