24/7 4 future

Die Zukunft – unendliche Möglichkeiten. „Du kannst alles werden, was du willst“ wurde den Glücklicheren von uns mit auf den Weg gegeben. Was Ebenezer Cook im Tabakhändler dazu veranlasst, über die Ungerechtigkeit zu sinnieren, nur ein Leben zu haben. Eines sei schlicht zu wenig, um alles zu tun, was man tun will. Die Glücklicheren unter uns haben sich mit dieser Beschränkung abgefunden und die Seligen sind sogar der Auffassung, sie hätten unter den unendlichen Möglichkeiten die Lebenslinie gefunden. So weit, so schön. Das Einzige, was einem ernsthaft die Zukunft versauen kann, sind folglich Umstände, die sich dem eigenen Einfluss entziehen. Die Zerstörung der Erde, um einer Hyperraum-Umgehungsstraße Platz zu machen, zum Beispiel. Oder die Kollision mit einem Meteor. Letzteres ist ein ständiger Quell ernsthafter Besorgnis und wird – aus naheliegenden Gründen – eher retrospektiv berichtet. Tagessspiegel/Wissen: „Keine Gefahr: Großer Asteroid rast an Erde vorbei. Forscher sind erleichtert.“ Nicht nur die, nehme ich an.

Der plötzliche Verlust der Erde, wie wir sie kennen, kann tatsächlich auf die gute Laune gehen. Ich erinnere einen bestimmten Samstagmorgen vor über dreißig Jahren bis heute. Ich hatte gefrühstückt, das ganze Wochenende mit seinen Verheißungen und Freuden lag vor mir, und ich wollte gerade mit meinem Hund zum Morgenspaziergang an der Alster aufbrechen, als das Telefon klingelte. Ein Freund war dran und sagte: „Wir bekommen hier gerade über den Ticker, dass in der Ukraine ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist. Über den Fallout wissen wir noch nichts, aber du kannst davon ausgehen, dass er hier auch rüberkommt. Bleib besser erstmal mit Eddy in der Wohnung.“ Ich werde dieses Gefühl, an meinem Fenster zu stehen und in den kleinen Garten zu schauen, eine Welt zu sehen, die aussah wie immer, es aber nicht mehr war, nie vergessen. Zukunft, die sich dem eigenen Einfluss entzieht, kann ganz schön beängstigend sein.

Erinnern Sie noch den ersten Moment, als Ihnen bewusst wurde, weder unverletzlich noch unsterblich zu sein? Es ist eine Art zweite Geburt: Willkommen in der Welt. In der wirklichen Welt, in der es nur vom Zufall (oder je nach persönlichem Geschmack göttlichem Willen, Schicksal oder mutigen Männern) abhängt, ob der nächste Tag noch kollektiv oder individuell (was für das Individuum keinen Unterschied macht) erlebt wird. Erinnern Sie noch Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow? Falls nicht, googeln Sie ihn mal. Mit hoher Wahrscheinlichkeit verdanken Sie ihm Ihr Leben. Ich denke oft an ihn. Oder die Kuba-Krise? Die Welt stand am Abgrund. Einmal mehr.

Nachdem ich mehr als dreißig Jahre Zeit hatte, über diese Ereignisse nachzudenken, war ich zu dem Schluss gekommen, dass mehr Verlass auf die Welt ist, als Pessimisten ihr zutrauen wollen. Weil letztlich Leben immer leben will (Sie haben Recht – Selbstmordattentäter werden in dieser Betrachtungsweise nicht berücksichtigt; es mag daran liegen, dass dieses Phänomen nicht so recht zu meiner Weltsicht passen will).  

Vor diesem Hintergrund bin ich etwas besorgt über die Besorgten. Nicht unbedingt darüber, dass sie besorgt sind, sondern wie und worüber sie es sind. In Abwandlung des Gelassenheitsgebetes möchte ich sie jeden Morgen aufsagen lassen: Gott, lass mich besorgt sein über Dinge, die Besorgnis wert sind und lass mich unbesorgt sein über hysterische Gerüchte, deren Verifizierung aussteht. Und gib mir die Weisheit, einzusehen, dass ich ein Idiot bin.  

Kürzlich habe ich einen wunderbaren kleinen Beitrag über Numerologie gelesen. Der Verfasser wies zunächst auf die geheime (ha-ha) Bedeutung von 88 oder 18 oder auch 81 hin um dann knochentrocken festzustellen, dass FFF folglich in der Numerologie die 666 ist. Die Zahl des Satans. Laut Offenbarung. Das gibt einem dann doch zu denken, oder?

