in dog we trust

Von Hunden, Helden und Halunken

Jeder Park, der etwas auf sich hält, hat irgendwo eine Statue herumstehen. Je nach Neigung und persönlichem Geschmack der Parkinhaber hält mal ein überdimensionierter Engel einen gefallenen Soldaten in den Armen, während ihm zu Füßen das Pferd malerisch zusammenbricht oder ein Feldherr äugt streng zum Rhododendron, was dem Rhododendron in den meisten Fällen allerdings herzlich egal ist. Im Central Park in New York stehen 29 Statuen. Und eine davon bildet einen Hund ab. Dies ist die Geschichte dieses Hundes.

1925 brach in Alaska, in einem Kaff am Rand der Welt namens Nome, die Diphterie aus. Damals nannte man die Krankheit „Würgeengel der Kinder“ – ein perverses Bild, oder? Ein würgender Engel.  Was den Kindern tatsächlich die Luft abschnitt, waren lederartige braune Beläge in der Luftröhre, die die Diphterie aus abgestorbener Schleimhaut und Blut zusammenbastelte. Dass die Sache ohne medikamentöse Behandlung nicht gut ausgehen kann, dürfte einleuchten. Hoch ansteckend ist der Würgeengel auch noch.

Der Ort wurde unter Quarantäne gestellt, was den Kindern in Nome nicht unbedingt weiterhalf. Dass aufgrund des erhöhten Bedarfs die Medikamente rapide zur Neige gingen, verschärfte die Situation weiter. Katastrophal wurde sie durch den Umstand, dass es zwar noch Medikamente gab, aber in Anchorage. 1.600 Kilometer entfernt.

1925 existierte keine Straßenverbindung zwischen Anchorage und Nome. Was nicht verwundert, 1925 gab es auch noch nicht sehr viele Autos. Mit einem modernen Passagierflugzeug legt man die Strecke in eineinhalb Stunden zurück; damals waren moderne Passagierflugzeuge aber allenfalls eine wilde Phantasie von Orville Wright (Wilbur war schon 1912 gestorben) und die bis dato vorhandenen Flugzeuge schienen eher ungeeignet, in winterlichen Schneestürmen und Temperaturen bis -50°C den Himmel zu stürmen.

Von Anchorage bis Nenana konnten 300.000 Medikamentendosen mit der Bahn transportiert werden, die restlichen 1.085 Kilometer von Nenana bis Nome waren das Problem.

In Nome lebte ein aus Norwegen stammender Mann namens Leonard Seppala mit seiner Familie. Seppala, der glücklose Goldsucher, hatte sich schnell darauf verlegt, das Gold der anderen zu transportieren und wurde ein sehr erfolgreicher Musher. Traditionell wurden die Hundeschlitten von Malamutes gezogen; kräftige, große und eigensinnige Hunde. 1909 brachte ein sibirischer Pelzhändler die ersten sibirischen Huskys nach Nome und nahm mit ihnen an Rennen teil.

Die Fachwelt belächelte die „kleinen“ Hunde – ich nehme an, das Alaska-Äquivalent für halbe Portion dürfte des Öfteren gefallen sein – doch die kleinen Hunde schnitten bei den Rennen gut ab und Seppala erkannte schnell den Vorteil eines leichten Schlittenhundes mit kleinen Pfoten. Seppala begann Huskys zu züchten.

Einer seiner Welpen – der Name war Togo – war ein kränkliches, schmächtiges Tier. Seppala war überzeugt, Togo wäre als Schlittenhund nicht zu gebrauchen und gab ihn an einen Nachbarn ab. Wo Togo postwendend durch das geschlossene Fenster sprang und nach Hause zu Seppala lief. Togo war äußerlich ein Husky, aber innen größer als außen und mindestens so eigensinnig wie ein Malamute. Zu jung, um im Geschirr mitzulaufen, büxte er zu Hause aus und lief dann eben eigenmächtig neben dem Schlitten her. Seine Rauflust stand seiner Bewegungsfreude nicht nach und um ihn von weiterem Blödsinn abzuhalten, nahm Seppala ihn mit acht Monaten mit ins Geschirr. Auf seiner ersten Tour lief Togo 120 Kilometer. Kein Musher hatte jemals von einem solchen Hund gehört. Togo war der geborene Leithund. Seppala und Togo wurden ein legendäres Gespann.         

