Social Cancelling

Kürzlich sagte mir eine Freundin, die sich mit solchen Sachen auskennt, dass in coronal langweiligen Zeiten mehr gelesen wird. Das fand ich erstaunlich, denn gleichzeitig wird kolportiert, dass coronal gelangweilt die sexuellen Aktivitäten sprunghaft angestiegen seien. Zudem warnen Experten vor der Überanstrengung im Home-Office, da die Menschen dort regelmäßig länger arbeiten würden als im Büro und deutlich weniger Pausen machen. Und der Alkoholismus greife um sich – wobei sich die Frauen bemerkenswert leistungsstark hervortun – und bei der häuslichen Gewalt sind die Fallzahlen in der Spitze um 30% gestiegen.

Verstehen Sie meine Irritation? Nun gut – nach Fühl-Zeit umfassen diese arschkalten Tage, an denen es kurz nach dem Frühstück schon wieder dunkel wird und der Moment, in dem man sich ohne Aufgabe der Selbstachtung ins Bett begeben könnte, ungefähr die Zeitspanne von Weihnachten bis Ostern. Also nur  geringfügig kürzer als das Kaffeekränzchen mit der Erbtante und dem pädophilen Schwager. Tatsächlich aber, so wurde mir mehrfach von Experten versichert, habe die Sonne ihren Standort beibehalten und die Erdrotation sei ebenfalls stabil. Folglich dürfte die Dauer eines Tages immer noch 24 Stunden betragen.

Dagegen könnte man einwenden, die Unterteilung eines Tages in Stunden, wie die Unterteilung der Woche in Tagen und der Jahre in Wochen, sei lediglich soziales Konstrukt und diene einzig der Unterwerfung der arbeitenden Klasse. Da Profiteure arbeitender Klassen in der Mehrheit alte weiße Männer – und einige wenige zu vernachlässigende Quotenfrauen – sind, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Zeiteinteilung gecancelt wird. Wegen der Freiheit uns so. Geschäftliche und soziale Interaktionen, die auf der Grundlage funktionieren, dass unterschiedliche Menschen sich zur selben Zeit am selben Ort einfinden, werden in der neuen Welt ganz anders gestaltet sein müssen. Mehr so nach Gefühl.  

Momentan aber besteht meines Erachtens noch Konsens, dass eine Tageslänge 24 Stunden umfasst. Die Halbwertzeit von Konsens beträgt drei Expertenmeinungen auf YouTube, zwei Demos (oder drei angemeldete und eine aufgelöste) und eine Ermahnung der Kanzlerin. Danach ist der Drops gelutscht. Also wundere ich mich solange ich noch kann, wie die Menschen es hinbekommen, in derselben zur Verfügung stehenden Zeitspanne mehr zu lesen, häufiger Sex zu haben, sich öfter zu verhauen, länger zu arbeiten und mehr zu saufen. Das ist doch bemerkenswert, oder? Vielleicht machen die das alles unglaublich schnell. Oder gleichzeitig. Wobei wir beim Sex berücksichtigen müssen, dass der (was mich wirklich überraschte) sowieso nicht viel Zeit in Anspruch nimmt und insofern die parallel ausgeführte Handlung auch nicht allzu lange dauern darf. Die einzige belastbare Angabe, wie lange der Geschlechtsakt bei Paaren dauert, habe ich in einer australischen Studie gefunden: 5,4 Minuten. Also – ohne Vorspiel. Und nur bezogen auf heterosexuelle Paare. (Eventuell besteht hier eine Korrelation zu Schwulenhassern: Sex-Neid. Nur so eine Idee.)

Die Gleichzeitigkeit würde sich folglich hinsichtlich Arbeit/Saufen, körperliche Gewalt in Verbindung mit Sex (oder der kurze Schluck aus der Pulle beim Sex; wahrhaft Liebende teilen den Flachmann) oder  Sex bei der Arbeit (eine Herausforderung, aber machbar) anbieten.

Was mir daran wirklich gefällt, ist, dass das Lesen übrig bleibt. Lesen ist Sex fürs Gehirn. Befruchtend.

