Lasst alle Hoffnung fahren


Haben Sie einen Facebook-Account? Oder gehören Sie zu den Verweigerern? Bis vor kurzem hätte ich Ihnen noch lebhaft empfohlen, sich der 2-Milliarden-Gemeinde anzuschließen. Bis vor kurzem war ich noch der Ansicht, es gäbe kaum eine amüsantere Beschäftigung für verregnete Sonntagnachmittage als auf Facebook Schabernack zu treiben. Zudem ist Facebook das menschliche Äquivalent zur Ameisenfarm. Verdichtet und in Zeitraffer sind Aktionen und Reaktionen, Selbstdarstellung und Fremdschämen zu beobachten, und für kleine Versuchsreihen stehen jederzeit ausreichend Probanden zur Verfügung. Insofern hatte ich meinen Spaß mit der Plattform.

Und dann kam Annabelle (Name von der Redaktion geändert.) Durch irgendeinen Zufall bin ich mit Annabelle befreundet. Ich werde regelmäßig aufgefordert, ihr zuzuwinken oder werde informiert, dass sie mich angestupst hätte. Und täglich denke ich darüber nach, sie einfach aus meiner Freundesliste zu löschen – aber Annabelle ist wie ein Verkehrsunfall: man will nicht hinsehen, tut es aber doch. Annabelle ist depressiv und bipolar und postet im Halbstundentakt schwerwiegende Betrachtungen über gebrochene Herzen in maximal zehn Worten. Momentan ist ihr Profilbild eine Frau mit Tränen in den Augen, umrandet von Rosen und Herzen. Und dann kam das:

Ich schrieb dazu:

Es ist auch nicht immer einfach, hinter einer nassen Bluse einen tiefsinnigen Menschen zu vermuten.

Dafür bekam ich ein „like“. Aber auch nur eins. Von Annabelle.

Seitdem frage ich mich, ob Annabelle nun annimmt, ich hätte Verständnis für Frauen in nassen Blusen, die an der Oberflächlichkeit der Welt leiden. Habe ich nicht. Aber damit zusammenkommt, was zusammengehört, suchte ich umgehend die Facebook-Funktion, Annabelle die Sawsan Chebli als Freundschaftsvorschlag zu schicken. Chebli hat garantiert Verständnis für dusselige Frauen, die an der Welt leiden.

Noch während ich am Suchen war, kam ein Aufruf von Ivonne (Name von der Redaktion geändert), dass Petra (Name von der Redaktion geändert) sofort und dringend aus allen Freundschaftslisten gelöscht werden muss. Denn Petra hatte einen Nachruf auf Thomas Haller (der heißt wirklich so) gepostet, in dem es hieß, dass Thomas Haller Chemnitz sicherer gemacht hatte.

Falls Sie diesbezüglich nicht so im Thema sind: Thomas Haller hatte eine Sicherheitsfirma, die viele Veranstaltungen in Chemnitz betreut hatte. Und vor zwanzig Jahren war er Gründungsmitglied der „HooNaRa“ – Hooligans, Nazis, Rassisten. Zeitweise betreute seine Security-Firma auch die Fußballspiele des CFC, bis man sich von ihm wegen seiner rechten Umtriebe trennte.  Bei anderen Veranstaltungen in Chemnitz war er weiterhin dabei (und immer noch Fan des CFC). Ich nehme an, einige dieser Veranstaltungen hatte Petra besucht und daher war sie der Ansicht, der olle HooNaRa hätte Chemnitz sicherer gemacht. Durchaus im Bereich des Möglichen. Wahrscheinlich sind krawallbereite junge Männer nicht mehr ganz so krawallbereit, wenn ein HooNaRA sie böse anguckt. Insofern dürfte dieser spezielle Mann tatsächlich geeignet gewesen sein, Chemnitz sicherer zu machen (außer für jene, für die er eher das Sicherheitsrisiko darstellte).

Zwischenzeitlich ist er nicht mehr so geeignet, für Sicherheit zu sorgen, denn er ist tot (deshalb auch der Nachruf). Und nun wird es interessant: darf man um einen toten Neonazi trauern?

Der Chemnitzer FC hat es getan. Es wurde eine Schweigeminute eingelegt, ein Bild auf die Leinwand projiziert und ein paar dürre Worte verloren. Woraufhin ein Sturm der Entrüstung durch die Republik fegte und Ivonne (spricht sich wahrscheinlich I-von-ne mit Betonung auf der letzten Silbe) sofortigen Handlungsbedarf sieht, sich beherzt als ein-Frau-Büffelherde dem rechten Pack entgegenstellt und die Netzgemeinde dringend auffordert, Petra umgehend aus allen Freundschaftslisten rauszuwerfen. Als ich dazu poste, dass ein toter Mensch – ungeachtet seiner politischen Einstellung – immer eine traurige Angelegenheit ist, outet sie mich zielsicher als Rechte und ein Erdal Öztürk (oder so ähnlich) kommentiert: „Halt die Schnauze und hau ab“. Ich spreche Erdal meine ehrliche Anerkennung für seine hochwertige Argumentation aus und dann haue ich ab.

Dann amüsiere ich mich eben anders. Sind auf Facebook doch sowieso die eher bildungsfernen Gesellschaftsschichten unterwegs. Wobei dieser Begriff „bildungsfern“ doch auch nur politisch korrektes Neusprech für „so dumm, dass sie die Schweine beißen“ ist.

