24/7 4 future

Die Zukunft – unendliche Möglichkeiten. „Du kannst alles werden, was du willst“ wurde den Glücklicheren von uns mit auf den Weg gegeben. Was Ebenezer Cook im Tabakhändler dazu veranlasst, über die Ungerechtigkeit zu sinnieren, nur ein Leben zu haben. Eines sei schlicht zu wenig, um alles zu tun, was man tun will. Die Glücklicheren unter uns haben sich mit dieser Beschränkung abgefunden und die Seligen sind sogar der Auffassung, sie hätten unter den unendlichen Möglichkeiten die Lebenslinie gefunden. So weit, so schön. Das Einzige, was einem ernsthaft die Zukunft versauen kann, sind folglich Umstände, die sich dem eigenen Einfluss entziehen. Die Zerstörung der Erde, um einer Hyperraum-Umgehungsstraße Platz zu machen, zum Beispiel. Oder die Kollision mit einem Meteor. Letzteres ist ein ständiger Quell ernsthafter Besorgnis und wird – aus naheliegenden Gründen – eher retrospektiv berichtet. Tagessspiegel/Wissen: „Keine Gefahr: Großer Asteroid rast an Erde vorbei. Forscher sind erleichtert.“ Nicht nur die, nehme ich an.

Der plötzliche Verlust der Erde, wie wir sie kennen, kann tatsächlich auf die gute Laune gehen. Ich erinnere einen bestimmten Samstagmorgen vor über dreißig Jahren bis heute. Ich hatte gefrühstückt, das ganze Wochenende mit seinen Verheißungen und Freuden lag vor mir, und ich wollte gerade mit meinem Hund zum Morgenspaziergang an der Alster aufbrechen, als das Telefon klingelte. Ein Freund war dran und sagte: „Wir bekommen hier gerade über den Ticker, dass in der Ukraine ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist. Über den Fallout wissen wir noch nichts, aber du kannst davon ausgehen, dass er hier auch rüberkommt. Bleib besser erstmal mit Eddy in der Wohnung.“ Ich werde dieses Gefühl, an meinem Fenster zu stehen und in den kleinen Garten zu schauen, eine Welt zu sehen, die aussah wie immer, es aber nicht mehr war, nie vergessen. Zukunft, die sich dem eigenen Einfluss entzieht, kann ganz schön beängstigend sein.

Erinnern Sie noch den ersten Moment, als Ihnen bewusst wurde, weder unverletzlich noch unsterblich zu sein? Es ist eine Art zweite Geburt: Willkommen in der Welt. In der wirklichen Welt, in der es nur vom Zufall (oder je nach persönlichem Geschmack göttlichem Willen, Schicksal oder mutigen Männern) abhängt, ob der nächste Tag noch kollektiv oder individuell (was für das Individuum keinen Unterschied macht) erlebt wird. Erinnern Sie noch Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow? Falls nicht, googeln Sie ihn mal. Mit hoher Wahrscheinlichkeit verdanken Sie ihm Ihr Leben. Ich denke oft an ihn. Oder die Kuba-Krise? Die Welt stand am Abgrund. Einmal mehr.

Nachdem ich mehr als dreißig Jahre Zeit hatte, über diese Ereignisse nachzudenken, war ich zu dem Schluss gekommen, dass mehr Verlass auf die Welt ist, als Pessimisten ihr zutrauen wollen. Weil letztlich Leben immer leben will (Sie haben Recht – Selbstmordattentäter werden in dieser Betrachtungsweise nicht berücksichtigt; es mag daran liegen, dass dieses Phänomen nicht so recht zu meiner Weltsicht passen will).  

Vor diesem Hintergrund bin ich etwas besorgt über die Besorgten. Nicht unbedingt darüber, dass sie besorgt sind, sondern wie und worüber sie es sind. In Abwandlung des Gelassenheitsgebetes möchte ich sie jeden Morgen aufsagen lassen: Gott, lass mich besorgt sein über Dinge, die Besorgnis wert sind und lass mich unbesorgt sein über hysterische Gerüchte, deren Verifizierung aussteht. Und gib mir die Weisheit, einzusehen, dass ich ein Idiot bin.  

Kürzlich habe ich einen wunderbaren kleinen Beitrag über Numerologie gelesen. Der Verfasser wies zunächst auf die geheime (ha-ha) Bedeutung von 88 oder 18 oder auch 81 hin um dann knochentrocken festzustellen, dass FFF folglich in der Numerologie die 666 ist. Die Zahl des Satans. Laut Offenbarung. Das gibt einem dann doch zu denken, oder?

Ich würde diesem Gedankengang gerne kurz folgen: Ein paar hüpfende Kinder sind gewiss nicht die Sendboten des Satans. Mit ihm hier

sieht die Sache schon wieder etwas anders aus. „Extinction Rebellion“ Mitbegründer Roger Hallam. Einer seiner prägnanten Sätze: „Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant“. Bitte, was? Eine demokratische Entscheidung ist zu ignorieren, wenn die eigene Moralvorstellung von einem demokratisch gewonnenen Konsens abweicht? Aber ja – diese Geisteshaltung (ich benutze „Geist“ in einer sehr weiten Auslegung) verbreitet sich auch in Deutschland rasant. Wobei die Schnelligkeit einer Ausbreitung nicht für deren Qualität spricht. Denken Sie an die Pest.

Auf der Homepage von XR – das Logo ist eine stilisierte Sanduhr auf dunkelgrünem Grund – (und falls es Ihnen bekannt vorkommt: ja, Carola Klimaflüchtlingsretterin am Band mit Eichenlaub und Schwertern trug so ein Shirt bei Maischberger und ihr ab- und angespanntes blasses Gesicht wurde durch das grün vortrefflich unterstrichen) prangt:  

HALLO, DEINE ZUKUNFT SIEHT SCHEISSE AUS

und wer auf weiterlesen klickt, wird darüber informiert, dass es noch acht Jahre dauern wird, bis alles vorbei ist. Die brennende Arktis, das Artensterben, die Hitze – ein bunter Strauß ordnungsgemäßen Jaulens. Wobei mir diese acht Jahre als eine vernünftige Zahl vorkommen. Zum einen sind präzise Zeitangaben zum Weltuntergang immer besser, als diffuse Warnungen (ich kann mir nicht helfen; seitdem ich das Foto von „Hell-am“ gesehen habe, steht er vor meinem geistigen Auge mit einem selbst gemalten Pappschild auf dem Marktplatz und brüllt was die Lunge hergibt: Bereue – das Ende ist nah) – und acht Jahre dürften ausreichen, um genügend Geld zu machen (machen Sie sich nichts vor – das Ganze ist eine Industrie) und weitere Idiotien (und Idioten) zu etablieren.

1981 war es, als Bernhard Ulrich, Professor für forstliche Bodenkunde, verkündete: „Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Sie sind nicht mehr zu retten.“ Die Nation ergab sich dem ordnungsgemäßem Jaulen und in der Zeit (damals wie heute Qualitätsjournalismus, wobei nicht gesagt ist, von welcher Qualität) stand zu lesen: „Am Ausmaß des Waldsterbens könnte heute nicht einmal der ungläubige Thomas zweifeln.“ Nur einige bösartige Ignoranten vertraten den Standpunkt: Mein Auto fährt auch ohne Wald. Wenn ich es richtig erinnere, wurden keine Anstrengungen unternommen, eine Saure-Regen-Steuer zu etablieren, dafür hielten die Grünen im Zuge des Umwelt-Hypes in den Bundestag Einzug. Ich hätte ja lieber die Steuer genommen, aber ich konnte es mir nicht aussuchen.

Vierzig Jahre nach der angekündigten kompletten Versteppung Deutschlands ist festzustellen, dass es sowohl dem deutschen Wald, als auch den Grünen, prächtig geht. Letzteren sogar etwas zu prächtig für meinen Geschmack. Und nachdem das Thema mit dem Wald nun wirklich so was von erledigt ist, wendet man sich dem Klima zu. Irgendeine Existenzberechtigung muss der Grüne ja haben und gutes Aussehen ist es nicht. (Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass es die eher Unansehnlichen sind, die sich den Themen der Rettung von Irgendwas annehmen? Wahrscheinlich sind die Anderen mit ihren erfüllten Leben beschäftigt.)

Grundsätzlich könnte man sich nach den Erfahrungen der Vergangenheit schlicht zurücklehnen und warten, dass es vorbeigeht. Die Nation ist im Fieber und die Zeit wird kühle Wadenwickel bereithalten. Nur haben wir keine Zeit. Die Hüpferlein waren nur der Anfang, jetzt übernehmen die Profis. Und wenn ich mir anschaue, wohin die Hüpferlein uns schon gebracht haben, werde ich angesichts der Übernahme durch die Profis tatsächlich auch ein wenig besorgt. Helmut Schmidt hatte seine dunkelsten Stunden, weil er dazu stand, dass eine Regierung sich nicht erpressen lassen darf. Und was ist mit einer Nation, die sich erpressen lässt? Ein wenig mehr Sorge um die Zukunft wäre angezeigt. Einer holistisch betrachteten Zukunft. Und das nicht nur am Freitag – sondern jeden Tag. 24 Stunden lang.

#Unteilbar ( Director’s Cut )

Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben: der Green Trash hat einen neuen Hashtag. Siehe oben. In ihrem Aufruf vom 13.10.2018 konstatiert #Unteilbar: „Es findet eine dramatische politische Verschiebung statt: Rassismus und Menschenverachtung werden gesellschaftsfähig. Was gestern noch undenkbar war und als unsagbar galt, ist kurz darauf Realität“.

Man muss neidlos feststellen: die hatten seherische Fähigkeiten.

Kein Jahr nach dieser düsteren Prognose wird in Frankfurt ein gerade mal 8-jähriger Asylsuchender von einem Rechtsradikalen vor einen Zug geschubst. Medien behaupten, der Täter sei psychisch krank gewesen, aber so einen Blödsinn kann mir hier niemand mehr verkaufen. Da steckt doch ein Netzwerk dahinter… Dasselbe Netzwerk dürfte verantwortlich sein, dass in Stuttgart ein Asylsuchender von einem wahrscheinlich rechtsradikalen Deutschen auf offener Straße mit einer übergroßen Hieb-und Stichwaffe zu Tode gehiebt und gestochen wurde.  

Sie sehen an diesen beiden Beispielen, wie gesellschaftsfähig Rassismus und Menschenverachtung geworden sind. Wären die Opfer Deutsche gewesen, hätten sich längst Lichterketten formiert und erste Stiftungen wären nach ihnen benannt worden. Aber da es sich nur um Asylsuchende gehandelt hat… Da kann man schon mal auf die vielen, vielen Toten hinweisen, die ständig in den fließenden Straßenverkehr geschubst werden und anmahnen, nicht so ein Buhei zu veranstalten. Und die „Der Junge, der im Gleisbett in Einzelteile zerlegt wurde – Stiftung“ geht ein wenig holprig von der Zunge. Dann lieber nicht. Wussten Sie übrigens, dass – falls Sie mal in die konkrete Situation kommen – es Ihrem Mörder schwerer fällt, Sie zu entleiben, wenn Sie ihm Ihren Namen nennen? Je mehr der mörderisch  Entschlossene Sie als Mensch wahrnimmt – der einen Namen hat – desto schwerer fällt die Tötung. Außer Sie haben es mit einem Psychopathen zu tun – dem ist das egal. Wie ich in diesem Zusammenhang einordnen soll, dass der Junge aus dem Gleisbett bis heute keinen Namen hat… Und nein, er heißt nicht Oskar. Das hatte sich jemand ausgedacht.

Verständlich jedenfalls, dass Asylsuchende in Deutschland durch solche Vorfälle ein wenig besorgt werden. Man muss das verstehen – die sind eben kulturell so geprägt, dass sie einige wenige bedauerliche Einzelfälle gleich zu einer allgemeinen Bedrohungslage aufbauschen. Die kennen sich eben auch noch nicht so aus mit dem Verhalten an der Bahnsteigkante. Mit dem Verhalten angesichts scharfer Hieb-und Stichwaffen schwingender Menschen im Einzelfall ein wenig besser, aber wenn nur die Spitze des Eisberges offen zum Angriff übergeht und ein Schläfer-Netzwerk wie die Terrakotta-Armee von Qin Shi Huangdi nur auf ihren Einsatz lauert – dann kann man schon mal besorgt sein. 

