Augstein, die Nazis und das Kapital

Acht Wochen n.C. und seit drei Wochen in der Ära der großen To-Papier-Depression gefangen, zeigt sich die Standfestigkeit der deutschen Eiche in ihrer ganzen Pracht. In den Kirchen wird nicht mehr gebetet, dafür liegt ein kollektives Mimimimimi wie ein Hintergrundsummen der Besorgten in der Frühlingsluft. Das Ende ist Nah. Oder Fern. Je nachdem, welcher Experte gerade meint, seine Perlen der Weisheit unter das Volk werfen zu müssen. Und je nachdem, welches Ende. Das Ende der Wirtschaft. Das Ende der Demokratie. Das Ende des Gesundheitswesens. Das Ende der Nahrungsversorgung. Irgendetwas wird zu Ende gehen. Backhefe ist schon alle. Atemschutzmasken waren sowieso nie genügend da; die die da waren, sind auch weg. Schnelltests, ob genügend Restverstand gegeben ist, die Menschen frei herumlaufen zu lassen,  stehen nicht zur Verfügung – Mangel, wohin man sieht.

Und die Nerven liegen blank…

Die Regierung hat versagt. Der gesunde Menschenverstand versagt. Europa hat versagt. Virologen versagen sowieso – immer noch kein Impfstoff in Sicht. Und warum sind die Zahlen des Robert-Koch-Instituts eigentlich andere, als die der Johns-Hopkins? Und wie hoch ist eigentlich die Dunkelziffer? Oder die Hellziffer? Und der Virus – der kommt doch aus dem Labor, oder? Hat man mal irgendwo gelesen. Der wurde freigesetzt, um die Todesfälle durch G5 zu verschleiern. Und überhaupt – an der Grippe sterben noch viel mehr Menschen. Macht man doch auch nicht so ein Buhei drum – diese Hysterie; lästig, als vernunftbegabter Mensch unter Hysterikern leben zu müssen.

Es schlägt die Stunde der Vernunftbegabten. Wie eines Augsteins zum Beispiel. Der turnt nun bereits so lange durch das Feuilleton, dass er ganz selbstverständlich davon ausgeht, etwas zu sagen zu haben. Man wünscht sich, er hätte es gelassen. Augstein fragt ganz öffentlich und plakativ, ob der Schutz der Wenigen diese Einbußen an Lebensqualität der Vielen überhaupt rechtfertigt. Nach der Vorstellung von Herrn Augstein und seiner Follower würde es doch viel mehr Sinn machen, die Risikogruppen zu isolieren und den Rest der Republik einfach mal ihr gewohntes Leben weiterführen zu lassen. Zum Nutzen aller: die Wirtschaft wird am Laufen gehalten, die Demokratie funktioniert (warum die dann auf einmal funktionieren soll, erschließt sich mir nicht, aber der Jakob wird es wissen), ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung wird erkranken (70 bis 80%), aber nicht schlimm und hinterher sind alle immun – bis auf die, die tot sind – und dann kann man auch die Risikogruppen wieder aus dem Verschlag holen, weil die Immunen sie nicht mehr anstecken können. So der Plan.

Jeder, der rechnen kann, ohne die Finger zur Hilfe nehmen zu müssen, kann sich ausrechnen, dass das nicht funktioniert.

Von den Jungen und Gesunden sterben immer noch 0,2%, sind die Jungen und Gesunden über 40 Jahre alt, 0,4% und bei den 50 bis 59-jährigen immerhin 1,3%. Nun umfasst die Bevölkerungsgruppe 40 bis 59 immerhin fast 24 Millionen Menschen. Nehmen wir einen lächerlich geringen Mittelwert: 0,5%. Bei einer Durchseuchung von 80% wären das 96.000 Tote. Aufgrund des lächerlich geringen Mittelwertes wahrscheinlich deutlich mehr.

Aber wenn es der Wirtschaft und Demokratie hilft, dann sollte doch ein Kollateralschaden von 96.000 Toten zu verkraften sein. Oder wie meinen, Herr Augstein?

