#MeToo, #MeTwo und ich auch

 

#MeToo

Haben Sie Lust, ein kleines Spiel zu spielen? Wir spielen „freie Assoziation“. Ich gebe Ihnen einen Begriff, und Sie sagen spontan, was Ihnen dazu einfällt. Fertig? Hier kommt der Begriff:

Harvey Weinstein

Liege ich richtig, dass auf Ihrer Liste der Assoziationsbegriffe weder Pulp Fiction, Der menschliche Makel, The Hateful 8, Der Vorleser, The Others, Sin City, Brothers Grimm noch Django Unchained zu finden sind? Oder Miramax? Oskar-Akademie? Lassen Sie mich raten: Steht auf Ihrer Liste sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung? Weinstein-Skandal?

Der Weinstein-Skandal war Auslöser der #MeToo Debatte. Wäre die Verwendung des Hashtags mit einem tödlichen Virus einhergegangen, könnte man zwischenzeitlich eine erfreuliche Dezimierung der Weltbevölkerung verzeichnen (das ist nicht zynisch, nur Fakt: der Welt würde weniger Bevölkerung gut tun). Wobei me too bereits lange vor der Debatte existierte. 1996 leitete eine Frau namens Tarana Burke ein Jugendcamp. Ein junges Mädchen hatte kurz den Mut gefasst, ihr vom Missbrauch durch den Freund der Mutter zu erzählen, doch genauso schnell hatte das Mädchen den Mut auch wieder verloren. Burke schildert sehr berührend, wie das Mädchen sich von ihr entfernte „wie sie versuchte, ihr Geheimnis wieder einzufangen und in ihr Versteck zurückzulegen … ich sah, wie sie ihre Maske wieder aufsetzte und in die Welt hinausging, als sei sie ganz allein – und ich fand nicht einmal die Kraft um ihr zuzuflüstern: Me too.“ 2006 wurde dann von Tarana Burke die me too Bewegung gegründet, die – so steht es jedenfalls auf ihrer Homepage – insbesondere unterprivilegierten farbigen jungen Frauen, die sexuelle Gewalt überlebt haben, einen Weg zur Heilung bieten sollte. Was durchaus Sinn macht. Opfer sexueller Gewalt empfinden zumeist Scham über das, was ihnen angetan wurde. Zu wissen, dass sie keineswegs alleine sind, dass es kein Einzelschicksal ist, das sie getroffen hat, noch dass sie gar eine Mitschuld an den Ereignissen tragen – das ist ein Weg zur Heilung. Und so steht es auch auf ihrer Homepage: Du bist nicht allein.

Zwölf Jahre nach Gründung der Bewegung durch Tarana Burke wurde das me too um einen Hashtag und große Anfangsbuchstaben ergänzt und im Zuge der Weinstein-Affäre hatte ich mich des Öfteren gefragt: who not? Die Opfer sexueller Übergriffe outeten sich im Sekundentakt – allerdings waren bemerkenswert wenige junge farbige Frauen aus unterprivilegieren Wohnvierteln dabei. Dafür reihenweise Damen der Gesellschaft, die sich vehement, wenn auch auf einer ganz anderen Zeitlinie als der des Geschehens, gegen ihre Peiniger wendeten. Wobei es doch viel naheliegender gewesen wäre, zum Zeitpunkt des Geschehens Anzeige zu erstatten, Spermaspuren und genitale Verletzungen dokumentieren zu lassen und den Peiniger der justiziellen Gerechtigkeit zu überantworten. Wenn es – wie bei den jungen Frauen, die bei Tarana Burke Schutz suchen – die Scham war, die sie zum Zeitpunkt der Tat schwiegen ließ, so frage ich mich, wie es um die Dualität des Schamgefühls einer Frau bestellt sein muss, die sich der Polizei nicht anvertrauen mag, aber Millionen von Lesern auf Twitter. Es ist eine merkwürdige Welt.