Glücklicherweise sind wir in Deutschland: die Fremdbesorgung der Deutschen ist über jeden Zweifel erhaben. Eine der merkwürdigsten Blüten treibt die Fremdbesorgung im Hinblick auf die wertschätzende Ansprache des sexuell Konfusen. Falls Sie sich auch sorgen, werde ich umgehend meine Wertschätzung Ihrer Zeit mit diesem Essay zum Ausdruck bringen und Ihnen langwierige Recherche ersparen: „Sier“ lautet das korrekte neue Personalpronomen für das dritte Geschlecht. Ihren weltmännischen*Innen Umgang mit dem Thema können Sie demonstrieren, indem Sie sich der Thematik bewusst wie folgt vorstellen: „Mein Name ist Angela, Personalpronomen sie“. Das habe ich mir nicht ausgedacht; das wird in einschlägigen Leitfäden den ratlosen nicht-Diversen so empfohlen. Die Frage bleibt, ob mein Gegenüber tatsächlich divers ist und solche Feinsinnigkeit meinerseits zu schätzen weiß oder ob ich gerade eine etwas maskulin wirkende Ehegattin meines künftigen Geschäftspartners im besten Fall in tiefe Verwirrung gestürzt oder im schlimmsten Fall übel beleidigt habe. Bei momentan ca. 150 Menschen in Deutschland, die die Thematik betrifft, belasse ich es dann lieber bei der klassischen Begrüßung. Aber Sie sehen an diesem kleinen Beispiel, wie ernst Deutschland die Fremdbesorgung nimmt. Was wurde die Benachteiligung der Diversen durch die Gazetten, Stiftungen, Gerichte und Lehrstühle getrieben. Nur damit das Ärzteblatt im Mai 2019 nüchtern mitteilt, die Zahl der Menschen mit drittem Geschlecht sei wohl doch geringer, als angenommen. Nämlich eben jene 150 Personen Deutschlandweit. Man*In kann nicht behaupten, dass sich nicht darum gekümmert wurde.   

Man könnte den Eindruck haben, Deutschland ist eine Nation der Kümmerer. Edel sei der Deutsche, hilfreich und gut. Edel verstehen Sie bitte nicht im historischen Kontext des Edelfräuleins oder Edelmannes; das neue Edel kommt bescheiden im Gewande der Verwahrlosung. Kürzlich hatte ich das Missvergnügen, gleich zwei der Vorzeigekümmerer in einer Sendung bei ihrem quirligen Treiben beobachten zu können. Beide Green Trash durch und durch.

Ich gebe zu, dass es ein gewisser Masochismus war, der mich an diesem Abend nicht nur einen Sender des öffentlich-rechtlichen Fernsehens einschalten ließ, sondern eine Sendung mit Dunja Hayali, Robert Habeck und Carola Rackete. Aber ich halte nun mal nicht so viel davon, mich lediglich durch Aversionen leiten zu lassen; ich wollte gerne wissen, ob meine Aversionen auf einer tragfähigen Grundlage basierten. Dass es eine Höchstbelastung für Geist und Psyche werden wird, war klar. Aber Denken fordert Opfer, und ich war bereit, mich für die gute Sache ein ganz klein wenig zu opfern.

Bereits im Vorfeld der Sendung meldeten sich einige Menschen zu Wort und bemängelten eine gewisse Unausgeglichenheit. Habeck hatte lediglich drei besorgte Bürger als Gegengewicht, die allesamt von seiner schönen neuen Klimawelt unmittelbar betroffen sein werden. Das fand man nun unfair – so ein rhetorisch geschickter Politiker bügelt doch den einfachen Menschen von der Straße schlicht ab.

Ja, denkste. Bürgernah ist der Habeck und bürgernah seine Rhetorik. Natürlich sind die Zeiten lange vorbei, als Mark Anton seine Rede über ehrenwerte Männer mit den Worten: Freunde! Mitbürger! Römer! einleitete. Habeck leitet seine Sätze mit „Ey, Leute“ ein. Ich würde dazu neigen, es als einen  Tiefpunkt des Niederganges anzusehen. Und von der befürchteten Unterlegenheit der einfachen Menschen gegenüber dem Politiker ist nicht ein Hauch zu spüren. Vernünftige Überlegungen sind eben nicht einfach zu widerlegen und so verlagert sich Herr Habeck aufs schwafeln. Schwafelt sich an jeder Antwort vorbei und wenn es ganz gut klingt, applaudiert das Publikum. Von denen wahrscheinlich nicht ein Einziger den Satz wiedergeben könnte, den er gerade eifrig beklatscht hat. Tatsächlich vermisse ich an dieser Stelle einen der brillanten Wissenschaftler, der Habeck anhand von Daten und Fakten damit konfrontiert, dass seine Klimarettung lediglich ein Glaubensbekenntnis zur Rettung seiner (Habecks) Daseinsberechtigung ist. Aber – ey, Leute – öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Natürlich ist da niemand eingeladen, der den Konsens stört.  

Auch Frau Hayali ist nicht geneigt, in diesem Zusammenhang den Herrn Politiker zu fragen, ob denn nicht vielleicht die Politik mal einen Anfang machen könnte und die schöne Tradition aufgeben könnte, das Europaparlament ständig zwischen Brüssel, Straßburg und Luxemburg hin- und herreisen zu lassen. Oder warum der Herr Politiker die Strecke Stuttgart – Hamburg mit dem Flugzeug zurücklegt. Oder warum Herr Habeck öffentlich äußert, es sei „Strukturpolitik“ wenn 230.000 Inlandsflüge zwischen Berlin und Bonn stattfinden und das sei nun wirklich nicht die drängendste Frage. Wasser predigen und Wein saufen – wann wurde eigentlich und durch wen das schöne Wort von der „Toskana-Fraktion“ aus der Berichterstattung verbannt?

Jedenfalls würden diese Fragen die Strahlkraft des Klima-Helden Habeck um einige Watt senken. Vielleicht deshalb werden sie nicht gefragt. Immerhin ist er die Lichtgestalt des Green Trash. Was sich unschwer dadurch erklärt, wer da sonst noch so herumkraucht. Ich meine – jeder Feuerwache bekommt zwölf schnicke Jungs mit freiem Oberkörper für einen Kalender zusammen. Versuchen Sie das mal bei den Grünen. Ich wäre bereit zu zahlen, um es nicht zu sehen. Aber ich schweife ab. Zurück zur Sendung.

Eine Frage liegt so sehr auf der Hand, dass die Aberkennung jeglicher journalistischer Tätigkeit droht, wenn sie nicht gestellt wird und so stellt man sich todesmutig der Greta-Frage: Werden die deutschen Bemühungen zu Klimarettung angesichts der globalen Situation irgendwelche Auswirkungen haben? Nein, natürlich nicht. Die Erde ist ein geschlossenes System. Wäre die ehrliche Antwort. Das Problem ist nur, dass diese Antwort Teile der Bevölkerung verunsichern könnte. Und deshalb schwafelt Herr Habeck etwas von  „wir müssen zeigen, wie es geht, sonst macht niemand was. Dann kann man Politik in die Tonne kloppen.“

„Wir müssen zeigen, wie es geht.“ Das „wir“ schließt ihn natürlich nicht ein (wie oben ausgeführt). Spätestens seit Merkels „wir schaffen das“ sollte jedem Bürger dieser schönen Republik klar sein, dass ein „wir“ eines Politikers als „ihr“ zu verstehen ist. Ihr schafft das, ob ihr wollt oder nicht. Ebenso wie es so viel leichter fällt, das Geld anderer Leute auszugeben als das eigene, ist es auch so viel einfacher, anderen Menschen Ziele zu setzen, in deren Verwirklichung man persönlich nicht involviert ist. Also zeigt der Robert, wie es geht und wir führen es aus. An Roberts Wesen soll die Welt genesen. Wäre er ein Rechter, würde die Nation aufheulen angesichts eines derartigen Größenwahns. Ey, Robert, ist klar – Milliarden von Asiaten und Amerikanern werden voller Bewunderung zuschauen, wie Deutschland seine Wirtschaft an die Wand fährt, um das Klima zu retten. Ich sehe direkt vor meinem geistigen Auge, wie Trump the german way lobend erwähnt und künftige Geschichtsbücher werden die Ära Habeck als den Beginn der guten neuen Zeit loben. Unsere Enkel werden bei Kerzenschein nachlesen, warum sie die Kartoffeln fürs Abendbrot selber ausbuddeln müssen und der Sonntagsbraten aus Ratte besteht – aber es wird die gute neue Zeit. Vielleicht gucken die dann 40 n.H. (nach Habeck) ein wenig betreten aus der Wäsche, wenn der CO2 Ausstoß doch nicht zum Armageddon geführt hat, doch ich gehe davon aus, dass Gutmenschentum und explizite Blödheit dominant vererbt werden und unsere Urenkel  grenzdebil über der Sonntagsratte ihre moralische Makellosigkeit genießen. Und die greise Uroma bitten, nochmal zu erzählen, wie das war, als sie damals mit der Greta gehüpft ist. („Halt die Fresse, dummes Gör“ murmelt dann die Uromi. Aber nur ganz leise.)

Wenn schon der erste Teil des Statements des Robert H. in seiner manischen Sinnlosigkeit erschüttert, so ist seine Konklusion, man könne Politik in die Tonne treten, sofern sie nicht aus selektivem Aktivismus besteht, entlarvend. Politik und alle machen mit. Politik sollte Gesellschaften lenken; nicht jedoch die Gesellschaft mit moralischem Druck die Politik (außer es macht Sinn, wie z.B. eine Diktatur zu stürzen). In der Regel ist die breite Masse nicht sehr vernünftig in ihren politischen Entscheidungen. Viel zu viele Emotionen, Halbwahrheiten und das Maß aller Dinge in unserer Zeit, die moralische Überlegenheit des Handelns, sind schlechte Ratgeber. Es ist eine Form von Notwehr, dass die Zivilgesellschaft sich immer mehr politisiert – ohne den Anstand einer tatsächlich stattfindenden politischen Auseinandersetzung – und es ist eine Notwehr und Notwendigkeit, weil wir Politiker vom Schlag eines Robert Habeck aushalten müssen.

Wobei – wir sind erwachsen; wir halten vieles aus. Was ich persönlich dem Green Trash anlaste, ist die Verunsicherung jener, die noch nichts aushalten. Alle die lieben Kleinen, die Freitags um ihr Leben hüpfen. Die ernsthaft darüber nachdenken, elendlich zu verrecken, bevor sie dreißig sind. Kinder in Todesangst. Welche Spuren wird es hinterlassen wenn Kinder sich täglich mit ihrem ungewollt frühen Ableben auseinandersetzen? Und bei aller Eingeschränktheit des jugendlichen Denkvermögens: der eine oder andere wird sich die Sache mit dem geschlossenen System schon bewusst gemacht haben. Und verzweifelt noch ein wenig schneller hüpfen. In der therapeutischen Arbeit gibt es den schönen Satz: „was man fühlt, ist wahr“. Jeden Freitag hüpfen die kleinen Lemminge auf ihren Abgrund zu. Irgendjemand, der im Land der Kümmerer sich darum mal bitte kümmern möchte?

Ich habe den Eindruck, dass es auch beim Kümmern eine moralische Werteskala gibt. Momentan gibt es eigentlich nichts, um was sich moralschöpfend erquicklicher gekümmert werden kann als um  Flüchtlinge. Und zwar deshalb, weil es tief bekümmert, dass Rassismus und Menschenverachtung so gesellschaftsfähig geworden sind. So wird es erzählt. Immer und immer und immer wieder. Tatsächlich sind Rassismus und Menschenverachtung lediglich Etiketten in der politischen Auseinandersetzung. Und es gibt schlicht keine Bevölkerungsgruppe, bei der das so gut funktioniert. Ich erkläre es an einem Beispiel: Wenn ich der Ansicht bin, dass man kriminelle Ausländer abschieben sollte, so wird mir vom EuGH mitgeteilt, dass es menschenverachtend sei, kriminelle Ausländer in ein Land zu verfrachten, in dem ihnen Ungemach droht. Schlimmstenfalls das schlimmste Ungemach in Form von Folter und Tod. Ich betrachte diese Sicht der Dinge als Verachtung der Menschen, die einen Angehörigen verloren haben. Und zwar aufgrund der menschenverachtenden Tötung durch jenen, dessen Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit gerade so nachdrücklich geschützt wird. Diese meine Ansicht ist jedoch menschenverachtend. So funktioniert das.

Und wenn ich die Ansicht vertrete, dass aufgrund einer Sozialisation vieler Flüchtlinge, in deren Wertegefüge eine Frau noch unter dem Nutzvieh steht, eine ein ganz klein wenig unerfreuliche Situation für Frauen in Deutschland entstehen lassen könnte, dann bin ich eine Rassistin. Was für ein hanebüchener Blödsinn. Die Sache mit den Frauen findet sich allerdings überdurchschnittlich häufig in unterkultivierten muslimischen (ist das eine Tautologie? Irgendwie schon. Ich lasse es trotzdem drin.) Staaten. Moslem ist aber keine Rasse. Weshalb die Beschimpfung als Rassist, wenn man grundsätzlich Moslems nicht so klasse findet, pure Idiotie ist und flugs zu islamophob umformuliert wird. Und islamophob zu sein ist nun auch irgendwie rassistisch und menschenverachtend. Und so schließt sich die Zirkelargumentation der guten Menschen. In der Logik kommt man mit einem Zirkelschluss nicht weit – aber es geht auch nicht um Logik. Logik hat zu schweigen, wenn die Moral die Keule schwingt.

