Die Zeit der Wölfinnen

Jede Zeit hat ihre Helden. Manchmal auch Heldinnen. Regelmäßig stellt sich Heldentum allerdings erst in der Retrospektive heraus, weshalb Helden – oder Heldinnen – die sich selbst im Hier und Jetzt zu solchen ausrufen, schlicht eine furchtbar peinliche Angelegenheit sind, die mit dezentem Fremdschämen übergangen wird. Bestenfalls. Manchmal allerdings läuft die Sache auch so richtig schief. Wie bei einer gefühlten Heldin, die sich kürzlich öffentlich anmaßte, waidwund leidend ihre Situation mit der einer Ikone des Leids zu vergleichen. Das durfte sie nicht, weil damit der Holocaust relativiert und Rechten Vorschub geleistet wurde, was ihr hingegen offenbar aber nicht bewusst war, weshalb sie (immer noch öffentlich) mit diesem Vorwurf konfrontiert, in Tränen ausbrach. Und statt Ruhm und Ehre Spott und Häme erntete. Was nicht nett, aber verständlich ist. Heulendes Heldentum fordert eine solche Reaktion schon irgendwie heraus, oder?

Weshalb ich diese Geschichte überhaupt erwähne, liegt an einem der Kommentatoren zum Thema. Dieser schrieb den wunderbar naiven Satz: Ich dachte und denke immer noch, diese jungen Frauen sind die einzige Spezies des Universums ohne natürliche Feinde.

Natürlich von einem Mann geschrieben; meiner Erfahrung nach gibt es wahre Romantiker nur unter Männern. Was bei Frauen „Romantik“ genannt wird, zeichnet sich zwar durch das Irrationale der Romantik aus, entbehrt aber deren Schwermut. Die Romantik von Frauen – befeuert durch Filme wie Pretty Woman – ist mehr ein B-Tagtraum, eines Tages unverhofft und nur durch die reine Macht der Möse die Welt zu Füßen gelegt zu bekommen (anstatt, wie es angemessen wäre, in der dritten Szene ein Kissen aufs Gesicht).

Jedenfalls erschien mir die romantische Weltsicht des unbekannten Kommentators zunächst liebenswert. Ich überlegte kurz, ob er in stillen Nächten davon träumt, ein wildes Einhorn zu sein, um durch die liebevolle Zuneigung einer Jungfrau die Wonnen der Zähmung zu erfahren. Ich hätte ihn gerne danach gefragt, fand jedoch bei näherer Betrachtung die Frage etwas zweideutig, und insofern hätte diese unbedachte Handlung mir unter Umständen – und mal wieder – Folgen beschert, die unnötig und überflüssig sind. Also fragte ich nicht.

Was ich mich aber fragte (und weshalb ich seine romantische Weltsicht, je länger dieser Satz in meinem Kopf nachhallte, immer weniger liebenswert fand) war, wie weit verbreitet seine Sicht der Dinge ist. Ich befürchte, weit. Eventuell ist es sogar eine Art Konsens. Weshalb das schwache Geschlecht dringend einer näheren Betrachtung bedarf.

Seit geraumer Zeit betreibt das schwache Geschlecht das Geschäft, #schwachlifematters in die öffentliche Diskussion zu tragen. Die Ungerechtigkeit der Welt zu beklagen. Frauen, so heißt es, werden stets und ständig ungerechtfertigt benachteiligt, weshalb es dringend einer ungerechtfertigten  Bevorzugung bedarf. Diese Logik verstehe, wer will. Offenbar wollen viele. Vielleicht liegt es am Konsens des schwachen Geschlechts.

Sind Frauen schwach? Hat die Körperkraft etwas mit Schwäche zu tun? Oberflächlich und dem reinen Wortsinn nach schon. Ganz anders sieht die Sache aus, wenn ich eine Bewaffnung in die Gleichung einfüge.

Sie werden kaum noch Gelegenheit haben, sich aus erster Hand zu informieren – ich hatte sie. Und mit wem auch immer ich über die Russland-Feldzüge des zweiten Weltkrieges gesprochen habe, so gab es eines, was alle erinnerten und was nicht wenige nächtens immer wieder heimsuchte: die Frauenbataillone. Die Frauen waren gefürchteter als die Männer. Sie galten als mutiger, als gnadenloser und wenn sich ihre hellen Stimmen zum Schlachtruf vereinigten, so war das, wie es mir ein alter Veteran einmal sagte, ein wahrgewordener Albtraum. Man erstarrte zunächst, berichtete er, weil man doch nicht gegen eine Frau kämpfen wollte. Damals noch mehr als heute dürfte es eine Frage der Ehre gewesen sein, einem vermeintlich Schwächeren nichts anzutun. Was für ein Vorteil im Kampf! Während mein Gegenüber noch verdattert darüber nachdenkt, ob eine Gegenwehr nun angezeigt ist oder nicht, habe ich ihn längst abgeschlachtet. Der beste Scharfschütze der Roten Armee im zweiten Weltkrieg war übrigens eine Scharfschützin, Ljudmila Pawlitschenko, mit 309 bestätigten tödlichen Treffern.