Wobei es nur folgerichtig in dieser merkwürdigen Welt ist, dass die Geständnisse der missbrauchten Damen – also jener, von denen ich annehmen wollte, sie hätten sich durchaus auch weniger öffentlichkeitswirksam zum Opfer erklären können – Wirkung zeigten. Da Hollywood involviert war lag der Gedanke nahe, #MeToo in Verleihung der Academy Awards 2018 einzubinden. Und da ging es dann richtig zur Sache: Nicht einer der Stars trug eine Robe von Marchesa. Um diese sensationelle Widerstandshandlung zu begreifen, müssen Sie wissen, dass Marchesa das Label von Harvey Weinsteins Ehefrau Georgina Chapman ist. Die gute Georgina hatte zwar im Oktober 2017 bereits ihre Trennung von dem ollen Lüstling bekanntgegeben und die Veranstaltung fand im April 2018 statt – selbst in Hollywood, wo sich Gerüchte eher langsam verbreiten, müsste ausreichend Zeit gewesen sein, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen – aber dennoch: im Zuge der Sippenhaft waren die Stars auf dem roten Teppich sich einig, keine Klamotten von der Frau, deren Mann sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden, zu tragen. Wozu auch – es gibt massenhaft Designer, die ebenfalls tiefe Dekolletees und hohe Beinschlitze zu bieten haben. Nicole Kidmann „glänzte in Blau“ (Bunte) und die riesige Schleife um die Hüfte wies mehr oder weniger dezent auf das Schmuckkästchen der guten Nicole hin. Und: Jawoll, ja, Nicole, das war eine sexistische Bemerkung. Beschwer dich bei #MeToo.

Frances McDormand – die ich seit Fargo eigentlich sehr mochte – überzeugte in einer freien Interpretation von #MeToo und forderte die Frauen im Saal auf, aufzustehen und einen Passus in ihre Verträge schreiben zu lassen, der ihnen den Ausstieg aus einem Filmprojekt ermöglicht, wenn die Produktion zu männerlastig ist. Warum das im Stehen geschehen soll, ist mir ein Rätsel.

Und dann gab es noch den Moderator der Show, der grenzhumorig bemerkte, der Oskar sein ein klasse Typ – er habe die Hände dort, wo man sie sehen kann und keinen Penis. Nur ein Mann ohne Penis ist ein guter Mann? Da bin ich klar abweichender Meinung.

Zurück zu Weinstein. Zwischenzeitlich befinden wir uns im August im Jahre des Herrn 2018 (diese Formulierung gehört dringend abgeschafft – viel zu männerlastig) und in New York läuft der Prozess gegen Harvey Weinstein. Eventuell nicht mehr lange, denn der Verteidiger von Weinstein hat der Jury E-Mails der Frauen vorgelegt, die die Vergewaltigungsvorwürfe erhoben haben. Die sind tatsächlich erklärungsbedürftig. So schreibt eine Frau, die angeblich im April 2013 von Weinstein vergewaltigt wurde im August 2013: „Hoffe, es geht Dir gut, und rufe mich jederzeit an; immer gut, Deine Stimme zu hören“ und im Oktober: „Ich war so glücklich, dass Du mich heute getroffen hast“. Diese Nachtigall trapst nicht, die trampelt. Und im Februar 2017 erklärt das Vergewaltigungsopfer: „Ich liebe Dich, das habe ich immer getan. Aber ich hasse es, mich wie eine bloße Sexgeschichte zu empfinden :-).“ Offenbar hasst sie nicht nur sich selbst, sondern den guten Harvey noch viel mehr.

Wie so vieles von unseren amerikanischen Freunden ist auch #MeToo in Deutschland begeistert aufgenommen worden. Allerdings mehr im Sinne von McDormand als von Burke. Manchmal auch komplett sinnentleert. Den absoluten Tiefpunkt hatte die Debatte mit der SPD-Politikerin Sawsan Chebli erreicht, die ob der Ansprache eines Ex-Diplomaten und evangelischen Bischofs „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön“ laut ihrer Facebook Seite „unter Schock – Sexismus“ war. Wer diesen Schock nicht nachvollziehen kann, dem hilft die Süddeutsche (eines meiner Lieblingsblätter) und erklärt dem unbedarften Leser, „dass Frauen wie Sawsan Chebli viel häufiger als Männer auf ihr Aussehen reduziert, danach beurteilt und fachlich nicht ernst genommen werden“. Neugierig wie ich bin, habe ich mir das reduzierte Aussehen der Frau Chebli von Google- Bilder vor Augen führen lassen und stelle fest, dass die Dame einen Hang zu engen Blusen und wehenden Haaren hat. Und wage die kühne Behauptung, dass Frau Chebli sich über dieselbe Bemerkung, wäre sie von George Clooney gekommen anstatt von einem alternden Bischof, eventuell nicht so echauffiert hätte. Und warum einer Staatssekretärin nicht einfällt, mit der Bemerkung „Das ist nur ihr subjektiver Eindruck, weil sie so alt und – nun ja – sind“ zu kontern, erschließt sich mir auch nicht. Jedenfalls hat sich das alternde Bischoflein öffentlich entschuldigt. Schade eigentlich. Ich hätte mir gewünscht, dass er öffentlich erklärt, seine Einschätzung der Frau Chebli sei voreilig gewesen – sie sei zwar einigermaßen attraktiv, hätte aber gerade ein ziemlich hässliches Gesicht gezeigt.

