Herrenmenschen

Sie kennen den Satz vom „Rad der Welt“. Dreht sich immer weiter und bla-bla-bla und dem Fortschritt nicht im Wege stehen und voran, immer voran.

Es mag Zeiten gegeben haben, in denen das zutraf. Momentan ist augenfälligste Eigenschaft des Rades, dass es sich im Kreis dreht. Eine vermeintliche Vorwärtsbewegung ist lediglich auf die optische Täuschung aufgrund der vermeintlichen linearen Abfolge des Zeit zurückzuführen und insofern völlig irrelevant. Grundsätzlich langweilt es mich bis zum Erbrechen und hervorstechendste Eigenschaft des Menschen scheint die absolute Unfähigkeit zu sein, aus der Vergangenheit zu lernen.

Nun ist hingegen genau jene Eigenschaft auch diejenige, die am häufigsten beklagt wird und zu Auswüchsen führt, die so putzig sind, dass sie wiederum eine nähere Betrachtung verdienen.

Es begab sich zu einer Zeit in Deutschland, dass der Mainstream (der damals noch nicht so genannt wurde) der Vorstellung anhing, es sei möglich, einen neuen Menschentyp zu erschaffen, der dem bisherigen, über mehrere Jahrtausende eigentlich recht befriedigend funktionierendem, überlegen sei. Die Mission, das Grundmodell zu einem idealisierten Supermenschen zu tunen, scheiterte krachend. Was niemanden, der nur ansatzweise ein gewisses Verständnis der menschlichen Natur besitzt, auch nur marginal überraschen kann. So weit, so gut. Man könnte es schlicht in die lange Reihe der Fehlvorstellungen, das Herz des Feindes zu verzehren verleihe zusätzliche Kraft, Götter ließen sich durch menschliche Opfergaben in ihren Entscheidungen beeinflussen oder der Kauf von Telekom-Aktien führe zu einem Dasein als Millionär, abbuchen.

Wobei – hinsichtlich des Glaubens an göttliche Entitäten und der möglichen Einflussnahme auf deren Entscheidungen durch menschliche Opfergaben ist zwar im christlich geprägten Bereich eine zunehmende Tendenz der Abkehr zu verzeichnen; hingegen befinden sich andere Systeme, die die Sache ein wenig radikaler angehen, auf dem Vormarsch. Oder besser gesagt: auf dem Rückmarsch. Man könnte sie fast für Konservative halten. Was sehr schön illustriert, dass Begriffe ohne Kontext ziemlich in die Irre führen können.

Der vorerwähnte idealisierte Übermensch wurde im historischen Zusammenhang des Nationalsozialismus maßgeblich durch die Zugehörigkeit zu einer arischen Rasse geprägt. Also jemand, dessen Vorfahren irgendwann mal aus Vorder- oder Mittelasien eingewandert waren und weil das sanskritische आर्य (ārya) mit „Edler“ übersetzt werden kann, war das halt die Rasse der Edlen. Macht überhaupt keinen Sinn, aber was solls. Ob jemand dieser Rasse angehörte, wurde selbstverständlich nicht an historischen Dokumenten (die sowieso nicht vorhanden waren – wie auch) überprüft, sondern Pi mal Daumen. Tatsächlich ging es auch weniger um die Zugehörigkeit zur arischen Rasse, sondern um die Ausgrenzung derer, die nicht dazugehörten.

Die schöne neue Welt der Übermenschen sollte von jenen gesäubert werden, die den Ansprüchen nicht genügten. Die zerrissene Gesellschaft zu einer Volksgemeinschaft geschmiedet werden. Zu Herrenmenschen, deren geburtsrechtlicher Überlegenheitsanspruch rechtfertigte, was niemals gerechtfertigt werden kann.

Es war nicht das erste und nicht das einzige Mal in der Geschichte, dass Menschen meinten, aufgrund gewisser Merkmale anderen überlegen zu sein. Und selbst wenn sie es waren, führten ihre Taten in der Retrospektive nicht zu Ruhm und Ehre, sondern geradewegs in den Abgrund tiefster Verachtung.

Man könnte etwas lernen aus dieser Vergangenheit. Zum Beispiel, dass gewisse Merkmale eines Menschen nicht zwingend eine geburtsrechtliche Überlegenheit anderen Menschen gegenüber beinhalten. Genau genommen, nicht nur nicht zwingend, sondern überhaupt nicht.

Doch das große Rad dreht sich im Kreise, und es scheint einem Grundbedürfnis des Menschen zu entspringen, sich über andere zu erheben. Wahrscheinlich, weil es an einem Gefühl für den eigenen Wert mangelt und der nur in Korrelation zu weniger wertvollen Menschen ein wenig aufgepeppt werden kann.
Und an diesem Punkt kommen wir zu den putzigen Auswüchsen, die uns mit den neuen Herrenmenschen geschlagen haben.

Hervorstechendste Eigenschaft des edlen Übermenschen der Gegenwart ist seine moralische Integrität. Woran nichts auszusetzen wäre, wäre er nicht getrieben von dem Sendungsbewusstsein, die Überlegenheit seiner moralischen Integrität stets und ständig zu demonstrieren. Der Übermensch der Gegenwart ist strenger Wächter (häufig auch Wächter, Richter und Henker in Personalunion) über seine Mitmenschen. Und deren moralischen Verfehlungen, die dem Anspruch des Sitten-Übermenschen nicht genügen.

Und so führt die laxe Bemerkung in einer WhatsApp über einen „qotenschwarzen“ [sic!], die offenbar an den falschen Adressaten geschickt wurde, zu dem umgehenden Verlust des Arbeitsplatzes des Versenders, garniert mit einer öffentlicher Geißelung der Entgleisung, weil der Quotenschwarze nichts Besseres zu tun hatte, als die moralische Verkommenheit des Absenders möglichst weit zu verbreiten. Die Gattin des Quotenpocs setzt nach und zeigt sich geschockt und teilt mit, dass dieses Land ihr mittlerweile Angst mache (mir auch, aber aus anderen Gründen).

Kurz darauf ist dann auch der Quotenschwarze seinen Job los, weil er anlässlich eines Fußballspieles kommentierte, es sei „bis zum vergasen“ trainiert worden.
Zwar twittert das Untermenschentum den unbedachten Äußerungen umgehend ab und schmeißt sich im härenen Gewand in den Staub – außer einer Steilvorlage für weitere Darstellungen moralischer Integrität bisher unbeteiligter Personen ändert dies an der Sachlage mal überhaupt nichts. Weshalb sie es auch hätten lassen können.

Wie können wir doch dankbar sein, dass die moralisch überlegenen Herrenmenschen die Volksgemeinschaft von solchen Schädlingen säubern.

Wir gehen goldenen Zeiten entgegen.