Ebenso legendär wie die Frauenbataillone war das sowjetische 588. Nachtbombenfliegerregiment. Alte Doppeldecker vom Typ Polikarpow Po-2 wurden behelfsmäßig zu Bombenflugzeugen umgerüstet. Aufgrund der geringen Traglast starteten die Flugzeuge bis zu achtmal pro Nacht. War das Ziel in der Nähe, wurde der Motor abgestellt und die Bomben im Gleitflug abgeworfen. Der Tod kam aus absoluter Dunkelheit und Stille. Was den Frauen – denn das 588. Nachtbombenfliegerregiment bestand ausschließlich aus Frauen, von der Kommandeurin bis zu den Pilotinnen – den Namen „Nachthexen“ eintrug. Muss ich noch erwähnen, dass man sie fürchtete?  

Ist es der Krieg, die Außerkraftsetzung der bis dato gültigen Regeln, der Frauen von der manifestierten sanften Schwäche zu furchterregenden Feinden mutieren lässt? Oder kann sich ein Feind auch in sanfter Schwäche tarnen? Nicht nur die Männer haben wahrgewordenen Albträume im Krieg erlebt. Meine Großmutter hatte lange ihr böses Geheimnis mit sich herumgetragen, bis es in einem Moment der Schwäche aus ihr herausbrach. (Und nur weil meine Großmutter schon lange Zeit tot ist, erzähle ich es. Zu ihren Lebzeiten hatte ich es – wie sie – gewahrt.) Sie erzählte von dem kleinen Verschlag, in  dem sie sich versteckte, als die Soldaten kamen. Sie traf dort auf junge Frauen aus dem Dorf – sie war auf der Flucht. Das Versteck wurde entdeckt und ein Soldat griff wahllos nach dem Arm einer jungen Frau aus dem Dorf. Woraufhin sich die anderen Frauen an sie klammerten und sie festhielten. Und unter Tränen flehten, ihrer Freundin nichts anzutun. „Nimm nicht sie – nimm die da“. Und auf meine Großmutter zeigten. Was ihr dann widerfuhr, war entsetzlich. Aber nicht so entsetzlich, wie die Frauen, die sie opferten, um sich zu retten. Sie hat es nie verwunden.

Eventuell war es bei ihr wie bei den deutschen Soldaten; das Entsetzen, wenn man feststellt, das Gegenüber völlig falsch eingeschätzt zu haben. Als würde einem der Lieblingsteddy plötzlich die Hand abbeißen.

Nun entsprang auch dieses Erlebnis einer Ausnahmesituation. Sind Frauen also grundsätzlich das schwache Geschlecht, sanft, mütterlich, fürsorgend und – außer in Ausnahmesituationen – in dieser Männerwelt den Männern hoffnungslos unterlegen, weshalb es geradezu eine moralische Verpflichtung der Männer ist, höflich den Frauen eine Bevorzugung einzuräumen? Oder gar eine gesellschaftliche Unabdingbarkeit?

Ebenso wie der Konsens vom schwachen Geschlecht hat sich die Behauptung, Frauen werden stets und ständig diskriminiert, eingeschliffen. In den meisten Fällen wird auf die Arbeitswelt abgestellt. Tatsache ist, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Wobei in diesem Zusammenhang immer erwähnt wird, dass sowohl die Qualifikation als auch die Leistung vergleichbar wären. Warum dann das Salär ein anderes ist, wird mit vielen Erklärungsansätzen beleuchtet, die aber allesamt keine befriedigende Erklärung des Phänomens liefern. Also – ich habe eine Ahnung. Weil sie Frauen sind.

Üblicherweise wird unterstellt, Frauen seien weniger aggressiv als Männer. Die Erklärung dieses Umstandes wird gerne mal biologisch verortet – Testosteron und so. Küchenbiologisch folgt der kühne Schluss, das schwache Geschlecht sei dem starken und aggressiven Geschlecht unterlegen. Und die tradierten Ehrvorstellungen – Sie wissen schon.