Sofern man durch einen glücklichen Zufall den richtig guten Stoff in die Finger bekommt, wird die Ähnlichkeit zum Sex noch deutlicher: Autor und Leser finden sich – zwar zeitlich versetzt, aber dennoch – in einem Refugium abseits der allgegenwärtigen Kakophonie aus inhaltslosem Mitteilungsbedürfnis und verzweifelter Geltungssucht.

Die Kehrseite der Medaille – es gibt immer eine Kehrseite, kein Yang ohne Ying und kein Licht ohne Dunkelheit – dürfte darin bestehen, dass coronale Langeweile Menschen nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Schreiben drängt. Inhaltsloses Mitteilungsbedürfnis und verzweifelte Geltungssucht stampeden jedes Schamgefühl in Dreck und Staub. In der Diskussion über aktuelle Situationen und angezeigte Reaktionen findet sich regelmäßig der Hinweis auf pathologisch relevanten Folgen des Entzugs sozialen Umgangs. Wie zunehmende Gewaltbereitschaft, Neigung zu verschärftem Alkoholkonsum oder schlichtem Wahnsinn. Letztere Folge ist bisher weder in Studien nachgewiesen, noch allgemeine Meinung – muss ehrlicherweise hier aber mal erwähnt werden. Sofern Sie zu den Korinthenkackern gehören, die sich jetzt an dem Begriff „Wahnsinn“ gestört haben (der zugegebenermaßen seit geraumer Zeit in medizinischen Zusammenhängen verfemt ist und durch so herrlich präzise ICD-Klassifikationen ersetzt wurde) so ist dies zum einen eher unwahrscheinlich, da Sie gerade diesen Text lesen und zum anderen mir herzlich egal, denn zum einen wiederum ist der Begriff „Wahnsinn“ weitaus plastischer als „ICD-10-F21“* und wiederum zum anderen hat die Autorin einen Faible für verfemt.  

Nachdem wir das geklärt haben, zurück zur Diskussion über angezeigte Reaktionen auf die allgemeine Lage.

Und da fängt es schon an. Üblicherweise herrschen gewisse Divergenzen über Reaktionen, seltener jedoch über die Lage. Nehmen wir beispielhaft die Kubakrise. Eine Militärmacht (A) stationiert Mittelstreckenraketen in Reichweite einer anderen Militärmacht (B), woraufhin B losschippert, um seinerseits Mittelstreckenraketen in Reichweite von A zu stationieren. Das ist die Lage. Da gibt es kein Vertun. Über die Reaktion kann man streiten. Ob man Bomben oder Kamelle schmeißt. Aber niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen, zu diskutieren, ob es sich wirklich um Mittelstreckenraketen oder nicht doch um – sagen wir – Telefonzellen handelt. Oder ob die, die da gerade Kurs Kuba unterwegs sind, tatsächlich von C (einer anderen beliebigen Militärmacht) ferngesteuert sind und der tatsächliche Angriff durch C – und zwar aus dem All – droht.

Knapp 60 Jahre später divergieren die Ansichten über die allgemeine Lage exponentiell; mit A, B und C kommt man da nicht mehr weiter. So komplizierte Sachverhalte verlangen ausführliche Erklärungen. Damit man es auch versteht.

Einer der bestimmenden Faktoren der allgemeinen Lage nennt sich COVID-19. Im  ICD10-GM (German Modification) System finden Sie COVID-19 unter der Kodierung U07.1 und U07.2. Hätte sich für diese Erkrankung der Begriff „Lanius Pulmonalis“ oder schlicht „Lungenwürger“ etabliert, wäre es eventuell einfacher. So aber ist es wie mit jedem Code – der Verdacht, er diene der Verschlüssel- oder Verschleierung, liegt nahe. Insbesondere bei Menschen, die grundsätzlich misstrauisch sind. Also fast bei allen.

Kürzlich hatte jemand die Covid-Situation dahingehend decodiert, dass es darum gehe, das Ego in eine Cloud hochzuladen. (Ich nehme an, er wollte einen anderen Begriff als „Ego“ verwenden, aber der fiel ihm gerade nicht ein.) Die Leitung vom Körper zur Cloud wird durch Nano-Partikel hergestellt, welche wiederum als Impfung getarnt injiziert werden. Folge der Hochladung ist die Unsterblichkeit und Nebenfolge das ewige Gefangensein in dieser materiellen Welt, was einen daran hindere, zu Gott zu kommen. Die zusätzliche Erläuterung, dies sei Satans Plan, erübrigt sich eigentlich, wurde der Klarheit aber vom Verfasser hinzugefügt.

