Bücherfreunde

Das Leben ist zu kurz, um schlechte Bücher zu lesen. Wobei es leicht fällt, ein schlechtes Buch zu erkennen. Ein Anzeichen ist schon mal, wenn Ken Follet, Sebastian Fitzek oder Frank Schätzing auf dem Umschlag steht. Oder der rote Aufkleber „Spiegel-Bestseller“ das Cover verunziert. Der Plot ist vorhersehbar, die unerwarteten Wendungen überstrapaziert und der Nachhall Leere. Verschwendete Zeit.

Ein gutes Buch muss sich nicht anpreisen, sondern, eher wie ein guter Freund, gefunden werden. Ein gutes Buch hat den Sog. Wenn die ersten Sätze einen sanft, aber bestimmt an die Hand nehmen und nicht mehr loslassen. Wenn man sich fragt, warum dieser ganz normale Dienstag sich so merkwürdig anfühlt und feststellt, dass der Hall des Buches in die Außenwelt dringt – das Buch einen immer noch an der Hand hält und die Sicht auf die Welt verändert. Das sind großartige Bücher. Die sind dann wie Freunde, und wie alte Freunde besuche ich einige meiner Bücher regelmäßig. Um mich in ihren Räumen aufzuhalten. Dorthin würde ich Sie – falls Sie mögen – gerne einladen. Hier kommen einige meiner Lieblingsfreunde mit ihren ersten Sätzen:    

Fragen gehören sich nicht in Zoo City

Schwefelgelb wie die Goldminenhalden steigt das Morgenlicht über der Skyline von Johannesburg auf und bohrt sich durchs Fenster. Mein ganz persönliches Bat-Signal. Oder auch nur eine Erinnerung, dass ich mir endlich Vorhänge anschaffen sollte.

Der Morgen ist angebrochen und nicht mehr zu kitten – mit einer Hand schützend vor den Augen werfe ich die Decke zurück und schäle mich aus dem Bett. Benoît rührt sich nicht, nur seine warzigen Füße ragen unter der Decke hervor wie knotiges Treibholz. Diese Füße erzählen eine Geschichte. Sie erzählen, dass einer den ganzen Weg von Kinshasa bis hierher gelaufen ist, noch dazu mit einem Mungo vor die Brust geschnallt.  

Lauren Beukes, Zoo City

Weißes Zimmer (i)

Es ist ein Zimmer, wie es sich ein einfallsloser Stückeschreiber ausdenken könnte, während er auf ein weißes Blatt starrt: Weiße Wände, Weiße Decke, Weißer Fußboden. Nicht völlig, aber hinreichend leer, um den Verdacht aufkommen zu lassen, dass die wenigen vorhandenen Gegenstände eine entscheidende Rolle in dem bevorstehenden Drama spielen werden.

Eine Frau sitzt auf einem von zwei Stühlen an einem rechteckigen weißen Tisch. Ihre Hände liegen, mit Handschellen gefesselt, vor ihr; sie trägt einen orangefarbenen Gefängnisoverall, dessen Farbe in all dem Weiß stumpf wirkt. An der Wand, über dem Tisch, hängt das Foto eines lächelnden Politikers. Gelegentlich wirft die Frau einen Blick auf das Foto oder auf die Tür, den einzigen Ausgang aus dem Zimmer, aber meistens starrt sie auf ihre Hände und wartet.  

Matt Ruff, Bad Monkeys

der hund macht das bett

Am Ende hat jeder von uns nur eine einzige Geschichte zu erzählen. Doch obwohl sie diese Geschichte erlebt haben, haben die meisten Leute weder den Mut dazu, noch wissen sie, wie sie sie erzählen sollen. Ich habe zu lange gelebt, um jetzt, wo ich endlich über mein Leben sprechen kann, zu lügen. Was soll das auch? Es ist niemand mehr da, den ich beeindrucken könnte. Die, die mich einmal geliebt oder gehasst haben, sind weg oder haben gerade noch genug Energie, um zu atmen. Mit einer Ausnahme.

Jonathan Carroll, Fieberglas

Der Poet wird vorgestellt und im Vergleich zu seinen Gefährten charakterisiert

In den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts war unter den Stutzern und Tollköpfen der Londoner Kaffeehäuser ein langer, schlaksiger Jüngling zu finden namens Ebenezer Cooke. Seine Strebsamkeit war größer als sein Talent, dieses wiederum größer als seine Weltklugheit; gleich seinen Brüdern in der Narretei – die allesamt angeblich in Oxford oder Cambridge studierten – fand er es vergnüglicher, mit dem Klang der englischen Muttersprache zu spielen, als sich mit ihrem Sinn abzuplagen, und so hatte er, statt sich der Mühsal der Gelehrsamkeit zu widmen, lieber die Kniffe des Verseschmiedens erlernt und verfertigte nun – nach der Mode des Tages – bändeweise Zweizeiler, die von Zeusen und Jupitern überschäumten, von mißtönenden Reimen knarrten und von zum Zerreißen überspannten Gleichnissen nur so strotzten.

John Barth, Der Tabakhändler

1

„Homer, komm da raus!“

Ich erkannte seine Stimme nicht gleich. Als ich meine Augen aufschlug, war nichts zu sehen, außerdem war es kalt, ein eisiger Wind wehte. Bevor ich wieder einschlief, konnte ich gerade noch denken, daß ich meine Hände nicht mehr spürte.

„Homer! Ich weiß, daß Du da bist!“

Yann Apperry, Das zufällige Leben des Homer Idlewilde

PanOpticon

„Die Sache ist ganz einfach. Ich kenne Ihren Namen, und Sie haben einmal meinen gekannt: Eiji Miyake. Ja, der Eiji Miyake. Wir sind beide vielbeschäftigte Leute, Frau Kato, also lassen wir den Smalltalk. Ich bin in Tokio, um meinen Vater zu finden. Sie kennen seinen Namen, Sie kennen seine Adresse. Und Sie werden mir beides geben. Jetzt!“ Oder so ähnlich. Ein Spiralnebel aus Sahne zerrinnt in meiner Kaffeetasse, und die Hintergrundgeräusche zoomen an mein Ohr.

David Mitchell, number 9 Dream

Ein Junge namens Krähe

„An Geld bist du jetzt auch irgendwie gekommen, ja?“ sagte der Junge namens Krähe in seiner üblichen, etwas schwerfälligen Sprechweise, als wäre er gerade aus dem Tiefschlaf erwacht und als funktionierten seine Sprechmuskeln noch nicht richtig. Aber das ist reine Attitüde, in Wirklichkeit ist er hellwach, wie immer.

Ich nicke.

„Wie viel ungefähr?“

Ich überschlage die Summe noch einmal im Kopf.

„Ungefähr 400 000 in bar. Außerdem kann ich noch ein bisschen mit der Karte vom Bankkonto ziehen. Natürlich wird das nicht ewig reichen, aber für den Anfang geht’s doch, oder?“

„Nicht schlecht“, sagt Krähe. „Für den Anfang…“

Haruki Murakami, Kafka am Strand

 

Wird fortgesetzt…

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