Blindflug

Kennen Sie diese alten schwarz/weiß Fotos, auf dem die Frau ein Kostüm und der dazugehörende Mann einen Hut zum Anzug trägt? Mir wird immer ein wenig wehmütig ums Hirn, wenn ich ausgestorbene Arten sehe. Und ich frage mich, wann der Homo et Ornatus seinen Geist ausgehaucht hat (bis auf Lagerfeld, der ist ein lebendes Fossil). Ich nehme an, Patient Null infizierte sich an einer aus den USA eingeschleppten Jeans. Die damals noch Nietenhose hieß und im Hinblick auf den gesellschaftlichen Stand des Trägers durchaus persönlichkeitsbeschreibende Funktion hatte. Für die ältere Generation. Gesellte sich zur Nietenhose noch eine Lederjacke, war der Halbstarke auch auf dem Fahrrad unschwer als solcher zu erkennen (wir befinden uns in Deutschland in der Nachkriegszeit – Geld war knapp und Motorräder teuer; daher das Fahrrad.) Der Halbstarke wurde abgelöst von den Hippes, die von den Punks – (über die Gegenbewegung der Popper breiten wir schamvoll den Mantel des Schweigens) gefolgt von ein paar Grufties, Ökos und anderen Splittergruppen und dann… passierte das:

WARNUNG: LESER MIT SCHWACHEN NERVEN KÖNNTEN VOM FOLGENDEN BILD SCHOCKIERT WERDEN!

Bereit?

O.K. Hier:

Links ist Cary Grant zu sehen. Für die Jüngeren unter uns: ein wunderbarer Schauspieler (*1904, †1986), der meistens den smarten Schönling mimen musste. Womit er meines Erachtens unterfordert war – eine seiner (seltenen) komischen Rollen in Arsen und Spitzenhäubchen war ein Meisterstück. Unbedingt ansehen, wenn es sich ergibt.

Und rechts ist – keine Ahnung, was das sein soll. Eventuell die Zeitgeistverkörperung eines männlichen Wesens. Wobei Sie mir den Gebrauch des Wortes „männlich“ bitte nachsehen mögen. Ich verwende ihn im denkbar weitesten Sinn.  Und stelle fest: früher war nicht alles besser – aber Einiges. Wobei es sich keineswegs um einen Generationskonflikt handelt, der sich in meinem Alter quasi als biologische Determination Bahn bricht, und ich schlicht in das ungefähr 5000 Jahre alte Gejammer über die „Jugend von heute“ mit einstimme. (Sagt Ihnen in diesem Zusammenhang das Stichwort „sumerische Tontafel“ etwas? Datiert auf bummelig 3000 v. Chr.? Da steht in etwa: Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.) Au contraire, mein Freund, au contraire. Jahrtausendelang war Verlass auf rebellierende Jugendliche und echauffiertes Establishment. Doch wir leben in merkwürdigen Zeiten und was Jahrtausende lang funktionierte, funktioniert auf einmal nicht mehr. Wo sind sie hin, die rebellischen Jugendlichen? Die Erneuerer? Die Visionäre? Kommen Sie mir jetzt nicht mit G20 in Hamburg. Das war keine Jugendrebellion. Das war gesteuerte Politik. Die Jugend, die ich im Alltag bei ihrem Wirken betrachten kann, sitzt in Straßencafés, schlürft Bier mit Obst im Flaschenhals, trägt penibel enthaarte Genitalien und zum Undercut Hisbollah-Bärte (für die der gepflegte Mann angeblich spezielles Bartshampoo im Badezimmer stehen hat, was nichts daran ändert, dass die Dinger nach dem sauren Geruch vergärter Lebensmittelreste aussehen). Ich frage mich immer wieder, wie das bin-Laden-Kinn in logischen Zusammenhang mit den blanken Testikeln gebracht werden kann – eventuell ist es die tiefe Sehnsucht nach Schambehaarung, die sich dann eben im Gesicht ausdrückt, wenn der ursprünglich dafür vorgesehene Ort blank sein muss, wie polierte Murmeln. Was ich in vielerlei Hinsicht als verhaltensoriginell betrachte – einen Akt der Rebellion vermag ich auch nicht im Ansatz zu erkennen. Vielleicht, weil Rebellion beinhaltet, gegen Normen zu verstoßen. Sich aus dem großen Konsens zu verabschieden. Was die Gefahr beinhaltet, der schlimmsten aller gesellschaftlichen Ächtungen ausgesetzt zu sein:

    

Nur zur Klarstellung: das bedeutet nicht, dass man im Staub liegend das Schwert des Gegners durch lebenserhaltende Organe gestoßen bekommt; es bedeutet nur, dass irgendwo irgendjemand mit zweifelhaftem Bildungsgrad und zu viel Zeit irgendwas nicht gut findet. Na und? Nix na und. Dis(s)like ist voll schlimm. Ja, echt, total. Krass schlimm. Früher nannte man diese spezielle Befindlichkeit „Gefallsucht“ und sie war Ausdruck einer schweren Persönlichkeitsstörung. Heute vermeldet sich die Gefallsucht in „Likes“ und eine dem größtmöglichen Konsens angepasste Weltsicht ist diesbezüglich eine sichere Bank. Für den Unsicheren. Und die Unsicheren sind Legion.

Was eine Ursache für die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindende Jugendrebellion sein könnte. Falls Sie diesbezüglich nicht so im Thema sind: gefühlt beschäftigen sich ungefähr fünf Prozent der Jugendlichen mit der Herstellung von Videos auf YouTube, um den restlichen 95 Prozent irgendwelchen Mist ihrer Sponsoren anzudrehen. Das Ganze hat System; erster Schritt: ein jugendspezifisches Thema. Sport, Mode, Kosmetik. Darüber berichtet man dann täglich und zwar so mitten aus dem Kinderzimmer. Ganz authentisch. Wenn sich das dann genügend Jugendliche regelmäßig angucken, weil der Bubi mit dem Sport voll süß ist oder die Schnitte mit der Kosmetik voll schön, kommen die Sponsoren ins Spiel. Und die Themen werden spezifiziert. Weg mit dem Fett, billige Klamotten oder Pickelcreme (die wirklich über Nacht den angeblichen Pfirsichteint der voll Schönen in jede wüst blühende pubertäre Stirn der Republik zaubert). Ich bitte Sie – wer hat denn da noch Zeit, geschweige denn die Neigung, die herrschenden Verhältnisse in Frage zu stellen.

Sagt Ihnen der Begriff des „Role Model“ etwas? Oft schlicht übersetzt mit „Vorbild“, aber das trifft die Sache nicht ganz. Das Vorbild hat im Prinzip ausgedient und wurde vom Role Model ersetzt. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Neil Armstrong war ein Vorbild, die Geissens sind Role Models. Verstehen Sie die Problematik? Robert Geiss ist Millionär. Carmen Geiss seine Ehefrau. Beide führen ihr Jet Set Leben regelmäßig im Fernsehen vor. Für Beide ist „Stil“ ganz klar das hintere Ende einer Bratpfanne. White trash ist das neue Schwarz. Und zwar flächendeckend. Hollywood Stars in Jogging Hosen. Jennifer Weist – Sängerin von Jennifer Rostock –  präsentiert ihren fast durchgehend tätowierten Körper gerne nackt und macht Songs über die Gleichberechtigung von Frauen. Proll ist das neue politisch. Kim Kardashian hat auf Instagram 117,4 Millionen Abonnenten. Weil sie einen unglaublich dicken Hintern hat. Fetter Steiß ist die neue Schönheit.