Womit wir bei der Speerspitze der Moralkeulen wären. Rackete. Vorname: Carola. Pronomen vermutlich sie. Carola ist der zweite Akt des kleinen Trauerspiels im öffentlich-rechtlichen. Ihre Heiligsprechung droht und so ist es stimmig, dass sie als einziger Gast für die letzten zehn Minuten der Sendung vorgesehen ist. Man würde ja auch nicht Gott in eine Talkshow einladen und Darwin hinzubitten. Obwohl es interessant wäre. Viel zu interessant für öffentlich-rechtliches Fernsehen. Teile der Bevölkerung könnten verunsichert werden.

Und da sitzt sie nun, unsere liebe Frau von der Flüchtlingsrettung. Die weiße Frau mit den Dreadlocks, BH-Verweigerin an Bord und vor Gericht und gerne mal im Shirt einer grünradikalen Organisation gewandet.

Ich weiß nicht, ob Sie es wissen: Dreadlocks kommen ursprünglich aus der Rastafaria-Bewegung und werden täglich im Salzwasser gebadet und an Steinen ausgeschlagen. Denken Sie mal kurz darüber nach, warum wohl. Um das Ungeziefer wieder los zu werden. Ich gehe nicht davon aus, dass Frau Rackete ihre Filzlocken täglich in Salzwasser badet und an Steinen ausschlägt. Vielleicht erklärt das ihren verbiesterten Gesichtsausdruck. Es juckt. Mörderisch. Wahrscheinlich handelt es sich aber auch nicht um eine Frisur, sondern um ein Statement. So im Sinne der Verbundenheit mit dem schwarzen Mann. Wobei – die Rastafaria glauben an ganz viele Dinge; unter anderem daran, dass Haile Selassie der wiedergekehrte Jesus Christus ist und Frauen nur auf der Welt sind, um den Männern zu dienen. Und sie glauben nicht nur, sie fordern auch (wenig überraschend; wer fordert nicht), sie fordern nachdrücklich die Repatriierung, also die Rückkehr in die afrikanische Heimat ihrer Vorfahren. Das dürfte Frau Rackete irgendwie durchgerutscht sein. Denn was sie nun in der Sendung fordert, ist das Gegenteil von Afrikanern nach Afrika; sie fordert, dass Deutschland und Europa alle Klimaflüchtlinge aufnehmen müssen. Wegen der historischen Verantwortung.

Und ich dachte, es geht um Asyl. Terror und Folter. Und nicht um das Klima. Klimaflüchtlinge? Ich bin gespannt, wann der Europäische Gerichtshof entscheidet, dass jemandem, dem es zu warm geworden ist, Anspruch auf Aufnahme im klimatisierten Europa zugestanden werden muss. Und ab wann ist warm zu warm? Zieht weiter nach Grönland, ihr Klimaflüchtlinge. Da ist es schön kühl und da ist auch mehr Platz. 

Obwohl Grönland natürlich keine historische Verantwortung für das Klima hat. In Punkto historische Verantwortung hält Deutschland unangefochten die Spitzenposition. Nichts gibt es auf der schönen weiten Welt, wofür wir nicht die historische Verantwortung haben. Auch eine Spielart von Größenwahn, oder? Wobei mir spontan auffällt, dass wir wahrscheinlich nicht am Tod Jesu Christi schuld sind. Aber das kann sich ja auch noch ändern. Jedenfalls haben wir nach Ansicht von Rackete die moralische Verantwortung, bummelig 1,3 Milliarden Afrikaner nach Europa zu holen. Da leben nämlich erst 746 Millionen und insofern haben wir noch einen Haufen Platz. (Racketeering ist übrigens im englischsprachigen Raum ein feststehender Begriff für kriminelle Handlungen. Bekannt aus dem RICO-Act (Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act). Fiel mir gerade in diesem Zusammenhang so ein.)  

Rackete sollte jedenfalls nicht über moralische Verantwortung schwafeln, wenn sie nicht mal rafft, im Sinn der von ihr verehrten Haartracht in der falschen Richtung unterwegs gewesen zu sein. Und wenn sie schon die Verschleppung armer Afrikaner zu den ehemaligen Kolonialherren unterstützt: wie wäre es mit ein wenig Verantwortung für die so Verschleppten? Seit Mai dieses Jahres ist das wunderbare NesT-Programm am Wirken. Haben Sie noch nie was von gehört? Ich auch nicht. Bei diesem Programm übernehmen „Mentoren“ die Verantwortung für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge und zahlen zunächst mal die Kaltmiete für zwei Jahre. Wobei – laut Website – die eigentliche Hilfe „natürlich im menschlichen Bereich erwartet wird: Helfen, Deutsch zu lernen, einen Job zu finden oder einen Ausbildungsplatz. Helfen, eine Schule zu finden oder einen Kindergarten auszuwählen. Und vielleicht einfach mal zeigen, welcher Laden das beste Gemüse hat, wie das mit der Bibliothek funktioniert oder wo es den tollsten Spielplatz gibt.“ Das Programm hat eingeschlagen wie eine Bombe. Wo immer es auftauchte, ergriffen die künftigen Mentoren die Flucht. Kurz: die Begeisterung der Bevölkerung hält sich in Grenzen. Was eventuell damit zusammenhängen könnte, dass bereits jetzt eine erkleckliche Zahl hilfsbereiter Bürger auf Schulden von bis zu 60.000 € sitzen, weil sie Bürgschaften für Flüchtlinge übernommen hatten. Denen rufe ich ein fröhliches: „Nur Mut – Ihr schafft das“ zu.

Ob Rackete und/oder ihr furchtbar stolzer und finanziell gut aufgestellter Daddy beim NesT-Bau dabei sind, wird von der Qualitätsjournalistin nicht gefragt. Schade. Stattdessen kommt die sehr konfrontative Frage der sehr guten Dunja Hayali, ob Rackete denn Verständnis für die Menschen in Deutschland habe, die die Umsiedlung der Bevölkerung des schwarzen Kontinents nach Europa eher kritisch sehen. „Nee – eigentlich nicht“ ist die unfassbare Antwort. Noch nicht einmal Verständnis… Und das Publikum applaudiert.

Kann sich bitte jemand kümmern? Bei unserem kleinen dumm-dumm-Geschoss wäre denkbar, dass sich ein Parasit durch die Kopfhaut ins Hirn gefressen hat. Aber was ist mit den Menschen, die dazu applaudiert haben? Wahrscheinlich sehen wir sie demnächst in Dresden. Marschierend auf der Straße. #Unteilbar.   

Grüße aus der Terrorzelle

Alles ist Wandlung. Alles fließt. Alles ist Bewegung und im Stillstand die Verwesung nahe. Insofern bin ich eine Anhängerin von Bewegung. Nicht gerade der körperlicher Art – da halte ich es eher mit Churchill (der Name wird den Älteren noch ein Begriff sein), doch geistig rege zu sein, dürfte nicht nur im hohen Alter als mitleidvolle Anerkennung erstrebenswert erscheinen, sondern grundsätzlich ist ein lebhaftes Training des Gehirns eine feine Sache. Bewegen sollen sie sich, die grauen Zellen. Mal in diese, mal in jene Richtung, denn die einseitige Beanspruchung führt zu so unschönen Erscheinungen, wie ein Körper, dessen Muskelpartien nicht gleichmäßig beansprucht wurden.

So in etwa:

Und nun müssen Sie sich vorstellen, obiges Bild würde keinen Oberkörper darstellen, sondern ein Hirn. Links übertrainiert; rechts viril wie ein Suppengockel. Wenn solche Hirne versuchen zu denken, dann kommt dabei heraus, dass Deutschland eine neue rechte Mitte hat. Diese „rechte Mitte“ – bitte, was soll das sein? Eine Mitte ist eine Mitte ist eine Mitte. Ich erteile Andreas Speit (der heißt wirklich so – das Leben kann so humorvoll sein) das Wort, denn ich bin absolut dafür, Menschen ihre Meinungen auch äußern zu lassen. Wie soll man denn sonst wissen, welch Geistes Kind sie sind?

Andreas ist der Ansicht, die politische Atmosphäre in Deutschland habe sich nachhaltig verändert, denn „rechtspopulistische und rechtsextreme Strömungen“ seien „im Aufwind“ und „erweisen sich als anschlussfähig an Akteure, die für sich eine Position in der politischen Mitte reklamieren“. Natürlich werden diese „Akteure“ namentlich genannt und die „Verbindungen“ untereinander aufgezeigt – der interessierte Leser sollte schon wissen, wem er die Scheibe einschlägt oder das Haus mit Parolen beschmiert. Herr Speit macht sich dann sogar noch die Mühe, den „Hass im Netz“ offenzulegen der der „realen Gewalt auf der Straße vorausgeht“. Wobei er überraschenderweise nicht den Hass meint, der im Netz dazu rät, die aufgesetzte Leuchtpistole am Kopf des neuen Rechten abzufeuern (was im Übrigen kein Terror, sondern Gutmenschentum in Vollendung ist), sondern den anderen. Den bösen Hass. Nicht den Guten. Dann klärt er noch über die „neurechten Bewegungen mit intellektuellem Anstrich sowie mit ihren publizistischen Organe“ auf und öffnet seinen unbedarften Lesern die Augen, wie die Vertreter der neuen Rechten „öffentlichkeitswirksam gegen vermeintliche Denkverbote wettern“. Zu den „vermeintlichen“ Denkverboten hat kürzlich ein gewisser Klaus-Rüdiger Mai einen lesenswerten Beitrag geschrieben und feststellte: „In Deutschland herrscht ein zunehmend repressives Klima“. Für Interessierte hier https://www.nzz.ch/feuilleton/in-deutschland-herrscht-ein-zunehmend-repressives-klima-ld.1487259 nachzulesen. Nun ist die NZZ bekannt für ihre rechtsradikalen Ansichten und der Andreas wird schon Recht haben, wenn er die von ihm beobachteten Begebenheiten unter dem Begriff „bürgerliche Scharfmacher“ zusammenfasst. Wahrscheinlich ist Klaus-Rüdiger Mai auch so ein bürgerlicher Scharfmacher. Und ich habe es nur nicht mitbekommen. Und übrigens herrscht in Deutschland keineswegs ein Denkverbot – denken ist im Rahmen der intellektuellen Möglichkeiten durchaus noch erlaubt – virulent wird es erst, wenn die entsprechenden Gedanken auch geäußert werden.

Andreas ist auch nicht alleine – Liane Bednarz und Christoph Giesa haben auch festgestellt, dass Bücher über die Gefahr von rechts sich gut verkaufen und hauen dann gleich mal die „Gefährlichen Bürger“ raus. Diese gefährlichen Menschen seien „stramm rechte Intellektuelle“ und „infiltrieren die bürgerliche Mitte“. Die bürgerliche Mitte ist nach dem Evangelium nach Andreas ja nun bereits rechts – die wird dann also noch viel rechtser. Da eine Mitte nicht Rechts sein kann, erkläre ich diesen sprachlich/logischen Komplettausfall mit dem Umstand, dass Andreas, Liane und Christoph in merkelsche Zitteranfälle verfallen würden, müssten sie zugeben, dass die so geschmähte bürgerliche Mitte eventuell eine Mehrheit stellen könnte. Trotzig befanden sie doch, sie seien „mehr“. Mehr was?

Tief in den schrumpligen Windungen ihrer – nennen wir sie meinetwegen Gehirne – dürfte den drei kleinen Strolchen bewusst sein, dass die bürgerliche Mitte einen Grund für ihre Ansichten und Tendenzen hat. Anstatt sich mit diesen Gründen auseinanderzusetzen, greifen Liana und Christoph jedoch lieber zur Allzweckwaffe der derben Beleidigung. Warum auch nicht. Die Politik macht es doch vor. Das „Pack“ von Pegida und der gut gemeinte Rat, Deutschland zu verlassen, wenn man mit der merkelschen Politik nicht einverstanden ist. Der Fisch stinkt immer vom Kopf.
Und so ist nach dem Evangelium nach Liane und Christoph der „Bildungsbürger ein Primitivbürger“ geworden. Dieser „wehre sich aggressiv gegen alles, das ihm gegen den Strich gehe und ist anfällig für jedwede Hetze. Der Sinn für Gemeinwesen und Verantwortung, das Selbstverständnis eines Citoyens sei ihm verlorengegangen“ (das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und dann je nach Charaktertyp in Tränen oder schallendes Gelächter ausbrechen).