Derselbe  Jakob Augstein schrieb übrigens 2015: „ Es wird zu viel geredet. Im Mittelmeer geht es jetzt darum, Menschen zu retten. Alles andere kommt später. Die Schlepperbanden, die gescheiterten Staaten, der internationale Terrorismus, das Dublin-Abkommen – das sind alles zu viele Worte zum falschen Zeitpunkt. Frauen, Männer, Kinder ertrinken. Wir können sie retten und tun es nicht. Das ist das einzige, was zählt.“

Im Juli 2018 ließ ihm das Thema Mittelmeer immer noch keine Ruhe: „Leben und sterben lassen“ lautete die markige Überschrift, mit der er konstatierte, die Migrationskrise sei zur Krise unserer Moral geworden. Ernst und anklagend schaute der kleine Jakob vom Schreibtisch dem Leser direkt in die Augen: „ Müssen erst mehr Menschen sterben, damit andere leben?“

Nun war das natürlich noch zu Zeiten, da sich um die in ehrlicher Empörung wackelnden Hinterbacken des kleinen Jakob beruhigend das flauschige, fünflagige Ultra-Soft schmiegte. Und auch wenn ich davon ausgehe, dass Familie Augstein noch den einen oder anderen Vorrat an wohltemperiertem Jahrgangsfünflagigem hat – der Mangel rückt näher. Und mit einem lässigen „dann sollen sie doch Geldscheine nehmen“ wird man sie auch nicht beruhigen können. Nehme ich an.

Und es sind nicht nur die Augsteins dieser Welt, die in der Krise die vollendete Erbärmlichkeit des Charakters zeigen. Es ist auch die Stunde der Freiheitskämpfer. Zu Hause bleiben? Das ist doch wohl eine Einschränkung der bürgerlichen Freiheit. Der Bürger kann hingehen, wo er will. Und sich treffen, mit wem er will. Und überhaupt ist das Ganze nur ein großangelegtes Täuschungsmanöver, um im Fahrwasser der Panik klammheimlich still und leise die Republik umzubauen. Die, denen bis dato die bürgerliche Freiheit bedeutete, den Vorgarten individuell zu gestalten oder Corona-Partys zu feiern oder die Unterkunft in Brand zu stecken, sehen sich in ihrer Lebensführung bedroht. Gleichzeitig teilt der Bundespräsident mit, das Virus habe keine Staatsangehörigkeit und das Leid mache nicht an Grenzen halt und auch, dass unsere Zukunft nicht in der Abschottung liege, sondern in geteiltem Wissen. Lieber Frank-Walter; ich stelle anheim, sich an geeigneter Stelle über die tatsächlichen Verhältnisse im Lande zu erkundigen. Es könnte einen Wissensgewinn bedeuten, der uns, die armen Menschen, die dieses Geschwätz hören müssen, vor weiterem Geschwätz bewahrt. Geschweige denn, dass irgendjemanden die Neigung befallen wird, dieses „Wissen“ teilen zu möchten. Ist es nicht schon hart genug? Musstest Du denn unbedingt noch einen draufsetzen? Kollektiver Irrsinn in hektischer Untätigkeit.  

Das Handelsblatt titelt, Corona infiziere den Mittelstand; die Politikberater Knaus und Dalhuisen fordern im Spiegel, die griechischen Inseln zu evakuieren, weil zu viele Europäer in den zwei Jahrzehnten vor 1951 dabei versagt haben, Schutzbedürftige zu schützen; in Frankreich ist eine 16-jährige an Covid-19 gestorben und Habeck meint, der Ausnahmezustand dürfe nicht zum Normalzustand werden.

Drei Wochen brauchte es, um unserer verwahrlosten Diva Deutschland das Make-Up vom Gesicht zu wischen. Entsetzt starrt das Land auf die halbleere Champagnerflasche und fragt sich, was es bloß trinken soll. Ich stelle anheim, sich bei den früher so gerne gebashten Ossis zu erkundigen – die kennen sich mit Mangel aus. Und wie man im Mangel Mensch bleibt.

Menschlich wäre, sich zunächst mal um die Menschen zu kümmern. Und all jene, die jetzt mit dem Grundgesetz unter dem Arm angerannt kommen und auf Asylrecht und bürgerliche Freiheiten hinweisen, möchte ich daran erinnern, dass der Mensch auch ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit hat. Nun gut – Satz drei in Absatz zwei öffnet die Hintertür, dass in diese Rechte aufgrund eines Gesetzes eingegriffen werden darf. Kann ja noch kommen.    

Momentan klackert die Diva mit den roten Fingernägeln auf dem Tisch und zeigt sich ungehalten. Es dauere alles viel zu lange. Herdenimmunität bitte und zwar umgehend (entlarvend, wie bereits die Bezeichnung die Degradierung des Menschen zum Nutz-Vieh-Status in sich trägt) und dann kann man sich – so um Ostern herum – eine frische Flasche Champagner öffnen, die Toten beklagen, die Wirtschaft feiern und sich wieder an das Kerngeschäft machen: Menschen retten. Und das Klima.

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