1925, als die Stadt im Sterben lag, waren letztlich Schlittenhunde die einzige Hoffnung. Auch für Sigrid, die achtjährige Tochter von Seppala. Eine Hundestafette von 20 Musher mit ihren Gespannen – insgesamt über 100 Hunde – wurde zusammengestellt. Nicht wenige Hunde kamen aus der Zucht von Seppala.

Normalerweise hätte ein Hundeschlitten 30 Tage für die Strecke Nenana – Nome benötigt. Der Rekord lag bei neun Tagen. Da bereits die Beschaffung der Medikamente eher schleppend lief, wurde die knappe Zeit noch knapper und als die Medikamente endlich in Nenana eintrafen und das ursprünglich vorgesehene Transportflugzeug (absehbar, wie ich meine) festgefroren am Boden stand, waren noch genau sechs Tage übrig, bevor das Ablaufdatum des Serums die 300.000 Einheiten unbrauchbar gemacht hätte.  

Die Strecke wurde unter den Musher in einzelne Abschnitte von 50 bis 80 Kilometern Länge aufgeteilt.

Am 27. Januar übernahm Wild Bill Shannon das Serum am Bahnhof von Nenana.

Es ist 21:00 und -46°C und Wild Bill rennt neben dem Gespann, anstatt auf dem Schlitten zu fahren, um nicht zu erfrieren. In einem Ort namens Minto macht Wild Bill eine Pause; er muss ausruhen. Wenigstens ein wenig. Bei -52°C rennt er weiter; drei seiner Hunde muss er zurücklassen, ihre Lungen sind der Anstrengung nicht gewachsen. Nach 82 Kilometern hat Wild Bill schwere Erfrierungen im Gesicht und übergibt die kostbare Ladung an den nächsten Musher, Dan Green.

Trotz der widrigen Wetterverhältnisse funktionieren die Telegrafenmasten und von jeder Station wird gemeldet, wenn der Musher angekommen ist. Die Welt schaut gebannt auf das Rennen der Männer und ihrer Hunde gegen die Kälte, die Zeit und den Tod.

Seppala und Togo haben den längsten und gefährlichsten Streckenabschnitt von 145 Kilometern übernommen. Seppala ist 47, Togo 12 Jahre alt. Die Blüte ihrer Jahre ist seit geraumer Zeit vorbei; was ihnen an Leistungsfähigkeit fehlt, muss der Wille ausgleichen.

Das Gespann hat bereits über 200 Kilometer – teils über die vereiste Beringstraße – zurückgelegt, um die Medikamente in Empfang zu nehmen. Nun muss Seppala entscheiden, ob er den Landweg nimmt  – was ihn einen Tag gekostet hätte – oder nochmal die Beringstraße überquert. Die Temperatur lag bei -30°C und ein Blizzard nahm ihm die Sicht. Durch den Sturm war das Eis teils aufgebrochen und an vielen Stellen zeigte sich die offene See. Und es war Nacht. Seppala hatte keine Chance, den Weg über das Eis zu finden. Aber Togo. Zum zweiten Mal überquerte das Gespann die Beringstraße.

In Golovin, 125 Kilometer vor Nome, übergibt Seppala das Serum an den nächsten Musher. 

An vorletzter Stelle der Stafette war ein gewisser Gunnar Kaasen mit seinem Leithund Balto – auch aus der Zucht von Seppala – eingeteilt. Kaasen und Balto waren keineswegs ein legendäres Gespann, aber man traute ihnen zu, eine der kurzen Strecken bewältigen zu können. Ein mittelmäßiges, aber ausgeruhtes Gespann hatte eine bessere Chance, als ein zu Tode erschöpftes.

Kaasen war wohl auch ausgeruht genug, um über den Unterschied zwischen dem undankbaren vorletzten Platz in der Stafette und dem triumphalen Einzug des letzten Mushers in Nome nachzudenken. Und über den Zusammenhang der Vermarktung von Ruhm und Ehre mit oder ohne Teilnahme an einem zentralen Ereignis der Berichterstattung.