Ich meine – der ist doch wahnsinnig, oder?  Stringenterweise hätte der Vortrag auf einem Marktplatz erfolgen müssen; der Vortragende mit weit aufgerissenen Augen, verfilzten Haaren und Bart und in isabellaweiße Lumpen gehüllt. Zur Abrundung des Gesamteindrucks wäre ein wenig Schaum vor dem Mund schön.

Nun sind aber aufgrund der allgemeinen Lage die Innenstädte gerade ein wenig verödet, und was Ihnen jeder, der es mal versucht hat, bestätigen kann, ist, dass man ein wenig peinlich berührt ist, so ganz alleine vor sich hin zu prophezeien. Der Mensch, das soziale Wesen, braucht Publikum. Sonst bekommt ja niemand mit, dass man sozial ist. Es könnte sogar sein, dass sozial als Einzeldisziplin überhaupt nicht funktioniert. Wie Synchronschwimmen.

Was definitiv nicht funktioniert, ist eine Einzelbewegung. Nehmen wir zum Beispiel mal an, Sie sind alleine „woke“. Sie wachen also eines Morgens auf und sind der Ansicht, sie seien nicht nur aufge- sondern erwacht; so im Sinne einer Art Erleuchtung. Von jetzt auf gleich ist Ihnen bewusst, dass alles ungerecht ist. Rassismus, Sexismus, die Zerstörung der Umwelt und verwandte Themen. Und das alles noch vor dem Frühstück. Missionarisch bewegt nehmen Sie umgehend in Angriff, Ihrer Umwelt und jedem, der es nicht hören will, dezidiert die Problematik von Rassismus, Sexismus und der Zerstörung der Umwelt dazulegen. Als hätten Sie es erfunden. Tatsächlich hat wohl mehr oder weniger jeder Mensch diesen woken Moment – er nennt sich Pubertät.

In der Pubertät wird an der Ungerechtigkeit der Welt gelitten, wie an allem anderen. Den Rest des Lebens verbringt man mit der Differenzierung, wie weit der eigene Einfluss reicht, die Welt zu einer besseren zu machen und nach dieser Einsicht zu handeln. Und der Erkenntnis, dass nichts geeigneter ist, einem nachhaltig den Tag zu versauen, als die intensive Beschäftigung mit einem Missstand, an dem man nichts, aber auch nicht das geringste bisschen, ändern kann. Was nicht bedeutet, dass er einem nicht bewusst ist. Sondern nur, dass man zwar gerne an der Welt verzweifeln mag, sofern einem danach ist, nur hilft das weder der Welt noch dem Verzweifelten. Insofern würde dem Einzel-Woken ziemlich die Illusion genommen, dass er da nun einer ganz heißen Sache auf der Spur ist. Und dem schmallippigen Vorwurf, es fehle aufgrund öffentlicher Bekenntnisse zum Leiden an Missständen ebenso an einem grundsätzlichen Wissen um Missstände, wäre lediglich mit einem dezenten Hinweis auf die Idiotie zu begegnen, dass der Vorwurf, andere Menschen nicht gebührend zu achten, im selben Atemzug vorgetragen, in dem man sich über seine Mitmenschen erhebt, ein wenig widersprüchlich ist.

Woke als soziale Bewegung wiederum funktioniert. Der Mensch, der soziale Idiot, braucht andere Idioten.

Cancel Culture ist übrigens für eine Solo-Nummer ebenfalls denkbar ungeeignet.

Als ich den Begriff zum ersten Mal hörte, dachte ich, es ginge um die Absage kultureller Veranstaltungen aufgrund von Befindlichkeiten hinsichtlich gewisser Missstände, die in der kulturellen Veranstaltung nicht ausreichen gewürdigt werden. (Man kann mir nicht nachsagen, dass ich mich nicht bemühe, Idiotien zu verstehen.) Nun – darum geht es auch. Unter anderem. Unter ganz vielem anderen. (Man lernt nie aus.)