Ich kann den Wunsch, von der Umwelt als attraktiv wahrgenommen zu werden, durchaus nachvollziehen. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, wie Frauen inzwischen „attraktiv“ definieren. Wo die Generation meiner Mutter noch öffentlich BHs verbrannt hat und mit fröhlich hüpfenden Brüsten durch die Gegend gesprungen ist, schnallt sich die Generation meiner Enkelin dieselben bis unters Kinn. Wenn ich im Ärzteblatt lese, dass die Zahl der Schönheitsoperationen stetig zunimmt und an erster Stelle die Brustvergrößerung steht (auf die gespart (!) wird) frage ich mich, ob die alle in der Pornoindustrie arbeiten oder was zum Teufel mit denen los ist. Junge Mädchen um die 20 laufen mit aufgespritzten Lippen und Brüsten durch die Gegend – die Wimpernverlängerung nicht zu vergessen – reduzieren sich auf ein Sex-Objekt und wundern sich, wenn sie als solches wahrgenommen werden. Ich persönlich würde ja annehmen wollen, dass Männer ein herzhaftes Lachen bei einer Frau ebenso attraktiv finden, wie umgekehrt. Aber wenn das Botox so spannt… Ist vielleicht – verzeihen Sie den ketzerischen Gedanken – die öffentliche Mitteilung, frau sei so sexy, dass schon wieder einer dieser lüsternen Kerle nicht widerstehen konnte, so etwas wie eine Auszeichnung?

#MeTwo

Wie bitte? Was? #Ich Zwei? Soll heißen, die dissoziative Identitätsstörung beendet ihr Schattendasein und fordert gesellschaftliche Anerkennung? Eigener Rentenanspruch der Subpersönlichkeit? Wie geil ist das denn. Dachte ich. Ich lag völlig falsch.

#MeTwo erscheint mir etwas bizarr. Oft geht es um Menschen, denen bescheinigt wird, sie seien der deutschen Sprache überraschend gut gewachsen – was angesichts des absolut bescheuerten Hashtags verwundert – die darob schwer beleidigt bis verzweifelt sind. Weil diese Äußerung impliziert, dass man dem Sprechenden, bevor er den Mund aufmachte, nicht zugetraut hatte, fehlerfreies (mehr oder weniger) Deutsch zu sprechen. Und zwar aufgrund des migrationsmäßig gefärbten Äußeren des Sprechenden. Das sei nun eine Sauerei, rassistisch und diskriminierend. Ich würde ja eher dazu tendieren, die Leute für Idioten zu halten, die meinen, dass jeder Mensch auf der Welt völlig selbstverständlich Deutsch zu sprechen hat. Oder? Wobei tatsächlich festzustellen ist, dass sogar Migranten der zweiten Generation oft noch ein Deutsch sprechen, bei dem sich die Fußnägel aufrollen. Was daran liegen mag, dass nach einem Arbeitspapier des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge bei 44,8% der befragten Ausländer in der Familie in der Muttersprache bzw. der Herkunftslandsprache gesprochen wird. Nur eine Minderheit spricht Deutsch, etwa ein Drittel einen Mix aus Muttersprache und Deutsch. Insofern hätte ich erwartet, bei Twitter reihenweise Erlebnisberichte zu finden, in denen Migranten und solche, die so aussehen, blöd angepampt wurden, doch endlich richtiges Deutsch zu lernen. Finde ich aber nicht. Dafür finde ich etwas Anderes:

Sawsan Chebli @SawsanChebli

Dass #Özil geht, ist ein Armutszeugnis für unser Land. Werden wir jemals dazugehören? Meine Zweifel werden täglich größer. Darf ich das als Staatssekretärin sagen? Ist jedenfalls das, was ich fühle. Und das tut weh.

Ja, genau. Die Bischof-Chebli.

Wissen Sie – ich sitze jetzt seit fast einer halben Stunde vor diesem Tweet und würde ihn gerne kommentieren. Alleine – mir fehlt das psychiatrische Fachwissen.

Chebli legt nach:

Bekomme seit diesem Tweet Schreiben, auch heute wieder, in denen ich aufgefordert werde, mein Amt niederzulegen. Ich sei unverschämt, undankbar. Die Leute kapieren nicht, wie schmerzhaft es vor allem für einen selbst ist, solche Zweifel zu äußern. #MeTwo

Doch, Süße, ich verstehe. Das muss schmerzhaft sein. Wenn man es einfach nicht kapiert. Ich versuche es jetzt mit aller Geduld, die ich aufbringen kann, zu erklären:  Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen. Goethe, Faust I. Schon etwas älter. Und es geht nicht um Migranten, hat aber durchaus mit dem Thema zu tun. Unser Thema heißt Dualismus. Und damit es nicht ganz so einfach wird, nehmen wir dieses diffuse Gefühl des „dazu-gehören“ gleich mal mit auf.

