Lust

Solch wilde Freude nimmt ein wildes Ende“ mahnt Shakespeare aus elisabethanischen Zeiten und das Tantchen nörgelt aus der Ecke, der Übermut tue selten gut. Kaum imstande, das gesprochene Wort zu verstehen, hagelt es Beschränkungen. Die Sprichwörter der Duldsamkeit sind schneller zur Hand und dahergeplappert als sich der Plappernde bewusst macht, welche Wirkung sein Geplapper hat. Der beschränkte Mensch. Auf beiden Seiten. „Alle Menschen sind frei“ heißt es in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948. Das ist doch ein Anfang. Das Grundgesetz präzisiert, der Mensch sei frei, seine Persönlichkeit zu entfalten, sofern er anderen Menschen damit nicht ernsthaft auf den Senkel geht. Wobei die Herren des Grundgesetzes den „Senkel“ als „die Rechte anderer, die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz“ definieren. Ich würde meinen, der übrig gebliebene Spielraum sei enorm. Und frage mich, warum er nicht genutzt wird. Stattdessen ist zu beobachten, dass die Spielarten der Beschränkungen ungehindert ins Kraut schießen. Der Verlust der Freiheit wird von Musikern besungen und der Zuhörer singt inbrünstig mit. Geht dann nach Hause,  schließt sich im Internet einem Shitstorm an, hält den halbwüchsigen Kindern eine erbauliche Predigt zum Thema „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, zieht moralinsauer über den vor ihm beförderten Kollegen her, macht sich Sorgen um die monetären Verhältnisse im Alter, fühlt sich betrogen von der Regierung und „denen da oben“ und die Gattin hat Kopfschmerzen. Mary Oliver hat es einzigartig auf den Punkt gebracht: „Listen! Are you breathing just a little and calling it a life?“

Woher nur diese Unlust am Leben? Ich habe einen Verdacht: Es liegt an den Beschränkungen. Beschränkungen sind Lustkiller. Sind Sie schon mal nachts mit über 200 km/h über die Autobahn ans Meer gebrettert? Ohne Helm auf der Harley über Land gefahren? Haben ekstatisch zu Musik getanzt, bis kein trockener Faden mehr am Körper war? Welch wilde Freude. Und wann haben Sie damit aufgehört? Und vor allen Dingen – warum? Lag es an der Geschwindigkeitsbegrenzung und der Angst, den Führerschein zu verlieren? Ein Bußgeld wegen Verstoßes gegen die Helmpflicht zu kassieren? Ist Ihnen das Speed ausgegangen? Mit zunehmendem Alter beugen wir uns immer mehr den Beschränkungen. Man wird ja vernünftig. Und das Leben verringert und verkleinert sich, bis der Mensch mit gebeugtem Rücken in der Puppenstube hockt und sich in wehen Momenten des Weltschmerzes fragt, ob dies überhaupt ein Leben sei.

Freude wird aus Freiheit geboren und Freiheit beginnt im Kopf. Falls Sie zu jenen gehören, die meinen, weil der Hirnimpuls Millisekunden vor meiner mir bewussten Entscheidung bereits messbar sei, sei ich ein determinierter Bio-Roboter und so etwas wie ein freier Geist existiere nicht, empfehle ich Ihnen, die Lektüre des Textes hier abzubrechen, da Ihr determinierter Geist damit sowieso nichts anfangen kann. Begeben Sie sich lieber an Ihre Ladestation und fahren das System runter. Wir anderen machen derweil weiter…