Der Primitivbürger ist also ein Bürgerlicher, der der Beeinflussung durch Intellektuelle ausgesetzt war. Ob diese Intellektuellen nun stramm rechts oder sonst was sind – liebe Liane, lieber Christoph: Intellektuell bedeutet dem Wortsinn nach, über einen scharfen Verstand zu verfügen. Nein, Liebes, nicht scharf im Sinn von Chilis, das andere scharf. Primitiv wiederum wird allgemein als mindere Intelligenz verstanden. Und nun Ihr Lieben: findet den Fehler…

Primitiv ist nach Auffassung von diesen beiden sprachschmalbrüstigen Wortschöpfern jede Haltung, die „gegen alles Fremde gehe, gegen Ausländer im Allgemeinen und Flüchtlinge im Besonderen, gegen Homosexuelle, den Islam oder die europäische Idee“. Ganz besonders treibt sie um, dass die neue Rechte doch tatsächlich die „Demokratie als Diktatur des Mainstream herabwürdigt“. Das „herabwürdigt“ ist schön. Das impliziert, wie hoch die Autoren die Demokratie schätzen. Die schätzen sie so sehr, dass sie an die „Zivilcourage ihrer Leser“ appellieren, „sich im alltäglichen Gespräch platte Ressentiments zu verbitten, ein „Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen…“ mit einem „Nein,-man-darf-nicht!“ zu kontern“. Das ist gelebte Demokratie. Von Primitivlingen.

Und insofern erlaube ich mir, folgendes zu sagen: Nicht jeder, der etwas gegen die Islamisierung Deutschlands hat, hat etwas gegen Ausländer oder Flüchtlinge. Oder gegen homosexuelle Ausländer, homosexuelle Flüchtlinge oder schlicht Homosexuelle. Und die Diktatur der EU nicht gut zu finden, hat nichts mit einer generellen Verwerfung der europäischen Idee zu tun. Das hat mit etwas gänzlich anderem zu tun: mit Fakten.

Fakt ist, dass wann immer ich mit Menschen über die zunehmenden Migrationszahlen spreche, mir entgegengehalten wird, dass das doch angesichts der Gesamtbevölkerung verschwindend geringe Zahlen seien. Nun, aktuell sind es 23,6 Prozent. Fast jeder vierte. Das finde ich nicht gerade verschwindend gering. So bezogen auf ganz Deutschland. Hier in Hamburg stellt sich die Situation allerdings ganz anders dar. Hier ist es nicht jeder vierte, der einen Migrationshintergrund hat, hier ist es – in einigen wenigen Stadtteilen – jeder vierte, der ihn nicht hat. Bei der Bevölkerungsgruppe unter 18 Jahren ist Billbrook mit einem Anteil von 97,4 % Migrationshintergründiger Spitzenreiter. Im Bezirk Mitte sind es 71,5 % und in den anderen Bezirken jeweils knapp über 40%. Möchte mir jetzt ernsthaft noch jemand etwas über Integration erzählen? Wo sollen die sich denn hineinintegrieren? Das Gegenteil ist der Fall: aus Multikulti wird Monokulti. In einem meiner bevorzugten vietnamesischen Restaurants – es liegt bei meinem Büro um die Ecke – wird kein Schweinefleisch serviert. Als Begründung nannte mir der Betreiber seine moslemischen Gäste – die hätten das nicht so gerne. So wurde es von der Karte genommen. Und derweil demonstrieren die Hamburger dafür, Hamburg zum sicheren Hafen für Flüchtlinge zu erklären. Angesichts der humanitären Katastrophen rund ums Mittelmeer. Genau – kommt alle her. Ich kann nur hoffen, ich bekomme eine Duldung. Kommt drauf an, wer dann hier das sagen hat. Falls es Moslems sind, sind meine Chancen schlecht.

Und nein – ich bin keineswegs Islamophob; ich habe keine Angst vor dem Islam – ich mag ihn einfach nicht. Wie Rosenkohl. Ich mag auch keinen Rosenkohl, bin aber weit davon entfernt, Angst vor Rosenkohl zu haben. Ich mag den Islam nicht, weil er so fernab der Toleranz agiert. Also – aktiv. Aktive Toleranz zu praktizieren ist seine Sache nicht – bei dem Thema Toleranz einzufordern, werden dann hingegen alle Kräfte mobilisiert. Deshalb mag ich auch „die Flüchtlinge“ – man gestatte mir die kurze Verallgemeinerung – nicht besonders. Ich habe durch meinen Beruf durchaus meine eigenen Erfahrungen gesammelt und kann sowohl Christiane Soler als auch Katja Schneidt nur beipflichten. Ich bin gewiss nicht so naiv, dass ich Dankbarkeit erwarte – aber zumindest einen respektvollen Umgang. Was ich tatsächlich erlebe, ist eine fordernde Haltung bis zur Unerträglichkeit. Um dann darüber belehrt zu werden, dass ich nicht verstehen würde, wie das „bei uns ist“. Wohlgemerkt von Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sich aber den Werten und Traditionen ihres anatolischen Bergdorfes mehr verpflichtet fühlen, als dem Minimalanstand ihrer Rechtsanwältin gegenüber. Und bei jenen, die tatsächlich erst kurz in Deutschland sind – es ist eine fremde und seltsame Welt. Für mich wie für sie. Und es steckt kein Segen drin. Weder für mich, noch für sie.

Warum nur, frage ich mich, stecken sich so viele Menschen die Finger in die Ohren und singen laut la-la-la, wenn dieses Thema zur Sprache kommt? Oder werden gleich dermaßen aggressiv, als ginge es um ihr Leben? Entschuldigung – es geht hier auch um mein Leben. Es geht darum, ob Freiheiten, die mühsam erkämpft wurden, auch künftig noch Bestand haben werden. Es geht darum, genau hinzuschauen. Und die Beobachtungen mitteilen zu dürfen. Es geht darum, dass, während ich dies schreibe, seit einer knappen Woche die Aufnahmen der Frontex Drohne bekannt sind – berichtet wird in den Mainstreammedien über die guten Menschen auf der Sea Watch 3. Ich habe das Frontex Video auf facebook geteilt. Und ich weiß genau, in welcher Schublade ich – einmal mehr – dafür lande.

Auf meine Schublade wird „neue Rechte“ gekritzelt. Liane und Christoph würden mich wohl als „Primitivbürgerin“ bezeichnen und Andreas? Reicht es schon für eine „bürgerliche Scharfmacherin“ oder bin ich nur „infiltrierte Mitte“? Weder noch, Ihr Lieben: Ich bin eine Terrorzelle. Eine ein-Frau-Terrorzelle. Nun gut – ich habe weder Anschläge noch Gewalttaten im Sinn, aber auf solche Kleinigkeiten kommt es ja auch nicht an. Wir leben in Zeiten, in denen der Zweck so ziemlich jedes Mittel heiligt und wie angenehm wäre es doch, über dieses lästige Grundrecht der freien Meinungsäußerung nicht mehr diskutieren zu müssen. Einfach mal die kühnen Gedanken von Seehofer und Tauber konsequent zu Ende gedacht. Ich würde ja vorschlagen, über eine Grundrechtseinschränkung nachzudenken, wenn es um den Missbrauch des Asylrechts geht. Bitte verstehen Sie diese radikale Ansicht lediglich als freie Meinungsäußerung im Kontext von Seehofer und Tauber. Und keine Sorge – diese für mich durchaus naheliegende Idee ist weiter entfernt als entfernt sein kann. Hat doch der Europäische Gerichtshof kürzlich den Klagen dreier Flüchtlinge stattgegeben, denen der Flüchtlingsstatus aberkannt wurde und die Abschiebung drohte. In einem Fall war der Täter wegen wiederholter Raubüberfälle und Erpressung zu neun Jahren Haft verurteilt worden, in einem anderen zu vier Jahren wegen der Vergewaltigung einer Minderjährigen und der Dritte wegen Diebstahls mit vorsätzlicher Tötung zu 25 Jahren Haft. Weshalb die betroffenen Länder diese Verbrecher gerne wieder dorthin geschickt hätten, wo sie herkamen. Nö, urteilte der EuGH, der Anspruch auf Schutz durch die Genfer Flüchtlingskonvention und die EU-Grundrechte wiege schwerer, als das Interesse der Bevölkerung des Landes, weder beraubt, erpresst, als Minderjährige vergewaltigt oder getötet zu werden. Einmal dort, müsst ihr sie auch behalten. Und ja, in diesem Zusammenhang habe ich auch etwas gegen die Bevormundung aus Luxemburg.

Und während meine Terrorzelle lediglich dem Tagtraum entspringt, meinen Gatten zu bitten, mir die Kalaschnikow zu reichen, sind entsprechende Bestrebungen realiter zu verzeichnen. Wenn man denn – mit dem gebührenden Abschlag – der Berichterstattung der letzten Tage Glauben schenken mag. Ich lese von einer „Nazi-Terrorzelle“ und „Todeslisten, Ätzkalk und Leichensäcken“. Von Menschen „aus dem Umfeld“ von Bundeswehr und Polizei, die sich organisiert haben sollen. Der Verfassungsschutz warnt den Bundestag, dass die Popularitätswerte ins Bodenlose rauschen. Es könnte daran liegen, dass die Politik an den Fakten vorbeiregiert. Es würde mir durchaus einleuchten, wenn Menschen, die nicht wie ich die Gnade der frühen Geburt hatten, ernsthaft befürchten, dass Verhältnisse entstehen, unter denen sie nicht leben möchten. Ich erlaube mir, daran zu erinnern, dass die Rechtsgrundlage für Merkels Grenzöffnung im Jahr 2015 bis heute ungeklärt ist. Das Gutachten der wissenschaftlichen Dienste des Bundestages kam 2017 zu dem Ergebnis, dass die Frau Bundeskanzlerin keine Kompetenz hatte, diese Entscheidung zu treffen. Konsequenzen haben sich bis heute aus diesem Vorgang nicht ergeben.

Insofern: ist das vielleicht alles kein Terror? Ist die Nazi-Terrorzelle in Wirklichkeit eine Widerstandszelle? Gerechtfertigt durch Artikel 20 Absatz 4 Grundgesetz? Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob abgewartet werden muss, bis die Rechtsordnung komplett zerstört und die Ordnung abgeschafft ist oder ob das Widerstandsrecht schon die Vorbereitungen des Umsturzes bekämpfen darf. Sollte ein entsprechender Prozess gegen das „Nazi-Netzwerk“ stattfinden, werde ich den mit Interesse beobachten. Und bin mir sicher, dass die oben angestellten Erwägungen nicht mit einem Wort erwähnt werden. Wir leben in interessanten Zeiten.

Monster unterm Bett

Ein Märchen für die ganz Kleinen

Jeden Abend vor dem Schlafengehen guckt Mari unter ihr Bett, um nachzusehen, ob auch alle Monster da sind.

Das ist nicht ganz einfach, weil Monster gerne im großen Knäuel schlafen. Manchmal sind nur drei Schnauzen und zehn Beine zu sehen. Manchmal sieben Beine und zwei Schwänze. Und manchmal ragen nur drei spitze Öhrchen aus dem Knäuel heraus. Dann muss Mari von allen Seiten unter dem Bett nachschauen, denn es kann immer sein, dass sich ein Monster im Garten verspielt hat und nicht ordentlich unters Bett gekrochen ist. Also muss Mari gucken und noch mal gucken und zählen und noch mal zählen. Aber wenn sie einmal zwölf Beine, drei Schnauzen oder sechs Öhrchen zählen konnte, kann sie beruhigt ins Bett gehen.

Dann knufft sie ihr Kopfkissen zurecht und kuschelt sich unter die Decke und murmelt: „Gute Nacht, Knurzelfurzel“. Denn alle Monster von Mari heißen Knurzelfurzel. Mari findet, dass ist der allerschönste Name. Für ein Monster.

„Gute Nacht, Mari“ knurschelt jemand unter dem Bett. „Und süße Träume“ schmurzelt eine andere Stimme. Und eine Stimme furschelt nur „Nachti Nacht“. Das war bestimmt Knurzelfurzel.

Und dann geht die Sonne unter und der Mond steigt auf. Und viele, viele Sterne leuchten am Nachthimmel über der kleinen Stadt, in der Mari wohnt. In den Häusern gehen die Lichter an und nach und nach auch wieder aus. Alles wird ganz still. Alle schlafen.

Mitten in der Nacht, als das Dunkel am dunkelsten ist, schiebt sich eine kleine, grüne, schuppige Hand durch den Spalt des geöffneten Fensters von Maris Kinderzimmer. Das ist ein kleiner, hässlicher, böser Traum. Der will nicht nur durch Maris Fenster schlüpfen; der will in ihren Schlaf schlüpfen. Denn böse Träume sind nicht nur böse, sondern auch sehr gemein.