Die Urform des „dazu-gehören“ ist wohl das ozeanische Gefühl; dieses überwältigende „wissen“ eins mit dem Ganzen zu sein. In einer stillen Nacht zu den Sternen zu sehen und zu fühlen, dass jedes Atom im Körper nur ein Teil des gewaltigen Tanzes aller Atome ist. Dass wir Sternenstaub sind. Nun – wenn man Freud, dem alten Kokser, folgen will, ist dieses Gefühl zutiefst infantil und nimmt mit zunehmendem Bewusstsein des „Ichs“ proportional ab. Was bleibt – denke ich – ist eine Sehnsucht nach dem ozeanischen Gefühl. Mit dem Erwachsen-werden kommt die Einsamkeit. Insofern gehört niemand zu niemandem. Wir sind alle alleine unterwegs auf der Suche nach Nähe.

Wie bekommt man ein Gefühl der Nähe? Durch a) Liebe und b) Anerkennung.

Liebe: Kennen Sie diese Beziehungen, in denen man sich relativ Knall auf Fall in jemanden verguckt hat und nun das „zusammen sein“ erprobt?  Und dann kommt dieser Moment, in dem man sich mit einer vorgeschobenen Unterlippe konfrontiert sieht und ein weinerliches „du liebst mich gar nicht“ wie Säure das wohlige Gefühl des beisammen seins zersetzt. Sie versuchen es mit „natürlich liebe ich dich“, um „das sagst du nur so“ zu hören. Oft gefolgt von „wenn du mich lieben würdest“ im Zusammenhang mit einer unverschämten Forderung. Das ist der Moment in dem Enola Gay Little Boy auf ihre aufkeimende Liebe abwirft. Und ein schönes Beispiel für self-fulfilling prophecy.

Jetzt kommt der kühne Sprung: dasselbe Prinzip setzt bei mir ein – und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich diesbezüglich eine Einzelstellung innehabe – wenn mir jemand vorwirft, ich sei mit seiner Handlung alleine deshalb nicht einverstanden, weil er einer anderen Ethnie angehört. Eventuell bin ich damit ja nicht einverstanden, weil ich ihn auf einer rein menschlichen Ebene verachtenswert finde. Soll vorkommen.

Wie im Fall Mesut Özil. Womit wir bei b), Anerkennung angekommen wären und ich mir erlaube, in diesem Zusammenhang das von Frau Chebli bemühte „Armutszeugnis“ des Abgangs von Mesut Özil genauer zu betrachten.

Ich rekapituliere: Am 14. Mai 2018 erscheinen Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan in trauter Eintracht mit Recep Tayyip Erdogan. Und Ilkay schenkt Recep bei der Gelegenheit gleich noch ein Trikot mit persönlicher Widmung. Ich weiß nicht, ob der Recep sich gefreut hat, so ein rassistisches Trikot aus dem Rassisten-Deutschland zu bekommen, aber darauf kommt es jetzt auch nicht an.

Wer sich definitiv nicht freut, ist Reinhard Grindel, der die Ansicht vertritt, am Tag vor der Bekanntgabe des deutschen Kaders für die Weltmeisterschaft sollten seine Nationalspieler sich eher der Mannschaft zuwenden, als Herrn Erdogan im Wahlkampf zu unterstützen. Woraufhin Ilkay ganz treu-doof via Instagram erklärt: „Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.“ Nun gut – was denn dann? Höchst vorsorglich im Mai schon mal das Motiv für die Weihnachtspostkarte aufnehmen? Rätselhaft.

Mit mir rätseln nicht allzu viele Menschen – die Mehrzahl (jedenfalls jene, die dazu tendieren, ihre Ansichten öffentlich zu äußern) finden die Aktion nicht so wirklich gelungen. Was daran liegen könnte, dass der staatsmännische Ruf des Recep Erdogan nicht ganz makellos ist. Wenn man – mit aller gebotenen Vorsicht – der Berichterstattung Glauben schenken will, hat Herr Erdogan gewisse Anpassungsprobleme an Recht und Gesetz. Und wenig Hemmungen, selbige recht frei auszulegen, wenn es seinem ureigensten Interesse nützlich ist. Was also hat Gündogan und Özil dazu getrieben, Herrn Erdogan öffentlich zu poussieren? Natürlich klein b. Anerkennung. Özil erklärt es uns.