Benötigt ein Denkvorgang Sprache? Wenn es darum geht, einen Ball zu fangen, gewiss nicht. Bei komplexeren Sachverhalten unbedingt. Erinnern Sie Orwells „Neusprech“? Der Wortschatz in Neusprech ist so reduziert, dass differenziertes Denken unmöglich gemacht wird. Voll krass, ey. Oder in Journalistensprech: erschütternd. Die so Reduzierten sind sodann leichter zu lenken, da sie eventuell noch das Gefühl verspüren, irgendetwas sei irgendwie im Argen – doch was ist das bloß? Es fehlen Ihnen – buchstäblich – die Worte. Eventuell weil die zu benutzenden Worte nicht benutzt werden dürfen.  Wie bei den Unwörtern des Jahres. Oder der Kontext der Benutzung vorgeschrieben ist. Wie zum Beispiel in so herrlichen Informationsblättern für Journalisten zum korrekten sprachlichen Umgang mit rechtsextremistischen oder rassistisch motivierten Straftaten. Die gibt es wirklich; kein Scherz. Oder denken Sie an die Bereinigung der deutschen Sprache im Zusammenhang mit dem Negerkuss. Oder der Mohrenapotheke. Von verbotenen Worten zu verbotenen Büchern zu verbotenen Gedanken. Die No-Speak-Areas führen zu No-Think-Areas. Das Hirn verkrümmt sich wie der Rücken des Menschen im Puppenhaus und letztlich verkümmert es. So einem verkümmerten Hirn würde ich tatsächlich unterstellen wollen, dass die Bestellung eines Negerkusses im Brötchen (oh selige Kindheitserinnerung) in einer skurril konfusen Konnexität mit den Denkvorgängen angesichts eines schwarzen Menschen steht. Aber auch nur so einem Hirn. Eventuell sollten sich die Menschen, die so dumpfe Hirne beklagen, fragen, woran die Dumpfheit liegt. An der Beschränkung, Ihr Lieben.

Was nach der Reduktion der Sprache an Denkfreiheit noch übrig ist, wird von der Moral mit freundlicher Unterstützung der Angst gekillt. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es immer sehr unfroh wird, wenn die Herren in den schwarzen Kutten ins Spiel kommen? Man würde meinen, Richter und Geistliche würden sich nur hinsichtlich ihres zweifelhaften Geschmacks in Sachen Kleidung ähneln, doch leider haben sie noch eine Gemeinsamkeit: das Bild des Idealmenschen, an dem sie das bedauernswerte Geschöpf ihres Interesses messen (und das sie psychopathologisch höchst bedenklich für sich selbst in Anspruch nehmen). Dieses Bild des Idealmenschen ist in doppelter Hinsicht verderblich.

Zum einen dürfte es wirklich Niemanden geben, der diesem Anspruch stets und ständig genügt. Und falls es den gibt – hau mir ab! Wenn ich mir vorstelle, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der jede gesetzliche Regelung und jedes christliche Gebot strikt befolgt – ach du liebes Lieschen. Mit dem hat man dann so richtig Spaß. Aber das ist ja der Sinn der Sache; den Spaß auszutreiben. Die wilde Freude.

Und zum anderen betrachte ich es als groben Missgriff, einen 2000 Jahre alten Verhaltenskodex nicht von Zeit zu Zeit kritisch auf seine Alltagstauglichkeit zu überprüfen. Ich persönlich betrachte den Idealmenschen als überhaupt nicht ideal. Und zwar deshalb nicht, weil der oben skizzierte Idealmensch sich auf äußere Vorschriften und nicht auf innere Überzeugungen verlässt. Im Extremfall sind solche Leute unschwer zu bestialischem Verhalten fähig. Immer mit der Rechtfertigung selbiges sei durch „die Autorität“ angeordnet worden.

Teilen Sie meine Auffassung, dass es in so vielen Menschen brodelt, wie seit 1968 nicht mehr? Wobei es 1968 meist junge Menschen waren, bei denen die Brodelei auch als altersbedingte biologische Determination verstanden werden kann. Heute brodelt es quer durch alle Gesellschaftsschichten und Altersstufen. Vielleicht, weil die Menschen keinen Dampf ablassen können. Eventuell, weil ihnen die wilde Freude fehlt.

Wir sind ja unter Erwachsenen – also lassen Sie uns kurz über die Lust sprechen, die so viel von dem Sinnen und Trachten von uns Menschentieren ausmacht: Sexuelle Lust. Das Spiel von Macht und Ohnmacht, von Flirt und Liebelei und besinnungslosem Rausch. Wenn ich mich so umschaue, wie diese spezielle Lust in unseren Tagen gefeiert wird: Beate Uhse TV? Nasse Socken statt Netzstrumpfhosen.  