Vorsichtig und verstohlen schiebt sich noch ein grüner Arm mit ekligen Borsten hinterher.

„Grrrrrrrrrrrrrrr“ macht es unter dem Bett. Und „Platsch“ macht es draußen vor dem Fenster. Der böse Traum ist vor Schreck die Wand heruntergefallen. Und unten aufgeplatscht. Mari hat davon nicht gemerkt; Mari träumt gerade davon, dass sie mit den Knurzelfurzeln auf der Schaukel sitzt und Zuckerwatte isst.

Unter dem Bett ist eine kleine Weile ein spitzes Ohr noch wachsam aufgestellt. Doch für den Rest der Nacht traut sich kein böser Traum auch nur in die Nähe von Maris kleinem Häuschen.

Und deshalb guckt Mari jeden Abend vor dem Schlafengehen, ob auch alle Monster unter dem Bett sind.

Gute Nacht, Knurzelfurzel.

Lasst alle Hoffnung fahren


Haben Sie einen Facebook-Account? Oder gehören Sie zu den Verweigerern? Bis vor kurzem hätte ich Ihnen noch lebhaft empfohlen, sich der 2-Milliarden-Gemeinde anzuschließen. Bis vor kurzem war ich noch der Ansicht, es gäbe kaum eine amüsantere Beschäftigung für verregnete Sonntagnachmittage als auf Facebook Schabernack zu treiben. Zudem ist Facebook das menschliche Äquivalent zur Ameisenfarm. Verdichtet und in Zeitraffer sind Aktionen und Reaktionen, Selbstdarstellung und Fremdschämen zu beobachten, und für kleine Versuchsreihen stehen jederzeit ausreichend Probanden zur Verfügung. Insofern hatte ich meinen Spaß mit der Plattform.

Und dann kam Annabelle (Name von der Redaktion geändert.) Durch irgendeinen Zufall bin ich mit Annabelle befreundet. Ich werde regelmäßig aufgefordert, ihr zuzuwinken oder werde informiert, dass sie mich angestupst hätte. Und täglich denke ich darüber nach, sie einfach aus meiner Freundesliste zu löschen – aber Annabelle ist wie ein Verkehrsunfall: man will nicht hinsehen, tut es aber doch. Annabelle ist depressiv und bipolar und postet im Halbstundentakt schwerwiegende Betrachtungen über gebrochene Herzen in maximal zehn Worten. Momentan ist ihr Profilbild eine Frau mit Tränen in den Augen, umrandet von Rosen und Herzen. Und dann kam das:

Ich schrieb dazu:

Es ist auch nicht immer einfach, hinter einer nassen Bluse einen tiefsinnigen Menschen zu vermuten.

Dafür bekam ich ein „like“. Aber auch nur eins. Von Annabelle.

Seitdem frage ich mich, ob Annabelle nun annimmt, ich hätte Verständnis für Frauen in nassen Blusen, die an der Oberflächlichkeit der Welt leiden. Habe ich nicht. Aber damit zusammenkommt, was zusammengehört, suchte ich umgehend die Facebook-Funktion, Annabelle die Sawsan Chebli als Freundschaftsvorschlag zu schicken. Chebli hat garantiert Verständnis für dusselige Frauen, die an der Welt leiden.

Noch während ich am Suchen war, kam ein Aufruf von Ivonne (Name von der Redaktion geändert), dass Petra (Name von der Redaktion geändert) sofort und dringend aus allen Freundschaftslisten gelöscht werden muss. Denn Petra hatte einen Nachruf auf Thomas Haller (der heißt wirklich so) gepostet, in dem es hieß, dass Thomas Haller Chemnitz sicherer gemacht hatte.

Falls Sie diesbezüglich nicht so im Thema sind: Thomas Haller hatte eine Sicherheitsfirma, die viele Veranstaltungen in Chemnitz betreut hatte. Und vor zwanzig Jahren war er Gründungsmitglied der „HooNaRa“ – Hooligans, Nazis, Rassisten. Zeitweise betreute seine Security-Firma auch die Fußballspiele des CFC, bis man sich von ihm wegen seiner rechten Umtriebe trennte.  Bei anderen Veranstaltungen in Chemnitz war er weiterhin dabei (und immer noch Fan des CFC). Ich nehme an, einige dieser Veranstaltungen hatte Petra besucht und daher war sie der Ansicht, der olle HooNaRa hätte Chemnitz sicherer gemacht. Durchaus im Bereich des Möglichen. Wahrscheinlich sind krawallbereite junge Männer nicht mehr ganz so krawallbereit, wenn ein HooNaRA sie böse anguckt. Insofern dürfte dieser spezielle Mann tatsächlich geeignet gewesen sein, Chemnitz sicherer zu machen (außer für jene, für die er eher das Sicherheitsrisiko darstellte).

Zwischenzeitlich ist er nicht mehr so geeignet, für Sicherheit zu sorgen, denn er ist tot (deshalb auch der Nachruf). Und nun wird es interessant: darf man um einen toten Neonazi trauern?

Der Chemnitzer FC hat es getan. Es wurde eine Schweigeminute eingelegt, ein Bild auf die Leinwand projiziert und ein paar dürre Worte verloren. Woraufhin ein Sturm der Entrüstung durch die Republik fegte und Ivonne (spricht sich wahrscheinlich I-von-ne mit Betonung auf der letzten Silbe) sofortigen Handlungsbedarf sieht, sich beherzt als ein-Frau-Büffelherde dem rechten Pack entgegenstellt und die Netzgemeinde dringend auffordert, Petra umgehend aus allen Freundschaftslisten rauszuwerfen. Als ich dazu poste, dass ein toter Mensch – ungeachtet seiner politischen Einstellung – immer eine traurige Angelegenheit ist, outet sie mich zielsicher als Rechte und ein Erdal Öztürk (oder so ähnlich) kommentiert: „Halt die Schnauze und hau ab“. Ich spreche Erdal meine ehrliche Anerkennung für seine hochwertige Argumentation aus und dann haue ich ab.

Dann amüsiere ich mich eben anders. Sind auf Facebook doch sowieso die eher bildungsfernen Gesellschaftsschichten unterwegs. Wobei dieser Begriff „bildungsfern“ doch auch nur politisch korrektes Neusprech für „so dumm, dass sie die Schweine beißen“ ist.

Im Oktober 2017 hatte Ulrich Thiele im Cicero noch die Bildungsfernen in Schutz genommen. Ihn störten die „Wuttiraden gegen alles, was irgendwie als rechts gilt“ und dass das „offenbar größte Verbrechen des politischen Gegners  seine Bildungsferne“ sei. Dies sei „kaum besser als der rechte Hass“ und er fragt sich: „Woher kommt diese Verachtung, die sich in ihren Diskriminierungsstrukturen kaum von Rassismus unterscheidet? Warum sieht man in Menschen aus der sogenannten bildungsfernen Schicht nur das natürlich Schlechte?“

Lieber Ulrich – weil sie doof sind. Und das ist nun mal nichts Gutes. Ich halte die These keineswegs für zu steil, dass eine gewisse Bildung unabdingbare Voraussetzung der Menschwerdung ist.

Das ist keine Diskriminierung, das ist Fakt. Wobei ich wohl noch viel gemeiner diskriminiere, wenn ich konstatiere, dass die bildungsferne Gesellschaftsschicht zwischenzeitlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Dass der lesende Mensch einer aussterbenden Art angehört, war mir diffus bewusst. Dass aber bereits 20 Bücher pro Jahr einen „Intensivkäufer“ ausmachen und lediglich 5% der Bundesbürger solche Intensivkäufer sind, hat mich dann doch überrascht. 60% haben übrigens „mindestens ein“ Buch gekauft. Wenn ich dann noch die Spiegel-Bestsellerliste – das literarische Äquivalent zum kulinarischen Fastfood – ins Kalkül ziehe, wundert mich überhaupt nichts mehr. Auch nicht, dass ein seit Jahren alimentierter Anton Hofreiter dabei herauskommt, der sich im Deutschlandfunk auf die Frage von Christoph Heinemann: „Herr Hofreiter, was bedeutet Schulpflicht?“ windet wie ein Wurm am Angelhaken und etwas von einer klassischen Debatte“ schwafelt, die nur dazu diene,  „abzulenken, um diese jungen Menschen klein zu machen, um ihr Anliegen nicht ernst zu nehmen“. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht wieder in das Greta-Bashing einsteigen – das nervige Gör ist gestraft genug, wenn ihr irgendwann bewusst wird, was tatsächlich abgelaufen ist (und ja, Sie können das wunderbare Buch „Szenen aus dem Herzen“, in dem das Ehepaar Thunberg die Diagnosen der Töchter vermarktet und uns Anteil nehmen lässt, wie die Klimakrise eine Familienkrise verursacht hat, käuflich erwerben). Was mich an der Debatte Schulpflicht versus besorgte junge Menschen wirklich stört, ist wieder einmal die explizite Blödheit: Die Argumentation lautet doch, dass die Demonstrationen nur zu Zeiten, in denen üblicherweise Unterricht stattfinden würde, abgehalten werden, da am Wochenende nicht genügend Aufmerksamkeit vorhanden sei. Schon mal darüber nachgedacht, am Freitagnachmittag zur Rush-Hour die Demonstrationszüge auf die Ausfallstraßen zu verlegen? Ich könnte mir vorstellen, dass damit auch eine gewisse Aufmerksamkeit einhergehen würde. Insofern eine naheliegende Lösung des Problems. Oder gibt es eventuell eine steuernde Interessengruppe, die die freie Fahrt dem Kampf ums Klima vorzieht? Das wäre dann ja ein Ding…

Vielleicht sind die doch gar nicht so dumm. Sondern bauernschlau. Was kein Synonym für Intelligenz ist. Bauernschläue ist Dummheit mit Dreistigkeit garniert. Ein sehr schönes Beispiel lieferte kürzlich Kersten Artus (die müssen Sie nicht kennen. Ist für die „Öffentlichkeitsarbeit“ von  Cornelia Möhring, Sprecherin der LINKEN im Bundestag, tätig und muss sich gerade vor Gericht verantworten, weil sie als Vorsitzende von Pro Familia einen Abtreibungsgegner mit vollem Namen geoutet hatte, was auch ein sehr schönes Beispiel für Dummheit ist. Diffamierungen sind – wie Schläge – die Kapitulation des Geistes. ).

Jene Kersten Artus trat via Twitter im eigenen Namen an die Öffentlichkeit, als sie eine Kolumne von Thomas Fischer zum Thema § 219a StGB mit dem Text: „Thomas Fischer. Schwanzträger“ kommentierte. Und als der Tweet als anstößig gemeldet wurde, noch einen draufsetzte und mit „Wer ist denn so empfindlich? Soll ich lieber ‘Penishänger‘ sagen?“ reagierte. Und so jemand ist für „Öffentlichkeitsarbeit“ zuständig. Wahrscheinlich noch staatlich alimentiert.

Hofreiter bezieht nun ganz sicher seine monatliche Apanage aus unser aller Geldbeutel, was ihn am Leben hält. In der freien Wirtschaft ist er nie angekommen, sondern hatte sich auch nach seinem Abschluss weiter an der Uni verkrochen um, laut seiner eigenen Homepage, zu forschen, Seminare zu geben und seine Doktorarbeit zu schreiben. Klingt natürlich besser als „studentische Hilfskraft“. Die Promotion betraf sinnigerweise südamerikanische Liliengewächse, was selbstverständlich ausgedehnte Forschungsreisen erforderte. Oder kurzgefasst: Braucht den noch jemand? Oder kann der weg?

Bildungsferne existiert in so vielen Spielarten. Keineswegs lediglich unter der Bedingung geringen Einkommens und beengter Wohnsituation. Bildungsferne gedeiht unter jenen, die das Wahlrecht haben (warum eigentlich wurde das Ständewahlrecht abgeschafft?) wie unter jenen, die gewählt werden. Und ein Korrektiv ist nicht in Sicht. Lasst alle Hoffnung fahren.  