Im Oktober 2017 hatte Ulrich Thiele im Cicero noch die Bildungsfernen in Schutz genommen. Ihn störten die „Wuttiraden gegen alles, was irgendwie als rechts gilt“ und dass das „offenbar größte Verbrechen des politischen Gegners  seine Bildungsferne“ sei. Dies sei „kaum besser als der rechte Hass“ und er fragt sich: „Woher kommt diese Verachtung, die sich in ihren Diskriminierungsstrukturen kaum von Rassismus unterscheidet? Warum sieht man in Menschen aus der sogenannten bildungsfernen Schicht nur das natürlich Schlechte?“

Lieber Ulrich – weil sie doof sind. Und das ist nun mal nichts Gutes. Ich halte die These keineswegs für zu steil, dass eine gewisse Bildung unabdingbare Voraussetzung der Menschwerdung ist.

Das ist keine Diskriminierung, das ist Fakt. Wobei ich wohl noch viel gemeiner diskriminiere, wenn ich konstatiere, dass die bildungsferne Gesellschaftsschicht zwischenzeitlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Dass der lesende Mensch einer aussterbenden Art angehört, war mir diffus bewusst. Dass aber bereits 20 Bücher pro Jahr einen „Intensivkäufer“ ausmachen und lediglich 5% der Bundesbürger solche Intensivkäufer sind, hat mich dann doch überrascht. 60% haben übrigens „mindestens ein“ Buch gekauft. Wenn ich dann noch die Spiegel-Bestsellerliste – das literarische Äquivalent zum kulinarischen Fastfood – ins Kalkül ziehe, wundert mich überhaupt nichts mehr. Auch nicht, dass ein seit Jahren alimentierter Anton Hofreiter dabei herauskommt, der sich im Deutschlandfunk auf die Frage von Christoph Heinemann: „Herr Hofreiter, was bedeutet Schulpflicht?“ windet wie ein Wurm am Angelhaken und etwas von einer klassischen Debatte“ schwafelt, die nur dazu diene,  „abzulenken, um diese jungen Menschen klein zu machen, um ihr Anliegen nicht ernst zu nehmen“. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht wieder in das Greta-Bashing einsteigen – das nervige Gör ist gestraft genug, wenn ihr irgendwann bewusst wird, was tatsächlich abgelaufen ist (und ja, Sie können das wunderbare Buch „Szenen aus dem Herzen“, in dem das Ehepaar Thunberg die Diagnosen der Töchter vermarktet und uns Anteil nehmen lässt, wie die Klimakrise eine Familienkrise verursacht hat, käuflich erwerben). Was mich an der Debatte Schulpflicht versus besorgte junge Menschen wirklich stört, ist wieder einmal die explizite Blödheit: Die Argumentation lautet doch, dass die Demonstrationen nur zu Zeiten, in denen üblicherweise Unterricht stattfinden würde, abgehalten werden, da am Wochenende nicht genügend Aufmerksamkeit vorhanden sei. Schon mal darüber nachgedacht, am Freitagnachmittag zur Rush-Hour die Demonstrationszüge auf die Ausfallstraßen zu verlegen? Ich könnte mir vorstellen, dass damit auch eine gewisse Aufmerksamkeit einhergehen würde. Insofern eine naheliegende Lösung des Problems. Oder gibt es eventuell eine steuernde Interessengruppe, die die freie Fahrt dem Kampf ums Klima vorzieht? Das wäre dann ja ein Ding…

Vielleicht sind die doch gar nicht so dumm. Sondern bauernschlau. Was kein Synonym für Intelligenz ist. Bauernschläue ist Dummheit mit Dreistigkeit garniert. Ein sehr schönes Beispiel lieferte kürzlich Kersten Artus (die müssen Sie nicht kennen. Ist für die „Öffentlichkeitsarbeit“ von  Cornelia Möhring, Sprecherin der LINKEN im Bundestag, tätig und muss sich gerade vor Gericht verantworten, weil sie als Vorsitzende von Pro Familia einen Abtreibungsgegner mit vollem Namen geoutet hatte, was auch ein sehr schönes Beispiel für Dummheit ist. Diffamierungen sind – wie Schläge – die Kapitulation des Geistes. ).

Jene Kersten Artus trat via Twitter im eigenen Namen an die Öffentlichkeit, als sie eine Kolumne von Thomas Fischer zum Thema § 219a StGB mit dem Text: „Thomas Fischer. Schwanzträger“ kommentierte. Und als der Tweet als anstößig gemeldet wurde, noch einen draufsetzte und mit „Wer ist denn so empfindlich? Soll ich lieber ‘Penishänger‘ sagen?“ reagierte. Und so jemand ist für „Öffentlichkeitsarbeit“ zuständig. Wahrscheinlich noch staatlich alimentiert.

Hofreiter bezieht nun ganz sicher seine monatliche Apanage aus unser aller Geldbeutel, was ihn am Leben hält. In der freien Wirtschaft ist er nie angekommen, sondern hatte sich auch nach seinem Abschluss weiter an der Uni verkrochen um, laut seiner eigenen Homepage, zu forschen, Seminare zu geben und seine Doktorarbeit zu schreiben. Klingt natürlich besser als „studentische Hilfskraft“. Die Promotion betraf sinnigerweise südamerikanische Liliengewächse, was selbstverständlich ausgedehnte Forschungsreisen erforderte. Oder kurzgefasst: Braucht den noch jemand? Oder kann der weg?

Bildungsferne existiert in so vielen Spielarten. Keineswegs lediglich unter der Bedingung geringen Einkommens und beengter Wohnsituation. Bildungsferne gedeiht unter jenen, die das Wahlrecht haben (warum eigentlich wurde das Ständewahlrecht abgeschafft?) wie unter jenen, die gewählt werden. Und ein Korrektiv ist nicht in Sicht. Lasst alle Hoffnung fahren.  

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