Jedenfalls scheiterte Kaasen an der Übergabe der Medikamente an den letzten Musher. Er habe, so seine Behauptung, wegen des heftigen Schneefalls den Übergabeort nicht gefunden. Menschen, die am Übergabeort warteten, gaben später zu Protokoll, er habe auch nicht gesucht. Wie die das beurteilen konnten, kann ich nicht beurteilen. Ob Kaasen gelogen hat, auch nicht. Aber zuzutrauen wäre es ihm zweifellos.

Ob nun geplant oder ungeplant – es ist Kaasen mit Balto, der morgens um 05:30 Uhr mit den rettenden Medikamenten auf die Hauptstraße in Nome einbiegt. Wo er bereits von der Presse erwartet – einige Dinge ändern sich nie – und gefeiert wird. Als der Held, der er nicht war. Jedenfalls nicht mehr, als die meisten anderen Musher und definitiv weniger, als Seppala und Togo. Was aber in der Berichterstattung niemanden interessierte – wie gesagt, einige Dinge ändern sich nie.

Kaasen verfolgte seine Strategie der maximalen monetären Ausbeutung seines Heldentums und entwickelte eine ausgeprägte Frühform von Mediengeilheit. Wobei die Medien ihn mehr als willig unterstützten. Und Balto, der äußerlich mehr dem läppisch-täppischem Typ Kuschelhund entsprach, als der doch ein wenig wolfsähnliche Husky, wurde zum Liebling der Massen und zum Gesicht der heldenhaften Hunde, die ein Örtchen am Rande der Welt gerettet hatten.

Baltos Heldenverehrung gipfelte in einer Statue im Central Park. Dort steht sie heute noch. In den Sockel ist eingemeißelt:

Dedicated to the indomitable spirit of the sled dogs that relayed antitoxin six hundred miles over rough ice, across treacherous waters, through Arctic blizzards from Nenana to the relief of stricken Nome in the Winter of 1925.

Endurance · Fidelity · Intelligence

Dem unbezwingbaren Geist der Schlittenhunde gewidmet, die im Winter 1925 Antitoxin sechshundert Meilen über raues Eis, tückische Gewässer und durch arktische Schneestürme von Nenana zur Rettung des geschlagenen Nome transportierten.

Ausdauer · Treue · Intelligenz

Ausdauer zeigte auch Kaasen, der die Hunde bis zum Erbrechen vermarktete. Er tingelte mit dem Gespann durch die USA, bis das mediale Interesse zum Erliegen kam. Wie das mit medialem Interesse so ist.

Hinsichtlich der Treue hielt sich Kaasen allerdings bedeckt. Als mit Balto auf Tingeltour kein Geld mehr zu machen war, verkaufte Kaasen die Hunde an ein Dime Museum in Los Angeles. Es handelte sich, kurz gesagt, um eine Freak-Show. Für 10 Cent konnte man die Unglücklichen begaffen, denen die Natur grausame Streiche gespielt hatte. Und im Hinterzimmer, heiß und ohne Tageslicht, waren Balto und das Gespann an die Wand gekettet.

Ein Geschäftsmann aus Cleveland – der gewiss ein freundliches Herz besaß, weshalb wir nicht nachfragen, was er im Rotlichtbezirk von Los Angeles zu suchen hatte – sah im Schaukasten des „Museums“ ein Foto von Balto und erkannte ihn sofort. 10 Cent später war er schwer erschüttert. Mit der Hilfe eines befreundeten Verlegers machte er Baltos trauriges Schicksal bekannt. Eine Spendenaktion wurde ins Leben gerufen. Der Verkäufer forderte 2.000.- Dollar. Gemessen an der Kaufkraft entspricht diese Summe heutigen 34.000.- Dollar. Viel Geld.