Ostwind /Westwind


„Du bist so BRD“ sagte kürzlich ein Freund zu mir. Wie bitte, was? Wie ist man denn  so BRD? „Bei euch ist es immer das Ego, das euch beschäftigt“ haut er mir um die Ohren. So aus dem Nichts heraus. Ja, spinnt denn der? Gerade mal eben 30 Jahre nach dem Mauerfall hat der sich schon zum Besserossi gemausert. Und wirft mir vor, mein Ego zum Maß aller Dinge zu machen. Entschuldige mal bitte – ich bin so erzogen. Und außerdem gab es auch im Westen ernsthafte Anstrengungen, das Ego zu überwinden. Ein esoterisches Lüftchen blies uns aus dem noch ferneren Westen die Lehren des Don Juan, alias Carlos Castaneda zu. Wir haben Sätze wie „Du nimmst dich zu ernst. Du bist in deinen Augen zu verdammt wichtig. Das muss sich ändern. Du bist so gottverflucht wichtig, dass du glaubst, das Recht zu haben, an allem Anstoß zu nehmen. Du bist so verdammt wichtig, dass du es dir leisten kannst, abzuhauen, wenn nicht alles so läuft, wie du willst“ durchaus interessiert zur Kenntnis genommen. Was uns nicht daran gehindert hat abzuhauen, wenn es nicht so lief, wie wir wollten. Später dann sind wir auf Knien dem Rolls Royce von Bhagwan Shree Rajneesh hinterhergekrochen, haben bei jeder unpassenden Gelegenheit Om gesagt, uns die Klamotten rot gefärbt und waren ganz kurz davor, unter den Anleitungen des Multimillionärs unser Ego zu überwinden, um ewige Glückseligkeit zu erlangen. Wäre nur die Luftverschmutzung nicht gewesen, so hätte es bestimmt geklappt.

Was nur treibt Menschen zu solch bizarrem Verhalten? Ob es nun ist, sich den Schädel zu rasieren und leicht bekleidet auf Flughäfen und in Einkaufszentren „Hare Hare, Hare Krishna, Krishna Hare“ zu eigener Trommelbegleitung zu singen oder aber allen weltlichen Gütern zu entsagen und Braut Christi zu werden (im Übrigen eine Ehe die nie vollzogen wird, daher auch „Braut“ Christi und nicht „Ehefrau“), oder Vater und Mutter in Bottrop zu verlassen um in einen heiligen Krieg zu ziehen. Was nur treibt sie an?

Diese Frage hatte mir 1989 unnachahmlich simpel der Joker beantwortet. Batman ist erschüttert, dass der Joker in Gotham City immer mehr Anhänger um sich scharen kann. Er versteht die Welt nicht mehr (wie so oft die durch und durch moralisch Einwandfreien nicht verstehen, was um sie herum passiert). Er ist doch der gute, wahre Held, während der Joker durch und durch böse ist. Warum dann wenden sich die Menschen dem Bösen zu? Hier Jokers Antwort (soweit ich sie erinnere und bitte lassen Sie Ihre innere Stimme mit der wunderbaren Diktion eines leicht lispelnden Jack Nicholson sprechen): „Die Menschen… Du verstehst die Natur der Menschen nicht. Die Menschen… sie lechzen… nach Führung“.   

So weit, so simpel. Wenn ich durch die Straßen laufe und durch die leeren Augen der Passanten das eingeschrumpelte Hirn sehe, ist klar, dass die völlig verloren im was-denn-nun sind. Gegen ein wenig Führung – vorausgesetzt der Führer ist kein durchgeknallter Psychopath (erinnern Sie sich noch an Adolf „Atsche“ Hitler?) – ist nichts einzuwenden. Virulent wird die Sache, wenn es um die Person des Führenden geht. Alleine die Tatsache, dass Sie diesen Text lesen, macht es obsolet, Ihnen etwas über Persönlichkeitsveränderungen durch Macht zu erzählen. Den Teil betrachten wir also als erledigt. Nur – wie sieht es um Menschen aus, die ihre Führung in einer ferngesteuerten 16-jährigen mit Asperger-Syndrom suchen? Ich erlaube mir an dieser Stelle, die  Merkmale des Asperger-Syndroms in Erinnerung zu rufen. Betroffene Menschen können die Gefühle ihres Gegenübers nicht erkennen. Sie lernen mühselig anhand von Zeichnungen, dass nach oben gezogene Mundwinkel Freundlichkeit des Gegenübers signalisieren. Aus ihrer eingeschränkten Wahrnehmung folgt sodann eine eklatante Schwäche in der sozialen Interaktion wie auch in der Kommunikation. Und typisch für die Erkrankung ist ein stereotypes Verhalten mit eingeschränkten Interessen (fällt Ihnen ein gewisser Bezug auf?). Unter den lebenden Leichen ist die Retardierte Anführerin. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass die hoffnungsvollen Jungdemonstranten auch für artgerechte Haltung des Nutzgemüses die Schule schwänzen würden. Es müsste nur eine Bio-Gurke moralisch einwandfrei vorwegmarschieren. Insofern: beeindruckend, wie die deutsche Jugend sich für die Umwelt einsetzten lässt. Gerüchte vermelden, dass einige sogar mit schamvoll gesenktem Blick in den SUV der Mutti einsteigen und nur noch alle zwei Jahre das neueste Smartphone verlangen. Das nenne ich mal ein Umweltbewusstsein.

Ich habe den Eindruck – ich mag mich täuschen – dass die verzweifelte Suche nach irgendetwas, dem man hinterherwatscheln kann, ein typisch westdeutsches Phänomen ist.

Vielleicht liegt es daran, dass unsere Brüder und Schwestern im Ostteil der Republik ausgiebig Erfahrung mit Führung sammeln durften. Die hatten Führung. Und zwar nicht zu knapp. Inklusive strenger Dienstaufsicht. Und wenn diese spezielle Führung sich oberflächlich betrachtete am Beispiel der Maslowschen Bedürfnispyramide  (die hier für unsere Zwecke völlig ausreicht) auf die beiden untersten Ebenen der menschlichen Bedürfnisse, die physiologischen und die Sicherheitsbedürfnisse, beschränkte, konnte sogar die dritte und vierte Kategorie der sozialen Bedürfnisse und der Wertschätzung durch das System befriedigt werden. Voraussetzung war lediglich die Anerkennung des Systems und die Fügung in dessen Werte. Einzig für die letzte Stufe der Selbstverwirklichung, des Ich-Bedürfnisses, war nicht unbedingt viel Raum vorgesehen. Und um das Charisma der spirituellen Führer war es auch nicht unbedingt zum Besten bestellt. Karl-Eduard von Schnitzler und Lothar König fallen mir da ein. Deprimierend.

Wer sich in der DDR solche Extravaganzen wie Selbstverwirklichung und gar Spiritualität hingeben wollte, lebte gefährlich. Es hatte neben der staatlich verordneten Weltanschauung keine weitere zu geben. Nach Artikel 6 der DDR Verfassung wurde  Boykotthetze bestraft und Boykotthetze war alles, was sich gegen die Interessen der SED richtete. Wer meinte, ein anderes Weltbild als das der Lesart der SED für richtig halten zu wollen, konnte das gerne annehmen. Aber bitte in der inneren Emigration. Sonst drohte der „unerwartete Nahschuss“ in den Hinterkopf. Offiziell zuletzt ausgeführt am Stasi-Hauptmann Werner Teske am 26. Juni 1981. Er hatte seine Flucht in den Westen geplant. Und ein Spionage-Vorwurf stand im Raum. Offenbar hatte Werner Teske sich nicht mit der Flucht in die innere Emigration zufriedengeben wollen; er wollte raus. Keine gute Idee.

Ich stelle es mir zugegebenermaßen auch schwierig vor, jeden Tag im Dissens mit der Welt, die mich umgibt, zu leben. Mich nicht mitteilen zu können, weil ich nicht weiß, wer ein Spitzel ist und meine Gedanken umgehend an die Obrigkeit weiterleitet, die dann den unerwarteten Nahschuss einleitet. Da musst du zwangsläufig paranoid werden und die einzige Frage, die sich noch stellt, ist, ob du paranoid genug bist.

Wobei es hinsichtlich des Dissenses zwischen Mensch und Gestaltung seiner Lebenswelt durch die Obrigkeit momentan im Westen vielen Menschen ähnlich geht – fassungslos stehen sie daneben, wenn ihre Mitbürger einen mittelalterlichen Moralkodex als Bereicherung ihrer Kultur feiern. Allerdings müssen die diesbezüglichen Gedanken nicht geheim gehalten werden; anders als damals in der DDR hat das neudeutsche vereinte Volk Facebook. Eine Massenauswanderung in Facebook-Land ist zu verzeichnen. Einer der wenigen Orte der Welt, in dem eine Islamkritik geäußert werden darf, ohne umgehend in die rechte Ecke gestellt zu werden. Das Gegenteil ist der Fall – da sind tatsächlich Menschen – und zwar viele; man könnten schon fast vermuten: mehr – die die Sache ähnlich sehen. Vielleicht ein Grund für die massive Verteufelung von Facebook in den Leitmedien. Es wird getrommelt und beklagt: Facebook späht Euch aus. Die sammeln Daten. Ach nee – sonst macht das ja auch niemand. Ich nehme an, die Datensammelei wäre völlig unproblematisch, wenn Facebook nicht alles für sich behalten wollte, sondern die Datensätze in einem Anflug von Großherzigkeit dem Verfassungsschutz zur Verfügung stellen würde. Obwohl – denn bin ich paranoid genug? – läuft da vielleicht was? Es ist doch schon auffällig, dass der Bundesregierung keine Idee zu bizarr ist, wenn es darum geht, Steuern zu generieren. Und ausgerechnet ein Milliardenkonzern zahlt so gut wie nichts? Könnte man mal drüber nachdenken. Wobei ich von einer investigativen Recherche dringend abraten würde – unerwartete Verkehrsunfälle passieren so schnell.

Zurück zur Führung: wenn meine oben angeführte These richtig ist, dann haben wir es in der Tat mit einem gespaltenen Volk zu tun. Die eine Hälfte wurde auf Konsum dressiert (und wer von denen eine Ahnung hatte, dass Konsum alleine nicht glücklich macht, versuchte es mit freiem Ficken, was auch nicht glücklich machte und irrt bis heute auf der Suche nach Orientierung durch Achtsamkeitsübungen, Konsumverzicht, vegane Ernährung und Zen für Anfänger) und die andere Hälfte lernte auf die harte Tour, dass man nicht alles glauben sollte, was die Führung des Landes verbreitet. Und letztlich, dass auch ein Volk die Führung eines Landes übernehmen kann.

1989 kamen beide zusammen. Wäre ich zu diesem Zeitpunkt Regierung gewesen, so wäre mir wohl etwas blümerant geworden. Angesichts des Potentials, das sich in den Montags-Demos gezeigt hatte, war fraglich, ob die wilde Horde aus dem Osten im Schnelldurchlauf auf Tiefschlaf im Konsumrausch umerzogen werden kann. In der Retrospektive zeigt sich: sie konnte nicht. Der Kapitalismus ist an der Umgestaltung der neuen Länder trefflich gescheitert. Die versprochenen blühenden Landschaften entpuppten sich als Ödland. Und anstatt die Schuld bei jenen zu suchen, die einfielen und sich mit den Beutestücken wieder davonmachten, wurden die Menschen, die den Zusammenbruch ihres Lebens hilflos mit ansehen mussten, als Jammerossis beschimpft. Nicht wenige im Westen hätten lieber heute als morgen die Mauer wieder hochgezogen. Und nicht wenige im Osten stellten fest, dass die Sicherung der Grundbedürfnisse eine gewisse Nervenberuhigung mit sich brachte. Was hilft es dir, in Freiheit zu verhungern?

Und so lauerte im Osten viel Potential zum Widerstand gegen die herrschende Denke. Dazu noch orientierungslose Westler, die – wie oben ausgeführt – ständig auf der Suche sind, wem sie hinterherwatscheln können. Kann es sein, dass das Malmot des damaligen Vize-Kanzlers Gabriel vom „Pack“ viel mehr war, als nur eine sprachliche Entgleisung? War das eine Kampfansage? Halte dich an die Gesinnungsdoktrin oder du wirst zum Pack aussortiert? Wobei die Beschimpfung als „Pack“ angesichts des Bildungsgrades und der gesellschaftlichen Stellung bei vielen der Diffamierten so absurd lächerlich war, dass lediglich Herr Gabriel sich hätte fragen lassen müssen, unter welchem Stein er denn hervorgekrochen kam. Also wurde die Diffamierung ersetzt, durch „Neue Rechte“. Für die BRD-Sozialisierten der bösartigste Vorwurf, der gemacht werden kann. Von Geburt an entschuldigen wir uns im vorauseilenden Gehorsam für die Sünden der Groß- und Urgroßväter (die völlig außer Frage stehen und uns – sollten wir so kühn sein und sie in Frage stellen – umgehend einem Nazi- oder Rechtenvorwurf aussetzen) und dennoch ist es nie genug. Jede Forderung, ob nun nach materiellen Gütern oder weltanschaulichen Bekenntnissen, muss nur mit der Drohung verbunden sein, bei Zuwiderhandlung als Nazi gebrandmarkt zu werden und Widerstand wird zwecklos. (Es hat gute Gründe, dass der Zirkelschluss in der logischen Beweiswürdigung unzulässig ist. Doch wer lässt sich in Zeiten der Hysterie noch von Logik leiten?)  