             Auszug aus der Rücktrittserklärung von Mesut Özil:

Wie bei vielen anderen Menschen geht meine Abstammung auf mehr als nur ein Land zurück. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, meine familiären Wurzeln liegen aber in der Türkei. Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches. Während meiner Kindheit hat mich meine Mutter gelehrt, immer respektvoll zu sein und nie zu vergessen, wo ich herkomme

Für mich ging es bei einem Foto mit Präsident Erdogan nicht um Politik oder um Wahlen, sondern darum, das höchste Amt des Landes meiner Familie zu respektieren.

Aber wenn hochrangige DFB-Offizielle mich so behandeln, wie sie es getan haben, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und mich aus selbstsüchtigen Gründen für politische Propaganda benutzen, dann ist genug genug.

Ich wurde in Deutschland geboren und erzogen, also warum akzeptieren die Menschen nicht, dass ich Deutscher bin?

Weil, Mesut, kein Deutscher, der noch halbwegs bei Verstand ist, einen Diktator im Wahlkampf unterstützt und gleichzeitig „hochrangigen DFB-Offiziellen“ den Vorwurf macht, sie hätten ihn „aus selbstsüchtigen Gründen für politische Propaganda benutzt“. Und ernsthaft behauptet, ein gemeinsames Foto im Wahlkampf sei völlig unpolitisch und lediglich dem Respekt für das höchste Amt des Heimatlandes der Mutter geschuldet. Das fällt nur einem Türken ein. Wobei diesem speziellen Türken zumindest die Anerkennung vom Inhabers des höchsten Amtes im Heimatland der Mutter sicher war. Erdogan begrüßte Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft und nannte es inakzeptabel, „einen jungen Mann, der alles für die deutsche Nationalmannschaft gegeben hat, wegen seines religiösen Glaubens so rassistisch zu behandeln“. Wegen was bitte? Wegen seines religiösen Glaubens? Der Özil ein Märtyrer des Glaubens an Erdogan? Eine leicht ins Narzisstische tendierende Sicht der Dinge. Tatsache ist doch, dass, wenn man sich in zwei Welten, die so diametral verschieden sind (was nicht zuletzt das Zitat Erdogans zeigt), auf eine Seite schlägt, gewiss ist, dass der Applaus nicht von beiden Seiten kommen kann. Womit wir beim Dualismus wären.

Psychologie für Anfänger: duale Gefühle machen einem das Leben verdammt schwer. Wenn ich für einen Menschen reinen Hass oder reine Liebe empfinde, komme ich auf beides klar. Virulent wird die Sache, wenn ich einen Menschen sowohl hasse als auch liebe. Das wird in aller Regel zu schweren Konflikten mit mir selbst führen. Und kein Kampf ist so aufreibend, wie der gegen sich selbst. Dieser Dualismus-Problematik sind Migranten in besonderem Maße ausgesetzt. Kennen Sie John Irvings Zirkuskind? Dr. Daruwalla, der indische Arzt in Kanada, den die Sehnsucht immer wieder nach Indien treibt und der in Indien immer wieder feststellt, dass er sich in diesem Land nicht mehr heimisch fühlen mag. Es könnte sein, dass die Entwurzelung ein Kraftakt für die Seele ist, der überfordert. Nach meinem Verständnis könnte die Heilung nur darin bestehen, neue Wurzeln zu schlagen. Sich neu zu erfinden; neu zu definieren. Aus Freiheit heraus. Der Schmelztiegel Amerika (oder auch Australien) hat relativ (relativ – für die, die bereits vor der Invasion dort waren, ist es nicht so gut gelaufen) gut funktioniert, weil die Menschen sich nicht als Italo-Amerikaner, Indisch-Amerikaner oder Griechisch-Amerikanisch bezeichnet haben, sondern als Amerikaner. Land of the free, home of the brave. Ist es ein Zufall, dass die Afro-Amerikaner bis heute rassistisch schikaniert werden? Ist das nur die böse Saat der Kolonialvergangenheit? Oder formt die Sprache die Wahrnehmung? In „ihr“ und „wir“. „Deutsch-Türken“. Und doch ist letzterer Begriff der einzig zutreffende, wenn der so angesprochene für sich in Anspruch nimmt, man habe den Türken in ihm ebenso zu respektieren, wie den Deutschen. Und der Türke macht eben Dinge, die man als Türke so macht. Wer das nicht akzeptiert, ist Rassist. Und nun? Wollen wir es künftig in der politisch korrekten sprachlichen Verknotung Deutscher m.t.A.u.e.F (mit türkischer Attitude und eingebautem Freifahrtschein) nennen? Das m.t.A.u.e.F. kann man ja mit verschämt abgewandtem Kopf leise vor sich hin nuscheln. Und wollen die Betroffenen überhaupt als duale Persönlichkeiten wahrgenommen werden? Was Chebli und Özil betrifft ist die Antwort ein klares Ja. Inklusive Verständnis für ihre überaus schwierige Situation, sich weder hier noch dort zugehörig zu fühlen. Wobei jedes verbalisieren dieser speziellen Situation (sofern es nicht vom Deutsch-Türken selber kommt) Ausdruck eines diffusen Rassismus ist. Außer – es dient der Bevorzugung. Die SPD hat sich ganz klar zu der Forderung der türkischen Gemeinde nach einer Migrantenquote in den Parteien bekannt. Frau Chebli ist Staatssekretärin der SPD. Ich vermute – angesichts der Qualität der Äußerungen von Frau Chebli – dass sie den Job ihrer ethnischen Herkunft zu verdanken hat. Allerdings habe ich noch keinen Tweet von ihr gefunden, in dem sie sich beschwert, dass sie den Job nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten, sondern ihrer Türkischkeit bekommen hat. Was doch irgendwie auch eine Form von Rassismus ist. Nur eben eine sehr gut bezahlte.