Momentan wird es durch sämtliche Gazetten getrommelt: wir leben in unruhigen Zeiten. Ich denke eher, wir leben in orientierungslosen Zeiten. Was eine gewisse Unruhe zwangsläufig mit sich bringt. Oder besser gesagt: mit der Orientierung läuft etwas ziemlich schief. Denn eine vorgegebene Orientierung ist durchaus noch vorhanden. Siehe oben. Nur orientiert man sich eben nicht mehr nach oben – diese Formulierung verstehen Sie bitte vor dem Hintergrund eines Gesellschaftsbildes das von einer Ober-, Mittel- und Unterschicht ausgeht (wobei der Begriff „Unterschicht“ in pol-kor-Sprech „Menschen mit sozialen und Integrationsproblemen“ genannt wird, was die Sache nicht besser macht) –   sondern die Unterschicht sieht überhaupt keine Veranlassung, irgendwo hinzustreben.  Was nach meinem Dafürhalten nicht daran liegt, dass das streben als solches sinnlos wäre – es gibt genügend Beispiele sehr erfolgreicher Lebensgeschichten, die zu Beginn wenig Anlass zur Hoffnung gaben – streben ist nur anstrengender, als verharren. Insofern braucht es einen Anreiz zum Streben. Und da sind wir wieder bei den Role Models, statt der Vorbilder. Eine der Geißeln der sozial und Integrationsbehinderten ist der Rap. Noch schlimmer der Gangsta-Rap. Der sich in diesem Genre ausdrückende steht zu seiner Gewaltbereitschaft wie zu seiner Rechtschreibschwäche. Dabei kommt dann ein Text wie Ich bin der Arschfickmann, das ist der Arschficksong heraus. Lyrik 2.0. Sido hat den Arschficksong bereits 2002 veröffentlicht und meint, der sei seinem damaligen jugendlichen Leichtsinn entsprungen. Die Saat des damaligen jugendlichen Leichtsinns ist aber aufgegangen. Horden von gewaltbereiten jungen Männern kompensierten in den letzten Jahren ihre Rechtschreibschwäche durch das Absingen geschmackloser Texte. Ich würde mir wünschen, die Geschmacklosigkeit sei lediglich dem jugendlichen Spaß an der Provokation geschuldet – ich vermute aber, sie ist eher auf eine seelische Armut zurückzuführen. Monetäre Armut geht bedauerlicherweise oft mit seelischer Armut einher. Und in orientierungslosen Zeiten feiert man dann eben die eigene seelische Armut ab. Wahrscheinlich ein probates Mittel, sich der Erbärmlichkeit des eigenen Daseins nicht stellen zu müssen. Lieber rappen sie ihren Hass in die Welt, ihre Verachtung derer, die sich nicht damit abfinden mögen, dass das Leben im Block ein lebenslanges Schicksal sein soll. Das kommt gut an. Beim Verbraucher. Farid Bang (was für ein Name! Soll der suggerieren, der Farid macht den Gang-Bang ganz alleine? Ich glaub, ich bin verliebt…)  und Kollegah (Rechtschreibschwäche muss!) haben beim letzten Echo richtig abgeräumt. Deshalb war es auch der letzte Echo. Als die Öffentlichkeit mitbekam, dass Farid und Kollegah einen geschmacklosen Vergleich zwischen ihren und Ausschwitz-Körpern so fröhlich vor sich hinträllerten, war der Echo so bestürzt ob seiner Preisträger, dass er schamvoll Seppuku beging. Vor dem Echo der Öffentlichkeit war man in der Jury des Echo noch geneigt, den Sängern mit sozialer Behinderung eine gewisse künstlerische Freiheit einzuräumen. Wahrscheinlich im Rahmen eines Inklusions-Programmes. Einer, der die Aufregung zum Thema nicht verstehen kann, ist Moritz Bleibtreu. Der klärt den unbedarften Ausschwitz-Vergleich-Empörten dahingehend auf, dass „die  Rap-Kultur sehr eigen [ist], mit bestimmten Regeln und einer Geisteshaltung, die stark politisch und sozial geprägt istNun gut, Moritz, dass die „Geisteshaltung“ (verwegen, in diesem Zusammenhang der „Geist“ zu bemühen) „sozial geprägt“ sein dürfte, liegt auf der Hand. Nur wo bitte findet sich eine politische Aussage? Suchen wir doch mal. Kollegah: Du kippst den Whiskey pur, doch jetzt wirst du Spastiker hart geboxt. Bis deine Rattenvisage Schrott ist, wie das Staffelfinale von Lost.  Zum Thema Pflegenotstand? Oder: Deutschrap, jetzt will jeder Clown Gangster werden. Ich bin wie Minen und lass Draufgänger sterben. Wohl ein Statement des Künstlers zu PISA 2018. Wobei die erschreckende Leseschwäche der Grundschüler – fast jeder fünfte Viertklässler verlässt die Grundschule ohne richtig lesen zu können – auch einen gewissen Ali As umtreibt. Er fasst seine Bestürzung unnachahmlich in folgende Zeilen: Kein Ding Edgar in seinem eigenen Stadtteil zu killen, Edgar ist Argument nr 1 bei Befürwortern von Abtreibungspillen. Nun ist ein Rapper – wie Sie zwischenzeitlich wissen – nicht nur sprachlich und sozial benachteiligt, sondern in seiner Weltsicht grundsätzlich ein wenig gehandicapt. Um zu einem so schwierigen Thema wie „Frauen“ in Zeiten von #MeToo Stellung nehmen zu können, bedarf es schon der geballten Geisteskraft (nicht mein Ausdruck; ich zitiere Bleibtreu) zweier Hirne, um das Verhältnis zum schönen Geschlecht zartfühlend mit: „Die Bitches heute wollen Jungfrau bleiben. Zwei Optionen – Arsch oder Mund auf, Kleines“ zu umschreiben. Da sind wir Bitches aber froh, dass unser Wunsch nach Jungfräulichkeit so nett respektiert wird. Früher – so wurde mir berichtet – wurden junge Frauen noch zum Sex gedrängt; inklusive ungewollter Schwangerschaft und gesellschaftlichen Konventionen geschuldeter Zwangsverheiratung. Früher war nicht alles besser. Heute ist es aber auch nicht gut. Wir leben in orientierungslosen Zeiten.