Warum ist das so? Weil wir sprachlicher Gewalt unterliegen. Weil wir eine Reflektion dessen, wie wir uns selbst sehen, in den Augen des Anderen sehen möchten. Wenn der Andere, das, was wir sind, negiert und durch etwas völlig anderes ersetzt, dann kann uns das im kleinen Rahmen egal sein. Wenn aber die Negation dessen, was wir sind und was uns ausmacht, öffentlich geschieht, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Dann wird uns genommen, was uns ausmacht – das ist sprachliche Gewalt. Worte, die verletzen. Worte, die schließlich den Tod des ursprünglichen Individuums bedeuten. Jedenfalls in der Wahrnehmung der Anderen. Was haben wir uns nur angetan, dass Deutschland sich in Besserwessis und Jammerossis, in Gutmenschen und neue Rechte spalten ließ. Teile und herrsche – funktionierte damals und funktioniert heute.  

Ich würde – so ganz BRD und durch meine amerikanischen Freunde sozialisiert – dazu tendieren, ein best-of-both-worlds als Vision zu favorisieren. Im Westen etwas mehr Bodenhaftung und das Heil nicht in den Dingen suchen, die man besitzen kann. Besitz schützt nicht vor moralischer Erpressung – er macht anfällig. Etwas mehr Selbstbewusstsein und etwas weniger Ego-gesteuerte Befindlichkeit. Und dafür aus dem Osten etwas weniger Ressentiments gegen alles aus dem Westen. Nicht alle sind konsumgesteuerte und obrigkeitshörige Idioten.

Was mich im Umgang mit Ost und West immer wieder verwundert, ist die mangelnde Bereitschaft, den anderen als nicht-perfekten Menschen zu akzeptieren. Grundsätzlich eine Haltung, die nur einnehmen dürfte, wer selber… aber wer ist das schon? Ich wundere mich, in welchem Ausmaß Flüchtlingen aus aller Herren Länder therapeutische Begleitung zur Verfügung gestellt (in der naiven und absurden Hoffnung, eine mittelalterliche Weltvorstellung auf die Schnelle in die Neuzeit zu führen) und gleichzeitig den traumatisierten Menschen aus dem Osten der Republik jedes Mitgefühl verweigert wird. Nur zur Erinnerung: „Anders als den Tätern von 1933–1945, begegnet man denen von 1949 – 1989 auf der Straße“. Diesen Satz von Benjamin Jan Zschocke sollten alle von Mitgefühl Geschüttelten verpflichtet sein, 100-mal abzuschreiben.

Wobei Mitgefühl – wie Höflichkeit, Ritterlichkeit und gute Manieren – zu den aussterbenden Tugenden gehört. Die moderne Tugend hat ihren Fokus auf den Kampf gegen rechts eingestellt und jeder Blickwinkel, der einen Weitwinkel erfordern würde, ist in der Gesinnungsdoktrin nicht vorgesehen. Der so reduzierte Mensch ist mit differenzierten Betrachtungen überfordert.

Die Perversion des Guten nimmt für sich in Anspruch, Richter und Henker in Personalunion zu sein. Und wenn die physische Gewalt von links sich an den Rechten auslässt, sind die Claqueure der sprachlichen Gewalt bereitwillig unterstützend tätig. Als Frank Magnitz angegriffen wurde, erschien am nächsten Tag in der online Ausgabe der Hannoverschen Allgemeinen ein Artikel mit der Schlagzeile:

Frank Magnitz ist einer der Radikalsten in der AfD-Fraktion.

Im Artikel wird zitiert: Der Bremer AfD-Chef Frank Magnitz hegt keine Illusionen über seine Heimatstadt: „Bremen ist für die AfD ein schwieriges Pflaster“. Laut Artikel hatte Frank Magnitz diese Einschätzung gegenüber dem Weser Kurier zu Beginn des Wahlkampfes abgegeben.

Und was macht Jan Sternberg (ja, genau der) aus dieser Information?  

Fest steht: Magnitz wusste bereits vor dem Angriff, dass Bremen ein „schwieriges Pflaster“ ist. […] Dass Bremen ein höchst gefährliches Pflaster ist, musste Magnitz dann am Montagabend erfahren.

Das ist sprachliche Gewalt. Auf einen schwerverletzten Menschen mit Süffisanz zu reagieren. 

Und natürlich gibt es diverse Tweets von diversen Politikern zu dem Thema. Es wird verurteilt; aufs schärfste. #Magnitz. #AfD. #Bremen. Wer auch zu dem Thema twittert, ist Cem Özdemir. Der predigt gegen Hass und fügt #nazisraus zu seinem Tweed hinzu. Das ist sprachliche Gewalt, die zu physischer Gewalt aufruft. Unter dem Deckmantel der Rechtstaatlichkeit. Der neue Faschismus maskiert sich hinter einem „Anti“. 

Warum eigentlich muss in dieser Republik jeder, der Verantwortung für Menschen übernimmt – wie Ärzte, Anwälte oder Lehrer – eine Befähigung nachweisen, den Anforderungen auch gewachsen zu sein? Weil es Sinn macht. Nur Politiker, die die meiste Verantwortung für das von ihnen gelenkte Volk tragen, dürfen hirnlose Idioten oder geistige Brandstifter sein. Manchmal auch beides in Personalunion. Und werden dafür auch noch großzügig alimentiert. Erinnern Sie noch die Kokain-Reste auf den Toiletten des Bundestages? Das peinliche Gestammel, wenn Reporter nachfragen, was denn gerade das Thema im Bundestag war und keiner der befragten Abgeordneten in der Lage ist, wiederzugeben, worüber man gerade geredet hat. Nichts kapiert. Aber Volkes Wille verwirklicht. Wie tief schlafen wir eigentlich? Wie sediert im duldvollen Verharren? 

Vielleicht – wenn wir aufhören uns gegenseitig zuzuschreiben, was sprachliche Gewalt angerichtet hat – wird das mal was mit dem einen Volk. Ost und West gemeinsam auf der Straße. Um das Pack loszuwerden. In Einigkeit. Für Recht. Und in Freiheit. Und dann gehen wir nach Hause und tun das, was im Prinzip alle Menschen wollen: das kleines Glück genießen und in Ruhe gelassen werden.

Lust

Solch wilde Freude nimmt ein wildes Ende“ mahnt Shakespeare aus elisabethanischen Zeiten und das Tantchen nörgelt aus der Ecke, der Übermut tue selten gut. Kaum imstande, das gesprochene Wort zu verstehen, hagelt es Beschränkungen. Die Sprichwörter der Duldsamkeit sind schneller zur Hand und dahergeplappert als sich der Plappernde bewusst macht, welche Wirkung sein Geplapper hat. Der beschränkte Mensch. Auf beiden Seiten. „Alle Menschen sind frei“ heißt es in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948. Das ist doch ein Anfang. Das Grundgesetz präzisiert, der Mensch sei frei, seine Persönlichkeit zu entfalten, sofern er anderen Menschen damit nicht ernsthaft auf den Senkel geht. Wobei die Herren des Grundgesetzes den „Senkel“ als „die Rechte anderer, die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz“ definieren. Ich würde meinen, der übrig gebliebene Spielraum sei enorm. Und frage mich, warum er nicht genutzt wird. Stattdessen ist zu beobachten, dass die Spielarten der Beschränkungen ungehindert ins Kraut schießen. Der Verlust der Freiheit wird von Musikern besungen und der Zuhörer singt inbrünstig mit. Geht dann nach Hause,  schließt sich im Internet einem Shitstorm an, hält den halbwüchsigen Kindern eine erbauliche Predigt zum Thema „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, zieht moralinsauer über den vor ihm beförderten Kollegen her, macht sich Sorgen um die monetären Verhältnisse im Alter, fühlt sich betrogen von der Regierung und „denen da oben“ und die Gattin hat Kopfschmerzen. Mary Oliver hat es einzigartig auf den Punkt gebracht: „Listen! Are you breathing just a little and calling it a life?“

Woher nur diese Unlust am Leben? Ich habe einen Verdacht: Es liegt an den Beschränkungen. Beschränkungen sind Lustkiller. Sind Sie schon mal nachts mit über 200 km/h über die Autobahn ans Meer gebrettert? Ohne Helm auf der Harley über Land gefahren? Haben ekstatisch zu Musik getanzt, bis kein trockener Faden mehr am Körper war? Welch wilde Freude. Und wann haben Sie damit aufgehört? Und vor allen Dingen – warum? Lag es an der Geschwindigkeitsbegrenzung und der Angst, den Führerschein zu verlieren? Ein Bußgeld wegen Verstoßes gegen die Helmpflicht zu kassieren? Ist Ihnen das Speed ausgegangen? Mit zunehmendem Alter beugen wir uns immer mehr den Beschränkungen. Man wird ja vernünftig. Und das Leben verringert und verkleinert sich, bis der Mensch mit gebeugtem Rücken in der Puppenstube hockt und sich in wehen Momenten des Weltschmerzes fragt, ob dies überhaupt ein Leben sei.

Freude wird aus Freiheit geboren und Freiheit beginnt im Kopf. Falls Sie zu jenen gehören, die meinen, weil der Hirnimpuls Millisekunden vor meiner mir bewussten Entscheidung bereits messbar sei, sei ich ein determinierter Bio-Roboter und so etwas wie ein freier Geist existiere nicht, empfehle ich Ihnen, die Lektüre des Textes hier abzubrechen, da Ihr determinierter Geist damit sowieso nichts anfangen kann. Begeben Sie sich lieber an Ihre Ladestation und fahren das System runter. Wir anderen machen derweil weiter…

Benötigt ein Denkvorgang Sprache? Wenn es darum geht, einen Ball zu fangen, gewiss nicht. Bei komplexeren Sachverhalten unbedingt. Erinnern Sie Orwells „Neusprech“? Der Wortschatz in Neusprech ist so reduziert, dass differenziertes Denken unmöglich gemacht wird. Voll krass, ey. Oder in Journalistensprech: erschütternd. Die so Reduzierten sind sodann leichter zu lenken, da sie eventuell noch das Gefühl verspüren, irgendetwas sei irgendwie im Argen – doch was ist das bloß? Es fehlen Ihnen – buchstäblich – die Worte. Eventuell weil die zu benutzenden Worte nicht benutzt werden dürfen.  Wie bei den Unwörtern des Jahres. Oder der Kontext der Benutzung vorgeschrieben ist. Wie zum Beispiel in so herrlichen Informationsblättern für Journalisten zum korrekten sprachlichen Umgang mit rechtsextremistischen oder rassistisch motivierten Straftaten. Die gibt es wirklich; kein Scherz. Oder denken Sie an die Bereinigung der deutschen Sprache im Zusammenhang mit dem Negerkuss. Oder der Mohrenapotheke. Von verbotenen Worten zu verbotenen Büchern zu verbotenen Gedanken. Die No-Speak-Areas führen zu No-Think-Areas. Das Hirn verkrümmt sich wie der Rücken des Menschen im Puppenhaus und letztlich verkümmert es. So einem verkümmerten Hirn würde ich tatsächlich unterstellen wollen, dass die Bestellung eines Negerkusses im Brötchen (oh selige Kindheitserinnerung) in einer skurril konfusen Konnexität mit den Denkvorgängen angesichts eines schwarzen Menschen steht. Aber auch nur so einem Hirn. Eventuell sollten sich die Menschen, die so dumpfe Hirne beklagen, fragen, woran die Dumpfheit liegt. An der Beschränkung, Ihr Lieben.

Was nach der Reduktion der Sprache an Denkfreiheit noch übrig ist, wird von der Moral mit freundlicher Unterstützung der Angst gekillt. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es immer sehr unfroh wird, wenn die Herren in den schwarzen Kutten ins Spiel kommen? Man würde meinen, Richter und Geistliche würden sich nur hinsichtlich ihres zweifelhaften Geschmacks in Sachen Kleidung ähneln, doch leider haben sie noch eine Gemeinsamkeit: das Bild des Idealmenschen, an dem sie das bedauernswerte Geschöpf ihres Interesses messen (und das sie psychopathologisch höchst bedenklich für sich selbst in Anspruch nehmen). Dieses Bild des Idealmenschen ist in doppelter Hinsicht verderblich.

Zum einen dürfte es wirklich Niemanden geben, der diesem Anspruch stets und ständig genügt. Und falls es den gibt – hau mir ab! Wenn ich mir vorstelle, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der jede gesetzliche Regelung und jedes christliche Gebot strikt befolgt – ach du liebes Lieschen. Mit dem hat man dann so richtig Spaß. Aber das ist ja der Sinn der Sache; den Spaß auszutreiben. Die wilde Freude.