Und was ist mit denen, die das nicht so empfinden? Die gibt es. Man wundert sich. Die twittern auch unter dem Hashtag #MeTwo. So zum Beispiel Wauderkelch:

Die Debatte ist bescheuert. Ich habe slawische Wurzeln, mein Vater war ein Flüchtling. Wegen meines slawischen Namens wurde ich in der Schule gehänselt. Auch von Lehrern. Waren das jetzt alles Rassisten? Niemals. Blöd waren die. Aber rassistisch. Nein. Hört mit dem Mist auf #MeTwo

 Oder Bilgili Üretmen:

Fakt ist, ausserhalb von Facebook lebe ich mit den Deutschen im Einklang. Nichtmal 2% des Rassismus der mir in den sozialen Medien entgegenschlägt, begegnet mir im Alltag. Deshalb weigere ich mich auch die Deutschen pauschal Rassisten zu nennen Es sind die Medien! #MeTwo

Die kriegen Druck. Denn auf #MeTwo soll nicht diskutiert werden – klare Ansage kommt von Mehmet Daimagüler:

#metoo #MeTwo – Kritiker: Wenn man von einem Thema so gar keine Ahnung hat oder es mit der Empathie hapert: Könntet ihr nicht einfach mal die Klappe halten? Und einfach mal ZUHÖREN?

Schon klar, Herr Daimagüler. Klappe halten, Zuhören (in Großbuchstaben, was ich immer als das schriftliche Äquivalent zum Angeschrien-werden empfinde). Ich wundere mich, dass ihn beim Tippen von „Empathie“ kein Blitzschlag aus dem Himmel niedergestreckt hat. Wie kann jemand, der so grob unhöflich, selbstherrlich und aggressiv auftritt, anderen Menschen mangelnde Empathie vorwerfen? Es erinnert mich fatal an die Rassismus-Vorwürfe Erdogans an Deutschland. Kürzlich fragte die Süddeutsche in einer Umfrage, ob ich es für möglich halte, mit Muslimen gedeihlich zusammenzuleben. Kommt auf die Muslime an. Wenn sie so auftreten wie Herr Daimagüler – eher nicht.

UndIchAuch

Wenn Sie sich jetzt fragen, – oberflächlich betrachtet eine berechtigte Frage – warum ich mich mit diesen Themen, die mich persönlich überhaupt nicht betreffen, beschäftige, so ist die kurze Antwort: Quantenphysik. Eine These der Quantenphysik lautet kurzgefasst (ich würde es begrüßen, wenn Sie sich näher mit dem Thema beschäftigen würden) dass es ein „Meer der Möglichkeiten“ gibt; dass unendliche viele Realitäten quasi im Schwebezustand gleichzeitig existieren und ausschlaggebendes Element das Bewusstsein des Beobachters ist, das aus diesen Möglichkeiten die eine tatsächliche Realität entstehen lässt. Wenn das so wäre, würden tatsächlich innere Vorgänge die äußere Welt massiv beeinflussen. Und zwar die gesamte Welt – in der auch ich leben muss. Deshalb interessieren mich die MeToo/Twos [mitutus].