Tatsächlich sind Frauen genauso aggressiv wie Männer. Nur anders. Die Aggressivität von Frauen ist nicht so offensichtlich. Frauen kämpfen nicht mit Fäusten, sondern mit Worten. Die Verletzungen werden nicht im Gesicht, sondern in der Seele hinterlassen.

Nach offiziellen Zahlen sind mindestens eine Million Männer in Deutschland regelmäßig Opfer häuslicher Gewalt. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Auch in Zeiten absoluter Schamlosigkeit der öffentlichen Kundgabe des eigenen Missbrauchs tendieren Männer nicht unbedingt dazu, mit ihrem Opferstatus hausieren zu gehen. Anders als Frauen. Auf die Gründe wird noch einzugehen sein. Die häufigste Variante ist psychologische Gewalt. Erniedrigungen, Beleidigungen, Kontrolle, Verbote, Drohungen und Erpressungen.

Wenn es körperlich wird, müsste man dem Rollenklischee verhaftet vermuten, dass Frauen so putzig beißen, kratzen oder an den Haaren ziehen. Die denken nicht dran – es ist Frauen schon bewusst, dass sie ihrem Opfer körperlich unterlegen sind. Diese Unterlegenheit kann frau unschwer ausgleichen und geht mit Scheren, Messern, Küchengeräten oder auch mal dem Hammer auf ihr Opfer los.

Und schließlich die sexuelle Gewalt. Die können Frauen auch. Auch Männer werden sexuell belästigt, vergewaltigt oder zu Handlungen gezwungen, die sie ablehnen. Wer sich fragt, wie das sein kann, dass ein körperlich unterlegenes Geschöpf so viel Macht über jemanden hat, der körperlich überlegen ist – nun, es ist in vielen Fällen so etwas wie eine Beißhemmung bei Hunden. Männer werden dahingehend erzogen – wenn nicht gar konditioniert – dass man „Schwächeren“ nichts tun darf (da ist es wieder). Also – Männer der gehobenen Kulturkreise. Vor die Entscheidung gestellt, ihre Selbstachtung oder ihre Ehre zu verlieren, entscheiden sich nicht wenige für die Selbstachtung. Andere wiederum sind so sehr im Bild des „schwachen Geschlechtes“ verhaftet, dass sie schlicht ihre Gegnerin unterschätzen. Der Selbstschutzmechanismus wird nicht aktiviert, weil die Bedrohung nicht als solche wahrgenommen wird.

Und wenn sie irgendwann wahrgenommen wird? Weil die ständige Wiederholung der Misshandlung nicht mehr ignoriert werden kann? Auch dann noch verharren Männer in solch toxischen Beziehungen. Aus Angst vor den Konsequenzen. Aus Angst, die Familie zu verlieren. Aus Angst, es könnte öffentlich werden, dass sie misshandelte Männer sind. Aus Angst vor der Drohung, die Gattin würde sich im Fall der Trennung umbringen. Die Kinder auch. Und wenn sie schon dabei ist, wird der Gatte auch dran glauben müssen. Ich kann nachvollziehen, dass solche Drohungen ernst genommen werden. Ich stelle mir vor, dass ein Mann, der von seiner Frau misshandelt wird, bereits mit einem bis in die Grundfesten erschütterten Weltbild zu kämpfen hat. Ich kann mir auch lebhaft vorstellen, wie alleine er sich fühlen muss. Ich meine – wer würde schon auf die Idee kommen, seinem Arbeitskollegen oder Fußballkameraden beim Bier das Herz auszuschütten und davon zu erzählen, dass man sich nicht nach Hause traut. Die Gefahr einer erneuten Demütigung ist schlicht zu groß. Und schließlich ist da immer noch das verflixte Selbstbild des Mannes, dass er stark und wehrhaft ist; Männer sind keine Opfer, Männer sind Täter. Und so suchen nicht wenige betroffene Männer die Schuld bei sich. Es war ihr Fehler, die Frau nicht so zu behandeln, dass der Wutausbruch vermieden wurde. Es war ihr Fehlverhalten, dass diese Reaktion provoziert hatte. Denn schließlich sind sie doch die Stärkeren.