Wie bei vielem, ist Cancel Culture keine neue Idee. Im Prinzip so alt wie die Menschheit. Bummelig um 1350 v.C. hatte sich König Echnaton in Ägypten schon damit amüsiert, schnell mal einige Gottheiten schlicht abzuschaffen. Namen und Kultstätten wurden zerstört und damit waren sie weg. Ein Teil der Kultur war einfach ausgelöscht. Etwas später passierte ähnliches – aber gründlicher – im Zuge der Christianisierung. Und dann während der Kulturrevolution in China. (Um nur einige Beispiele zu bemühen.) Revolution klingt natürlich besser als Abschaffung. Momentan beschränkt sich die Abschaffung eher auf einzelne Kulturgüter, wobei man im Hinterkopf behalten sollte, dass sich letztlich die gesamte Kultur aus einzelnen Kulturgütern zusammensetzt. Cancel in Salamitaktik Culture. Geht auch.

Cancel Culture ist in der Tradition der Umerziehungsmaßnahmen zu betrachten. Zwischenzeitlich eng mit woke verwandt; der Woke weiß nämlich, was ausgemerzt werden muss, um die gebührende Befindlichkeitsachtung zum Ausdruck zu bringen. Es ist so eine Art fremdleiden. Je fremder, desto besser. Man eignet sich die Befindlichkeit von jemandem an, mit dem man überhaupt nichts zu tun hat und beschwert sich über die Nicht-Achtung der Befindlichkeit. Woke halt. Wie sie so sind.

Das treibt dann so bizarre Blüten, wie bei David Shor, der sich als weißer Mann in einem Tweet auf eine Studie eines schwarzen Havard-Professors bezog. Dieser – also der schwarze Professor – hatte eine Korrelation zwischen gewaltsamen Protesten, die den Republikanern zu Gute kamen, und friedlichen Demonstrationen, die die Demokraten begünstigten, ausgemacht. Shor stand – und steht – den Demokraten nahe und fand es wohl kontraproduktiv, dass BLM den politischen Gegner stärkte. Und jetzt wird es irre: Dieser Tweet wurde als Aufruf von Shor an die BLM-Bewegung zur Gewaltlosigkeit verstanden. Und Shor wurde gefeuert. Verstehen Sie nicht? Ich auch nicht. Die Begründung war, dass er als weißer Mann kein Recht dazu hatte, Schwarze zur Gewaltlosigkeit aufzurufen. Darauf muss man erstmal kommen.    

Insofern versteht sich die Problematik, Culture ganz alleine canceln zu wollen. Nehmen wir mal an, Petra, 32, Tanztherapeutin aus Bremen und ambitionierte Karaoke-Sängerin, wäre stinksauer, dass der Shor meint, er dürfte sich anmaßen, schwarzen Menschen therapeutische Gewaltexzesse zur Trauma-Bewältigung zu vermiesen. Außer einer Wischbewegung der rechten Hand vor dem Gesicht dürfte Petras originelle Meinung keine Reaktionen hervorrufen. Und schon gar nicht Herrn Shor den Arbeitsplatz kosten. Es braucht eine Gruppe, um nachhaltig über jemanden herzufallen. Und je größer die Gruppe, desto weniger wird noch gewagt, eine wischende Bewegung der rechten Hand gestisch oder verbal auszudrücken. Man möchte seinen Arbeitsplatz ja gerne behalten.

Evolutionär liegt der Vorteil, in einer Gruppe unterwegs zu sein, klar auf der Hand: Bei einem Rennen Mensch gegen Säbelzahntiger, gewinnt der Tiger. Außer der Mensch ist extrem schnell. In der Gruppe allerdings ist ausreichend, der Zweitlangsamste zu sein. Während der Tiger mit dem Langsamsten beschäftigt ist. Was bedeutet, dass „sozial“ nicht unbedingt nett gemeint sein muss, und im Einzelfall, sofern man der Langsamste ist, sich auch nicht unbedingt vorteilhaft auswirkt.

Trotzdem sind die Menschen verrückt nach sozial. Auch ohne Säbelzahntiger. Ich nehme an, es geht um Bestätigung. Um Orientierung. Offenbar traut man dem Urteil einer Mehrheit mehr, als dem eigenen. Oder fürchtete die Peinlichkeit, in isabellaweißen Lumpen ganz alleine Schwachsinn von sich gegeben zu haben.