Ich frage mich, warum es nicht gelungen ist, die guten Dinge zu bewahren und die schlechten besser zu machen. Ich frage mich, wann die Menschen Gefallen daran gefunden haben, sich unter Wert zu verkaufen. Oder ihre Werte zu verkaufen. Oder überhaupt kein Bewusstsein für ihren Wert entwickelt zu haben. Oder angefangen haben, sich schlicht darin zu gefallen, als lebender Kadaver vor sich hin zu gammeln. Vielleicht findet sich die Antwort in einem Lied von Feine Sahne Fischfilet. Die standen auf dem Konzert in Chemnitz auf der Bühne. Das Motto des Konzerts war „Wir sind mehr“. Feine Sahne Fischfilet bekennt offen, „Ich bin komplett im Arsch, weiß nicht wohin mit mir. Ich bin komplett im Arsch, keine Ahnung, wie es weitergeht. Kennst du das Gefühl, wenn du nur Leere spürst?“ Ich fühle mich angesprochen und helfe gerne. Ich würde diese Sicht der Dinge zunächst mal als behandlungsbedürftig einstufen und empfehle Antidepressiva als Mittel der Wahl. Weiterer Bedarf an Pharmazeutika ist bei K.I.Z. festzustellen. Der trällerte auf dem Konzert gegen Gewalt und Hetze: „Ich ramm die Messerklinge in die Journalisten-Fresse“ und „Eva Herman sieht mich, denkt sich: ‚Was‘n Deutscher!‘. Und ich gebe ihr von hinten wie ein Staffelläufer (Bemerkenswert, wie viele der jungen Männer in der analen Phase steckengeblieben sind, oder?). Ich fick sie grün und blau, wie mein kunterbuntes Haus. Nich alles was man oben reinsteckt, kommt unten wieder raus.“

Ein gewisser Ulf Lüdeke hat das Konzert für den Focus online aufgearbeitet. Ulf teilt uns mit, Chemnitz habe „durchgeatmet“ und das „andere Gesicht“ gezeigt. Und Ulf findet auch, das Konzert sei ein „beeindruckendes Zeichen“ gewesen. Da pflichte ich ihm bei. Ein beeindruckendes Zeichen menschlicher Idiotie. Zu glauben, rechter Hass ließe sich mit linkem Hass bekämpfen. Zu hoffen, der linke Hass werde unter dem Etikett „wir sind die Guten“ nicht mehr zu erkennen sein. Für wie dumm hält er seine Leser? Wahrscheinlich beklagt Ulf Lüdeke an anderer Stelle die Spaltung der Gesellschaft. Wobei ich lebhaft vorstellen kann, mit welch salbungsvollen Worten er seine Bestürzung über den Verlust der bürgerlichen Mitte zum Ausdruck bringt. Pharmazeutika für alle, bitte. Wobei ich befürchte, dass jede Hilfe zu spät kommt. Wir leben in orientierungslosen Zeiten.