Der Verleger blieb an der Sache dran und Balto war wieder für eine Geschichte gut. Der läppisch-täppische Kuschelhund mit den traurigen Augen rührte die Menschen. Ganz Cleveland spendete. Kinder spendeten ihr Taschengeld. Arme Menschen gaben, was sie entbehren konnten, reiche Menschen, was gerade übrig war. Viele Pennys und Dimes landeten in den Spendenboxen. Innerhalb kurzer Zeit kamen tatsächlich 2.362,94 Dollar zusammen. Die Hunde wurden freigekauft und mit der Bahn nach Cleveland geschickt. Als sie in Cleveland eintrafen, wurden sie von 15.000 begeisterten Menschen in Empfang genommen. Und zogen brav ein Wägelchen durch die Straßen, ließen sich brav fotografieren und inmitten von Menschenmengen demütig streicheln.

Für die Hunde wurde im Cleveland Zoo ein ziemlich großes Freigehege eingerichtet. Sogar mit einem Baum; man höre und staune. Täglich waren mehrere Runden durch den Zoo zu absolvieren und regelmäßig waren sie von einer Traube von Menschen umringt. Jeder wollte sie einmal anfassen. Und tat das auch.

Ich weiß nicht, ob Balto und seine Gefährten im Zoo glücklich wurden. Ich meine, dass ein Hund ohne diesen einen besonderen Menschen, der für ihn die ganze Welt bedeutet, eher nicht glücklich ist. Ich möchte glauben, dass es mehr als nur praktische Gründe waren, die die Hunde veranlassten, sich den Menschen anzuschließen. Es existiert die Behauptung, Schlittenhunde wären eher nicht so geneigt, Bindungen zu Menschen einzugehen, da sie historisch eine Währung darstellten. Sie wurden verkauft, getauscht, ausgeliehen – alles Dinge, bei denen eine Bindung eher hinderlich wäre. Nun – ich halte das für eine Schutzbehauptung derer, die das gerne so hätten. Togo, der durch ein geschlossenes Fenster sprang, dürfte zu Seppala gewollt haben. Und Seppala hätte, ohne eine Bindung zu Togo zu haben, ihm wohl kaum sein Leben anvertraut.  

Balto lebte noch sechs Jahre im Zoo. Er war die Hauptattraktion. Ich hätte ihm gewünscht, dass er abends mit jemandem nach Hause gegangen wäre, aber es fand sich offenbar niemand, der bereit war, über den monetären Aspekt hinaus einen Wert in ihm zu sehen.  

Nach seinem Tod wurde er ausgestopft und im Cleveland Museum of Natural History ausgestellt. Inmitten von Balto-Kaffeebechern, Balto T-Shirts und Plüsch-Baltos. Dort steht er heute noch.

Und Togo? Seppala verabschiedete sich 1929 von seinem Hund. Togo wurde an eine gewisse Elizabeth Ricker abgegeben. Ricker und Seppala hatten eine Siberian Husky Zucht in Maine etabliert und Togo soll – so der American Husky Verband – in fast jeder Ahnenreihe der heute in den USA lebenden Huskys irgendwo seine Pfote im Spiel gehabt haben. Er starb noch im selben Jahr.

Togo wurde auch ausgestopft. Für irgendeine Musher/Husky Ausstellung. Ich habe mir nicht gemerkt, welche. Es hat mich zu sehr deprimiert.

Hunde bringen das Beste und das Schlechteste im Menschen hervor. Allzu oft spiegelt sich die Erbärmlichkeit des Menschen in den Hunden. Und die Hunde spiegeln unsere Sehnsucht, weniger erbärmlich zu sein.

In unserer Welt brauchen die Hunde Menschen. Wir haben ihnen ihre Welt genommen; wir sind es ihnen schuldig, unsere Welt mit ihnen zu teilen.

Noch mehr aber brauchen die Menschen Hunde. Um in tiefer Dunkelheit das offene Wasser zu umgehen. Um jeden Tag daran erinnert zu werden, dass nur dieser Moment im Hier und Jetzt wirklich wichtig ist. Um zu verstehen, dass Verständnis keine Worte braucht. Um zu lernen, dass Macht über ein Leben zu haben, bedeutet, für dieses Leben verantwortlich zu sein.

Um das Beste, was in uns ist, zum Scheinen zu bringen.

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