Ich würde diesem Gedankengang gerne kurz folgen: Ein paar hüpfende Kinder sind gewiss nicht die Sendboten des Satans. Mit ihm hier

sieht die Sache schon wieder etwas anders aus. „Extinction Rebellion“ Mitbegründer Roger Hallam. Einer seiner prägnanten Sätze: „Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant“. Bitte, was? Eine demokratische Entscheidung ist zu ignorieren, wenn die eigene Moralvorstellung von einem demokratisch gewonnenen Konsens abweicht? Aber ja – diese Geisteshaltung (ich benutze „Geist“ in einer sehr weiten Auslegung) verbreitet sich auch in Deutschland rasant. Wobei die Schnelligkeit einer Ausbreitung nicht für deren Qualität spricht. Denken Sie an die Pest.

Auf der Homepage von XR – das Logo ist eine stilisierte Sanduhr auf dunkelgrünem Grund – (und falls es Ihnen bekannt vorkommt: ja, Carola Klimaflüchtlingsretterin am Band mit Eichenlaub und Schwertern trug so ein Shirt bei Maischberger und ihr ab- und angespanntes blasses Gesicht wurde durch das grün vortrefflich unterstrichen) prangt:  

HALLO, DEINE ZUKUNFT SIEHT SCHEISSE AUS

und wer auf weiterlesen klickt, wird darüber informiert, dass es noch acht Jahre dauern wird, bis alles vorbei ist. Die brennende Arktis, das Artensterben, die Hitze – ein bunter Strauß ordnungsgemäßen Jaulens. Wobei mir diese acht Jahre als eine vernünftige Zahl vorkommen. Zum einen sind präzise Zeitangaben zum Weltuntergang immer besser, als diffuse Warnungen (ich kann mir nicht helfen; seitdem ich das Foto von „Hell-am“ gesehen habe, steht er vor meinem geistigen Auge mit einem selbst gemalten Pappschild auf dem Marktplatz und brüllt was die Lunge hergibt: Bereue – das Ende ist nah) – und acht Jahre dürften ausreichen, um genügend Geld zu machen (machen Sie sich nichts vor – das Ganze ist eine Industrie) und weitere Idiotien (und Idioten) zu etablieren.

1981 war es, als Bernhard Ulrich, Professor für forstliche Bodenkunde, verkündete: „Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Sie sind nicht mehr zu retten.“ Die Nation ergab sich dem ordnungsgemäßem Jaulen und in der Zeit (damals wie heute Qualitätsjournalismus, wobei nicht gesagt ist, von welcher Qualität) stand zu lesen: „Am Ausmaß des Waldsterbens könnte heute nicht einmal der ungläubige Thomas zweifeln.“ Nur einige bösartige Ignoranten vertraten den Standpunkt: Mein Auto fährt auch ohne Wald. Wenn ich es richtig erinnere, wurden keine Anstrengungen unternommen, eine Saure-Regen-Steuer zu etablieren, dafür hielten die Grünen im Zuge des Umwelt-Hypes in den Bundestag Einzug. Ich hätte ja lieber die Steuer genommen, aber ich konnte es mir nicht aussuchen.

Vierzig Jahre nach der angekündigten kompletten Versteppung Deutschlands ist festzustellen, dass es sowohl dem deutschen Wald, als auch den Grünen, prächtig geht. Letzteren sogar etwas zu prächtig für meinen Geschmack. Und nachdem das Thema mit dem Wald nun wirklich so was von erledigt ist, wendet man sich dem Klima zu. Irgendeine Existenzberechtigung muss der Grüne ja haben und gutes Aussehen ist es nicht. (Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass es die eher Unansehnlichen sind, die sich den Themen der Rettung von Irgendwas annehmen? Wahrscheinlich sind die Anderen mit ihren erfüllten Leben beschäftigt.)

Grundsätzlich könnte man sich nach den Erfahrungen der Vergangenheit schlicht zurücklehnen und warten, dass es vorbeigeht. Die Nation ist im Fieber und die Zeit wird kühle Wadenwickel bereithalten. Nur haben wir keine Zeit. Die Hüpferlein waren nur der Anfang, jetzt übernehmen die Profis. Und wenn ich mir anschaue, wohin die Hüpferlein uns schon gebracht haben, werde ich angesichts der Übernahme durch die Profis tatsächlich auch ein wenig besorgt. Helmut Schmidt hatte seine dunkelsten Stunden, weil er dazu stand, dass eine Regierung sich nicht erpressen lassen darf. Und was ist mit einer Nation, die sich erpressen lässt? Ein wenig mehr Sorge um die Zukunft wäre angezeigt. Einer holistisch betrachteten Zukunft. Und das nicht nur am Freitag – sondern jeden Tag. 24 Stunden lang.

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