Falls Sie ebenfalls zu den älteren Semestern gehören – erinnern Sie sich noch an Pan? Ein super Typ. Mit Wohnort in Arkadien und einem Hang zu ausgedehnten Mittagsschläfchen, Musik, Tanz, Fröhlichkeit und ekstatischer Wollust. Im Übrigen ein Gott und insofern durchaus bereit, angebetet zu werden und Huldigungen entgegen zu nehmen. Nur nicht zur Zeit des Mittagsschläfchens. Stellen Sie sich nur mal ganz kurz eine Gesellschaft vor, die Pan statt Jesus… Beim Priapos! Da wird einem ganz schwindelig, oder?

Viel zu schwindelig für die Kuttenträger. Pan muss weg! Also haben die Assassinen der Lust ganze Arbeit geleistet und Pan nicht nur getötet, sondern gleich auch noch zur Inkarnation des Bösen gemacht. Bitte machen Sie sich in diesem Zusammenhang klar, dass Ihnen jemand was über Lust erzählt, der keine Ahnung von dem Thema hat. Die Urheber dieser Sauerei sehe ich direkt vor mir: pendelnd zwischen übermäßiger Masturbation und, weil mit schlechtem Gewissen ausgeführt, ohne die Wonne des Genusses und Selbstgeißelungen mit ein wenig mehr Genuss, wenn der Schmerz nachlässt. Einem kollektiven Irrsinn verfallen. Alles Männer – natürlich. Frauen sind diesen Gestalten  so unheimlich, dass die nicht mal in ihre Nähe kommen dürfen. Die Frau – so die Vorstellung – hat nur ein einziges Sinnen und Trachten: Die Herren in den schwarzen Kutten mit ihrer ungezügelten Geilheit zu verderben (Sie dürfen nicht vergessen, dass das Selbstbild von Männern bezüglich ihrer sexuellen Attraktivität nicht unbedingt in der Wirklichkeit angesiedelt ist). Also sei das Weib dem Manne Untertan, diene ausschließlich der Fortpflanzung und gebäre die Kinder unter Schmerzen. Damit das nicht so hämisch rüberkommt, behaupten die Herren, dies seien nicht ihre Ideen, sondern die einer höheren Autorität. Und dann sind sie in die Katakomben gegangen und haben erstmal herzhaft gelacht.

Wissen Sie, was mich umhaut? Die sind damit durchgekommen. Forderungen auf der Basis von Behauptungen ohne Beweis sind schlicht Diktatur. Beschränkungen ohne Einsicht Dressur. Und die Leitgedanken und Moralvorstellungen unserer Gesellschaftsordnung diesen blutleeren, freudlosen, sexuell gestörten Kuttenträgern zu überlassen, kann nur zu einer ebenso blutleeren, freudlosen und sexuell gestörten Gesellschaft führen. 

Und so ziehen es meine Mitmenschen vor, in Erbsünde das Auto zu waschen bis ins dritte und vierte Glied. Aktuell sieht es auch schlecht aus im Hinblick auf ein Umdenken, da die Lüsternheit etwas in Verruf gekommen ist. Eine Sache von schmutzigen, weißen (also dann wohl eher cremefarbenen) alten Männern. Diese Sicht der Dinge wird letztlich dazu führen, dass entweder jede sexuelle Interaktion von zum Kreischen dämlichen Fragen kommentiert wird (Darf ich dich da anfassen? Und da auch? Und hast Du was dagegen, dass ich unser Gespräch zu Beweiszwecken aufzeichne?) oder von versierteren Anhängern schriftliche Rahmenbedingungen (eventuell noch mit safe word) ausgearbeitet werden. So als Vorspiel. Sexy. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass die Menschen sich damit wohlfühlen. Das tun sie nicht. Als dieser unsägliche Soft-Sado Fifty Shades of Grey gerade seinen Hype hatte, konnte man tatsächlich ein Fifty Shades of Grey Erotik-Set käuflich erwerben. Bei OTTO. Kein Scherz. Kann man heute noch. Falls Sie die Neigung verspüren. Und eventuell ein gewisses Talent. Obwohl Menschen mit Neigung und Talent das Equipment unschwer im Werkzeugkasten, Kleiderschrank und der Küchenschublade zusammen kramen können. Und ohne Talent und Neigung wird das auch mit dem Starter-Set für kleine Sadisten nichts. Dann gehen Sie lieber Auto waschen.