Selbstverständlich ist die These der alternierenden Quantenrealitäten umstritten. Ich gehe davon aus, nicht zuletzt deshalb, weil die Anerkennung des Prinzips dem Anerkennenden das Leben – kurz gedacht – nicht gerade erleichtert. Für die Folgen des eigenen Handelns einstehen zu müssen, ist – nicht zuletzt durch das Marodieren der Akteure im virtuellen Raum- schon lange kein allgemeines Prinzip mehr. Wenn noch hinzutritt, dass kein Schuldiger für das beklagenswerte Schicksal ausgemacht werden kann, weil die Verantwortung für dieses Schicksal der davon Getroffene trägt – dieser Gedanke dürfte den Mitutus zutiefst zuwider sein.

Und so verbalisieren die Mitutus weiter ungebremst ihre Gefühle in die Welt und was da getrieben wird, ist streckenweise geistige Brandstiftung. Mit den entsprechenden Reaktionen. Feuer mit Feuer zu bekämpfen ist nur bei einem Waldbrand eine gute Idee. Was dort – wie hier – übrigbleibt, ist verbrannte Erde.

8 Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch zur Premiere! Und dann gleich solch ein großes Werk…
    Eine sehr schöne Zusammenfassung der herrschenden Absurditäten auf diesem Feld in diesem Land, sehr gelungen.
    In einem möchte ich aber widersprechen: der arme rassistisch verfolgte Millionär ist von den Anhängern nicht deswegen kritisiert worden, weil er Werbefotos mit und für Erdogan gemacht hat, der ein schlimmer Mensch weit hinten in der Türkei ist. Sondern, weil er jetzt offenbart hat, was viele schon lange vermuten: Er ist mit Leib und Seele Türke. Das allein ist auch nicht schlimm, nur hat er um des eigenen Fortkommens willen, mehr schlecht als recht, allen vorgespielt, dass er sich als Teil des Volkes begreifen würde, unter dem er aufgewachsen, dessen Hilfe und Unterstützung er zeitlebens genossen hat. Er hat die Vorteile der Zugehörigkeit zu diesem Volk ganz selbstverständlich für sich in Anspruch genommen und offenbar gleichzeitig hinter dem Rücken die Finger übereinandergelegt.
    Und das nehmen ihm die wirklichen Anhänger der deutschen Nationalmannschaft wirklich übel. Niemand wird gezwungen, sich als Deutscher zu bekennen und für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen. Aber wer das tut, muss es ernst meinen, muss wirklich dazugehören wollen.
    Dass gewisse Personen und Institutionen sich nur allzugern haben blenden lassen, ist eine andere Seite dieser Medaille. Aber es passt ins Bild; seit einiger Zeit wird ja behauptet, dass Deutschland kein Nationalstaat und auch noch nie solch einer gewesen sei.

  2. Herzlichen Dank für die Ergänzung. In der Tat war mir mangels Enthusiasmus für die deutsche Nationalmannschaft dieser Aspekt entgangen. Die Özil-Geschichte war jedoch mehr als Fallbeispiel einer gelungenen Integration gedacht – also mehr aus dem Blickwinkel Özils zu Deutschland als Deutschland auf Özil. Und meinen Sie wirklich, dass alle Spieler der Nationalmannschaft sich als Deutsche verstehen? Oder steht das nicht nur im Arbeitsvertrag?