Wer jetzt meint, die Aggression von Frauen damit relativieren zu können, dass die sich eben an genau jenen „Stärkeren“ austoben, was die Sache weniger dramatisch macht, den möchte ich daran erinnern, dass in ungefähr 20 bis 30% der Fälle von sexualisierter Gewalt an Kindern die Täter Frauen sind. Nicht in der Kriminalstatistik, da rangieren diese Fälle im einstelligen Bereich. Studien zeigen allerdings ein ganz anderes Bild. Mutterliebe ist genauso ein Mythos, wie die Mär vom aggressiven Mann und der duldsamen Frau. Gleichwohl wird sich daran geklammert. Ein Teil dieser Vorstellung dürfte auf der christlichen Marienverehrung beruhen, ein Teil auf der gesellschaftlichen Konvention, dass Mutterliebe so ziemlich das Größte ist, was es gibt und einen erheblichen Teil dürfte ausmachen, dass die Mütter selber sich in dieser verklärten Sicht der Dinge ausnehmend gut gefallen. Nichtsdestotrotz schlagen sie zu; auch bei der nicht sexualisierten Gewalt gegen Kinder sind 30% der Täter Täterinnen.

Frauen als Täterinnen sind tabu. Frauen sind Opfer. Punkt. Wie mag es wohl den geschlagenen Männern und den missbrauchten Kindern gehen, wenn wieder mal öffentlich die Gewalt gegen Frauen angeprangert wird? Und warum wird dieses Thema so unter Verschluss gehalten?

Ich könnte mir vorstellen, weil es einfacher ist, die Dinge zu negieren, als sich der hässlichen Wahrheit zu stellen. Und für die Frauen wäre der Imageschaden enorm. Das Bild der schwachen Sanftheit wäre ein klein wenig ramponiert.

Zudem tritt noch eine grundsätzliche Problematik auf: Wer darf es wagen, das Bild des ungerechtfertigt förderungswürdigem Geschlecht zu beschädigen? Ein Mann? Eventuell hätte er Glück, lediglich der seinem Geschlecht anhaftenden Frauenfeindlichkeit schuldig gesprochen zu werden. Eventuell müsste er aber auch Amt und Würden aufgeben – sofern er über solche verfügt – und jedenfalls müsste er aushalten können, was dann seitens der Sanftmütigen über ihn kommt.

Ich nehme an, es bedarf einer Frau. Der kann man wenigstens zu Gute halten, dass sie weiß, wovon sie spricht. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Begriff „stutenbissig“. Das gibt es nur unter  Frauen – eventuell wird ja irgendwann im Zuge der Gleichstellung der Geschlechter noch die „Hengstbissigkeit“ etabliert, aber noch ist es dem schwachen Geschlecht vorbehalten, Konkurrentinnen hinterhältig und intrigant zu beseitigen. Wobei es Frauen nicht reicht (sofern sie dazu überhaupt in der Lage wären), die Konkurrenz durch Leistung zu überflügeln; oft wird es sehr persönlich. Der Mensch als Person soll ausgeschaltet werden. Bis hin zu Mobbing und Verleumdung.

Der Männerwelt sind diese Mechanismen relativ fremd. Was häufig dazu führt, dass jede Kritik einer Frau an einer anderen Frau reflexartig auf Stutenbissigkeit zurückgeführt wird und insofern a) etwas leicht Lächerliches an sich hat und b) nicht zur Kenntnis genommen werden sollte. (Und c) ist ein Zickenkrieg – die laxe Umschreibung einer ziemlich ernsten Angelegenheit – für Männer ungefähr so attraktiv wie Genitalwarzen.)  Da ich reinen Herzens versichern kann, dass es mir hier nicht um Konkurrenz geht, werde ich dem Vorwurf der Stutenbissigkeit eventuell entgehen. Ein anderer Vorwurf wird ihn sicherlich ersetzen.

Worum es mir geht, ist diese infame ich-bin-süß-und-benachteiligt-und-darum-gib-mir-Forderung. Oder die Variante, ich-kann-zwar-nichts-und-habe-keine-Ahnung-aber-Mösen-Macht, während frau noch leicht beleidigt, aber huldvoll die Früchte ihrer Impertinenz erntet. Wobei ich nicht annehme, dass die raren, aber begehrten Plätze der ungerechtfertigten Bereicherung durch Sanftmut erlangt werden.

Und falls sich jemand fragt, warum mich das umtreibt: Nun – weil jene, die sich ihres Geschlechts bedienen, um eine ungerechtfertigte Bevorzugung zu erlangen, es für alle anderen ihres Geschlechts versauen.

Weil nunmehr die öffentliche Zurschaustellung des beleidigten Opfergeschlechts von der Gesellschaft auch noch honoriert wird. Und in der öffentlichen Wahrnehmung die Umdeutung des schwachen Geschlechts zum unfähigen Geschlecht langsam aber sicher konsensfähig wird.

Ach so – die Frage nach dem Gehalt. Hat sich erledigt, oder?