Wie wäre es mit ein wenig Ausgleich durch die Schwarzroben? Es begab sich zu der Zeit der 1990er Jahre als ein Amtsrichter aus Norddeutschland das höchste Gericht (nein, mein liebes Christenkind, ich meine das Bundesverfassungsgericht und nicht den lieben Gott) bemühte, zu entscheiden, ob der Mensch ein „Recht auf Rausch“ habe. In einem bemerkenswerten Spagat entschied das Gericht, der Besitz von Marihuana in geringen Mengen sei zwar verboten, von der Bestrafung des Besitzers wegen der kleinen Menge sei aber grundsätzlich abzusehen. Die Frage blieb, was so ein Richter denn als angemessene Menge betrachtet. Um einen anständigen Marihuana-Rausch hinzubekommen. Die Antwort liegt in Hamburg bei 10 Gramm. Saufen bis zur Besinnungslosigkeit ist im Übrigen okay. Notfalls muss eben ergänzend gesoffen werden, wenn das Kiffen nicht reicht. Wobei die Fragestellung, nach dem „Recht auf Rausch“ zeigt, dass der so kluge Richter meinte, ein Bedürfnis nach Rausch zu erkennen. Nach Sprengung des Schädels zwecks Befreiung des Hirns? Das wäre nun ein Grund, der mir einleuchtet. Was ich beobachte, ist das genaue Gegenteil. Koma-Saufen. Was sich nahtlos in unsere Gesellschaftsordnung einfügt, nach der bewusstseinserweiternde Substanzen verboten gehören; bewusstseinszerstörende hingegen, anständig besteuert, durchaus zur Freude der Bevölkerung in überreichlichem Maße zur Verfügung zu stellen sind. Gern auch auf Rezept. Dann übernimmt die Krankenkasse die kranke Sedierung. Beschränkung für Fortgeschrittene.

Und wem das noch nicht reicht, der beschränkt sich eben selbst. Selber eine Angehörige der „freien“ Berufe“ wundere ich mich, wie sich die Kollegen in Ketten legen. Der Fehleinschätzung ihrer eigenen Wichtigkeit erliegen und der Meinung sind, mit selbst verordneten 18-Stunden Tagen nicht nur den Tag, sondern ein ganzes Leben füllen zu können. Ständig mit der Formulierung „ich muss“ auf den Lippen. Und niemand, wirklich niemand, benutzt das müssen im Zusammenhang mit grobem Unfug, ausschweifenden Gelüsten jeglicher Couleur oder sonstigem Amüsement. Das höchste der Gefühle ist der zu müssende Urlaub zwecks Wiederherstellung der Arbeitskraft. Arbeitsdrohnen und so gehirngewaschen, dass sie auch noch stolz drauf sind. Wohlgefällig den Herren in den schwarzen Roben und den schwarzen Kutten. Kürzlich erzählte mir jemand – ich weiß nicht mehr wer; vielleicht habe ich es auch irgendwo gelesen – die Geschichte eines Barkeepers, der sich des Öfteren mit totkranken Menschen unterhielt. Und trocken feststellte, dass bei dem ganzen Bedauern über verpasste Dinge im Leben, nicht ein einziger der Sterbenden bedauerte, nicht mehr Zeit im Büro verbracht zu haben.

Auch die Zeit ist beschränkt.

Ich wünsche Ihnen einen lustvollen Tag.

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