  3. Das Integrationsbeispiel ist ja nicht ganz unwesentlich. Nur zeigt sich gerade bei Özil, dass der das nur der Form halber betrieben hat und ihm die Verbindung in die Welt seiner Herkunft im Innersten deutlich wichtiger ist. Noch einmal, das ist alles nicht schlimm. Es ist nur Heuchelei, so zu tun, als wäre er lediglich Wurzeltürke, sonst aber vollkommen mitteleuropäisch oder „westlich“ durchgegart. Womit man mir nichts, dir nichts bei der in gewissen Kreisen verleugneten Unfähigkeit bzw Unwilligkeit bestimmter Gruppen, sich in andere Großgruppen, sprich Völker, zu assimilieren, angekommen ist. Studien belegen das ja sogar für die USA, bei denen selbst seit vielen Jahrzehnten dort lebende verschiedene europäische Volksgruppen im Krisenfall sich nicht als „Amerikaner“ fühlen, sondern zu den Herkunftsethnien oder Volksgruppen hingezogen sehen. Scheint wohl eine anthropologische Konstante zu sein.
    Und das wird eben am Beispiel des Fussballs, ganz besonders bei den Nationalmannschaften, wie im Brennglas sichtbar. Wer zu den Spitzenkönnern in einer Sportart gehört, wer in die Nationalauswahl berufen(!) wird (da gibts keinen Arbeitsvertrag für, das ist eine Auszeichnung), von dem wird erwartet, dass er die Voraussetzungen uneingeschränkt erfüllt. Dazu gehört eben auch die uneingeschränkte Bereitschaft, immer, jedenfalls immer dann, wenn es drauf ankommt, über das Handwerk oder die Kunst hinaus an oder gar über die köperlichen Grenzen hinaus Leistung zu bringen. Schweinsteiger im WM-Finale 2014 ist das Beispiel schlechthin dafür.
    Möglicherweise fühlen sich nicht alle Spieler der Nationalmannschaft als Deutsche. Bei Spielern wie Mustafi ist das sogar öffentlich bekannt. Auch der will lediglich die größeren Möglichkeiten der Marktwertverbesserung nutzen, die das Auflaufen für die deutsche Nationalmannschaft bietet.
    In diesen Fällen aber wäre es sowohl von Seiten des berufenden Verbandes als auch von Seiten des berufenen Spielers ehrlich wie konsequent, die absehbaren „Missverständnisse“ gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn das Wesen einer Nationalmannschaft besteht ja per se darin, die besten Spieler von Nationen im sportlichen Wettstreit gegeneinander antreten zu lassen. Kann man wohl mindestens bis zu den Olympischen Spielen der Antike zurückverfolgen.
    Bei vielen anderen Nationalmannschaften sieht man diese Begeisterung, das Eigene nicht nur mit Können, sondern auch mit Leidenschaft zu vertreten, auch sehr deutlich. Berühmt dafür sind exemparisch die Lateinamerikaner; die vor dem Spiel die Nationalhymne singenden Italiener sieht wohl jeder bildhaft vor sich. Und daran ist durchaus nichts auszusetzen.

  4. Ich schließe mich den Glückwünschen an. Eine Premiere aus feiner und vor allem spitzer Feder, welche sich scheinbar mühelos aus den Denkschubladen des meinungsgemachten Suds heutiger Zeit gelüpft hat. Sich oben auf die Kommode zu setzen, verschafft immer einen guten Blick. Einen solchen Platz hat Plainbrain gefunden und – lässt dabei die Beine baumeln. Da wird ein diebisches Grinsen fast taktil. Ich werde nunmehr dennoch ketzerisch. Mein erster Gedanke zur causa Mesut/Ilkay/Recep formte sich rasch zu einer Frage: Was wäre denn geschehen, wenn Manuel Neuer und Mats Hummels sich mit Alice Weidel hätten ablichten lassen…?

  5. Nun ja, kann man so sehen. Wirkt allerdings wie eine bewusste Fehleinschätzung. Durchschaubar. Eher wären wohl Neuer und Hummels die, über die hergefallen worden wäre. Natürlich ist zu besorgen, dass das Fußballvolk es eher gelassen sähe. Die Minorität der Macher hätte es gerichtet, damit niemand den Rauswurf gewagt hätte zu kritisieren. Da hilft auch nicht, das Alice Männer nicht so mag, sexuell eher unattraktiv empfindet. Aber: Die Anklage gegen Alice würde gelautet haben: Wie konntest Du es wagen, dich überhaupt mit denen sehen zu lassen! Das steht dir nicht zu! Und so genössen die beiden Welpenschutz, quasi verführt und missbraucht Sodann wäre das Herfallen wieder „Business as usual“, alles wäre gut und plainbrain hätte richtig gelegen.

  6. zu Metoo:
    Lange Zeit konnten sich Männer offensichtlich darauf verlassen, dass Frauen mitmachen, sich nicht wehren oder wenigstens nicht an die Öffentlich gehen. Es ist wie bei Doping oder Schummeln in der Schule: Es gibt Menschen, die haben nichts dagegen, sich auf anrüchige Weise eine Vorteil gegenüber Konkurrenten bzw. Mitbewerbern zu verschaffen. So können die Anforderungen erhöht werden und die Anständigen bleiben auf der Strecke.
    Welch schöner Gedanke, keine Schauspielerin wäre bereit, sich belästigen zu lassen, und es käme bei der Karriere nur auf das Können inklusive Ausstrahlung an.

    Übrigens: Schlechtes Deutsch kann auch gerade daher kommen, dass in der Familie Deutsch, statt der Muttersprache gesprochen wird. Dann werden Fehler verfestigt.

    Ist Frau Chebli wirklich Türkin? Der Name ist jedenfalls nicht Türkisch.

    Den Leuten, die so häufig mit dem Rassismusvorwurf kommen, ist leider nicht klar, dass „Türke“ keine Rasse ist. Mir ist der Vorwurf schon gemacht worden, als ich von „Deutschen“ gesprochen habe.

    Muss ich noch extra schreiben, dass mir der Blog ausnehmend gut gefällt?

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