Zurück zu unserem Wahnsinnigen, der so eindrucksvoll Satans finstere Pläne offenlegte. (Wobei man sich ja fragen muss, was für eine Lusche Satan ist, dass er das nicht verhindern konnte. Also wirklich.) Der ist nun eindeutig ein soziales Wesen, und seine soziale Gemeinschaft umfasst mal lockere 606.000 Abonnenten (ich bin sehr gespannt auf den Tag, an dem es 60.000 mehr sind; was er dazu wohl zu interpretieren hat). 606.000 Menschen, die an Orientierung durch einen irren Propheten aus dem Home Office interessiert sind. 606.000 Menschen, die meines Erachtens alleine besser dran wären, es alleine aber nicht aushalten.

Sich sozial zu verhalten, macht in einer kleinen überschaubaren Gruppe durchaus Sinn. Die grundlegende Strategie des do ut des, des quid pro quo oder manus manum lavat – alles bezeichnet dasselbe Prinzip. Aber eben nur in einer kleinen überschaubaren Gruppe. Eine Gegenleistung zu erwarten, wenn der Leistungsempfänger von der Leistung überhaupt nichts weiß, ist ziemlich bescheuert. Weshalb soziales Verhalten in großen und unüberschaubaren Gruppen der Gruppe zwar dienlich sein mag, der Einzelne aber auf einen Gegenleistung ziemlich lange und vergebens hofft. Sozial ist nicht immer unbedingt nett gemeint. 

Trotzdem sind die Menschen verrückt nach sozialen Gruppen. Nötigenfalls virtuell. Hauptsache scheint zu sein, sich irgendwo dazugehörig zu fühlen. Offenbar erscheint vielen Menschen alles, egal welchen Niveaus und Ausgestaltung, der eigenen Gesellschaft vorzugswürdig zu sein. Was treibt sie nur dazu? Ist es immer noch die Säbelzahntiger-Strategie? Die Urangst des Nesthockers, ohne die Sicherheit der Horde verhungern zu müssen? Feuilleton und Psychologen jedenfalls unterstützen diese Haltung; der Mensch, das soziale Wesen, sei verloren ohne seine Horde. Der soziale Hunger, bleibt er denn ungestillt, habe entsetzliche Folgen.  

In den virtuellen sozialen Netzwerken – nun ja, ich habe da immer das Bild eines Kindes am Beckenrand vor Augen, das penetrant im Sekundentakt und auf Körperverletzungsfrequenz durch die Gegend quakt: „Mama, guck mal. Guck mal wie ich spring. Nun guck doch mal.“ So eines, dem man als unbeteiligter Zuschauer zurufen möchte: „Dann spring doch endlich. Und sauf ab.“ In den virtuellen sozialen Netzwerken stehen weitaus mehr Kinder am Beckenrand als Mütter zur Verfügung. Weshalb ich in der Gesamtschau meinen möchte, ein gewisses Ungleichgewicht zwischen do und des ausmachen zu können. Und mich frage, wie viele Menschen sozial verhungern, wenn man sie sowohl am Beckenrand als auch nach dem Sprung gänzlich ignoriert. Und die wenigen, die eine Reaktion bekommen, hungern nach der nächsten. Es ist wie Fast Food. Man hat etwas gegessen, aber es macht nicht satt.

Und in der realen Welt geht es nicht mehr um die Qualität der Nahrung für die Seele; in der realen Welt ist der Mensch die Nahrung. Wird verschlungen von einer Ideologie, die sich Bewegung nennt. Es braucht eine Gruppe, um nachhaltig über jemanden herzufallen. Es braucht eine Gruppe, um individuellen Irrsinn als kollektive Einsicht darzustellen. Im Gleichschritt zu marschieren, funktioniert nicht als Einzel-Disziplin. Und wenn die Masse vorwärts drängt, ist der Weg zurück versperrt. Selbst wenn sie zum Abgrund drängt.  

Kürzlich stellte ein Freund fest, er werde immer anti-sozialer. Überraschenderweise schien er das zu bedauern.

*Schizotype Störung