Und zum anderen betrachte ich es als groben Missgriff, einen 2000 Jahre alten Verhaltenskodex nicht von Zeit zu Zeit kritisch auf seine Alltagstauglichkeit zu überprüfen. Ich persönlich betrachte den Idealmenschen als überhaupt nicht ideal. Und zwar deshalb nicht, weil der oben skizzierte Idealmensch sich auf äußere Vorschriften und nicht auf innere Überzeugungen verlässt. Im Extremfall sind solche Leute unschwer zu bestialischem Verhalten fähig. Immer mit der Rechtfertigung selbiges sei durch „die Autorität“ angeordnet worden.

Teilen Sie meine Auffassung, dass es in so vielen Menschen brodelt, wie seit 1968 nicht mehr? Wobei es 1968 meist junge Menschen waren, bei denen die Brodelei auch als altersbedingte biologische Determination verstanden werden kann. Heute brodelt es quer durch alle Gesellschaftsschichten und Altersstufen. Vielleicht, weil die Menschen keinen Dampf ablassen können. Eventuell, weil ihnen die wilde Freude fehlt.

Wir sind ja unter Erwachsenen – also lassen Sie uns kurz über die Lust sprechen, die so viel von dem Sinnen und Trachten von uns Menschentieren ausmacht: Sexuelle Lust. Das Spiel von Macht und Ohnmacht, von Flirt und Liebelei und besinnungslosem Rausch. Wenn ich mich so umschaue, wie diese spezielle Lust in unseren Tagen gefeiert wird: Beate Uhse TV? Nasse Socken statt Netzstrumpfhosen.  

Falls Sie ebenfalls zu den älteren Semestern gehören – erinnern Sie sich noch an Pan? Ein super Typ. Mit Wohnort in Arkadien und einem Hang zu ausgedehnten Mittagsschläfchen, Musik, Tanz, Fröhlichkeit und ekstatischer Wollust. Im Übrigen ein Gott und insofern durchaus bereit, angebetet zu werden und Huldigungen entgegen zu nehmen. Nur nicht zur Zeit des Mittagsschläfchens. Stellen Sie sich nur mal ganz kurz eine Gesellschaft vor, die Pan statt Jesus… Beim Priapos! Da wird einem ganz schwindelig, oder?

Viel zu schwindelig für die Kuttenträger. Pan muss weg! Also haben die Assassinen der Lust ganze Arbeit geleistet und Pan nicht nur getötet, sondern gleich auch noch zur Inkarnation des Bösen gemacht. Bitte machen Sie sich in diesem Zusammenhang klar, dass Ihnen jemand was über Lust erzählt, der keine Ahnung von dem Thema hat. Die Urheber dieser Sauerei sehe ich direkt vor mir: pendelnd zwischen übermäßiger Masturbation und, weil mit schlechtem Gewissen ausgeführt, ohne die Wonne des Genusses und Selbstgeißelungen mit ein wenig mehr Genuss, wenn der Schmerz nachlässt. Einem kollektiven Irrsinn verfallen. Alles Männer – natürlich. Frauen sind diesen Gestalten  so unheimlich, dass die nicht mal in ihre Nähe kommen dürfen. Die Frau – so die Vorstellung – hat nur ein einziges Sinnen und Trachten: Die Herren in den schwarzen Kutten mit ihrer ungezügelten Geilheit zu verderben (Sie dürfen nicht vergessen, dass das Selbstbild von Männern bezüglich ihrer sexuellen Attraktivität nicht unbedingt in der Wirklichkeit angesiedelt ist). Also sei das Weib dem Manne Untertan, diene ausschließlich der Fortpflanzung und gebäre die Kinder unter Schmerzen. Damit das nicht so hämisch rüberkommt, behaupten die Herren, dies seien nicht ihre Ideen, sondern die einer höheren Autorität. Und dann sind sie in die Katakomben gegangen und haben erstmal herzhaft gelacht.

Wissen Sie, was mich umhaut? Die sind damit durchgekommen. Forderungen auf der Basis von Behauptungen ohne Beweis sind schlicht Diktatur. Beschränkungen ohne Einsicht Dressur. Und die Leitgedanken und Moralvorstellungen unserer Gesellschaftsordnung diesen blutleeren, freudlosen, sexuell gestörten Kuttenträgern zu überlassen, kann nur zu einer ebenso blutleeren, freudlosen und sexuell gestörten Gesellschaft führen. 

Und so ziehen es meine Mitmenschen vor, in Erbsünde das Auto zu waschen bis ins dritte und vierte Glied. Aktuell sieht es auch schlecht aus im Hinblick auf ein Umdenken, da die Lüsternheit etwas in Verruf gekommen ist. Eine Sache von schmutzigen, weißen (also dann wohl eher cremefarbenen) alten Männern. Diese Sicht der Dinge wird letztlich dazu führen, dass entweder jede sexuelle Interaktion von zum Kreischen dämlichen Fragen kommentiert wird (Darf ich dich da anfassen? Und da auch? Und hast Du was dagegen, dass ich unser Gespräch zu Beweiszwecken aufzeichne?) oder von versierteren Anhängern schriftliche Rahmenbedingungen (eventuell noch mit safe word) ausgearbeitet werden. So als Vorspiel. Sexy. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass die Menschen sich damit wohlfühlen. Das tun sie nicht. Als dieser unsägliche Soft-Sado Fifty Shades of Grey gerade seinen Hype hatte, konnte man tatsächlich ein Fifty Shades of Grey Erotik-Set käuflich erwerben. Bei OTTO. Kein Scherz. Kann man heute noch. Falls Sie die Neigung verspüren. Und eventuell ein gewisses Talent. Obwohl Menschen mit Neigung und Talent das Equipment unschwer im Werkzeugkasten, Kleiderschrank und der Küchenschublade zusammen kramen können. Und ohne Talent und Neigung wird das auch mit dem Starter-Set für kleine Sadisten nichts. Dann gehen Sie lieber Auto waschen.

Wie wäre es mit ein wenig Ausgleich durch die Schwarzroben? Es begab sich zu der Zeit der 1990er Jahre als ein Amtsrichter aus Norddeutschland das höchste Gericht (nein, mein liebes Christenkind, ich meine das Bundesverfassungsgericht und nicht den lieben Gott) bemühte, zu entscheiden, ob der Mensch ein „Recht auf Rausch“ habe. In einem bemerkenswerten Spagat entschied das Gericht, der Besitz von Marihuana in geringen Mengen sei zwar verboten, von der Bestrafung des Besitzers wegen der kleinen Menge sei aber grundsätzlich abzusehen. Die Frage blieb, was so ein Richter denn als angemessene Menge betrachtet. Um einen anständigen Marihuana-Rausch hinzubekommen. Die Antwort liegt in Hamburg bei 10 Gramm. Saufen bis zur Besinnungslosigkeit ist im Übrigen okay. Notfalls muss eben ergänzend gesoffen werden, wenn das Kiffen nicht reicht. Wobei die Fragestellung, nach dem „Recht auf Rausch“ zeigt, dass der so kluge Richter meinte, ein Bedürfnis nach Rausch zu erkennen. Nach Sprengung des Schädels zwecks Befreiung des Hirns? Das wäre nun ein Grund, der mir einleuchtet. Was ich beobachte, ist das genaue Gegenteil. Koma-Saufen. Was sich nahtlos in unsere Gesellschaftsordnung einfügt, nach der bewusstseinserweiternde Substanzen verboten gehören; bewusstseinszerstörende hingegen, anständig besteuert, durchaus zur Freude der Bevölkerung in überreichlichem Maße zur Verfügung zu stellen sind. Gern auch auf Rezept. Dann übernimmt die Krankenkasse die kranke Sedierung. Beschränkung für Fortgeschrittene.

Und wem das noch nicht reicht, der beschränkt sich eben selbst. Selber eine Angehörige der „freien“ Berufe“ wundere ich mich, wie sich die Kollegen in Ketten legen. Der Fehleinschätzung ihrer eigenen Wichtigkeit erliegen und der Meinung sind, mit selbst verordneten 18-Stunden Tagen nicht nur den Tag, sondern ein ganzes Leben füllen zu können. Ständig mit der Formulierung „ich muss“ auf den Lippen. Und niemand, wirklich niemand, benutzt das müssen im Zusammenhang mit grobem Unfug, ausschweifenden Gelüsten jeglicher Couleur oder sonstigem Amüsement. Das höchste der Gefühle ist der zu müssende Urlaub zwecks Wiederherstellung der Arbeitskraft. Arbeitsdrohnen und so gehirngewaschen, dass sie auch noch stolz drauf sind. Wohlgefällig den Herren in den schwarzen Roben und den schwarzen Kutten. Kürzlich erzählte mir jemand – ich weiß nicht mehr wer; vielleicht habe ich es auch irgendwo gelesen – die Geschichte eines Barkeepers, der sich des Öfteren mit totkranken Menschen unterhielt. Und trocken feststellte, dass bei dem ganzen Bedauern über verpasste Dinge im Leben, nicht ein einziger der Sterbenden bedauerte, nicht mehr Zeit im Büro verbracht zu haben.

Auch die Zeit ist beschränkt.

Ich wünsche Ihnen einen lustvollen Tag.

Oh, schöne neue Welt

die solche Arbeitgeber hat.

Ich frage mich, ob das jetzt so in Ordnung ist. Wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis das erste Brokkoli-Fühlige wegen Diskriminierung beim Bundesverfassungsgericht Klage einreicht. Brokkoli-Fühlig ist nicht einfach nur divers, liebe Freunde vom Stromnetz Hamburg. Merkt Euch das.

Bücherfreunde

Das Leben ist zu kurz, um schlechte Bücher zu lesen. Wobei es leicht fällt, ein schlechtes Buch zu erkennen. Ein Anzeichen ist schon mal, wenn Ken Follet, Sebastian Fitzek oder Frank Schätzing auf dem Umschlag steht. Oder der rote Aufkleber „Spiegel-Bestseller“ das Cover verunziert. Der Plot ist vorhersehbar, die unerwarteten Wendungen überstrapaziert und der Nachhall Leere. Verschwendete Zeit.

Ein gutes Buch muss sich nicht anpreisen, sondern, eher wie ein guter Freund, gefunden werden. Ein gutes Buch hat den Sog. Wenn die ersten Sätze einen sanft, aber bestimmt an die Hand nehmen und nicht mehr loslassen. Wenn man sich fragt, warum dieser ganz normale Dienstag sich so merkwürdig anfühlt und feststellt, dass der Hall des Buches in die Außenwelt dringt – das Buch einen immer noch an der Hand hält und die Sicht auf die Welt verändert. Das sind großartige Bücher. Die sind dann wie Freunde, und wie alte Freunde besuche ich einige meiner Bücher regelmäßig. Um mich in ihren Räumen aufzuhalten. Dorthin würde ich Sie – falls Sie mögen – gerne einladen. Hier kommen einige meiner Lieblingsfreunde mit ihren ersten Sätzen:    

Fragen gehören sich nicht in Zoo City

Schwefelgelb wie die Goldminenhalden steigt das Morgenlicht über der Skyline von Johannesburg auf und bohrt sich durchs Fenster. Mein ganz persönliches Bat-Signal. Oder auch nur eine Erinnerung, dass ich mir endlich Vorhänge anschaffen sollte.

Der Morgen ist angebrochen und nicht mehr zu kitten – mit einer Hand schützend vor den Augen werfe ich die Decke zurück und schäle mich aus dem Bett. Benoît rührt sich nicht, nur seine warzigen Füße ragen unter der Decke hervor wie knotiges Treibholz. Diese Füße erzählen eine Geschichte. Sie erzählen, dass einer den ganzen Weg von Kinshasa bis hierher gelaufen ist, noch dazu mit einem Mungo vor die Brust geschnallt.  

Lauren Beukes, Zoo City

Weißes Zimmer (i)

Es ist ein Zimmer, wie es sich ein einfallsloser Stückeschreiber ausdenken könnte, während er auf ein weißes Blatt starrt: Weiße Wände, Weiße Decke, Weißer Fußboden. Nicht völlig, aber hinreichend leer, um den Verdacht aufkommen zu lassen, dass die wenigen vorhandenen Gegenstände eine entscheidende Rolle in dem bevorstehenden Drama spielen werden.

Eine Frau sitzt auf einem von zwei Stühlen an einem rechteckigen weißen Tisch. Ihre Hände liegen, mit Handschellen gefesselt, vor ihr; sie trägt einen orangefarbenen Gefängnisoverall, dessen Farbe in all dem Weiß stumpf wirkt. An der Wand, über dem Tisch, hängt das Foto eines lächelnden Politikers. Gelegentlich wirft die Frau einen Blick auf das Foto oder auf die Tür, den einzigen Ausgang aus dem Zimmer, aber meistens starrt sie auf ihre Hände und wartet.  

Matt Ruff, Bad Monkeys

der hund macht das bett

Am Ende hat jeder von uns nur eine einzige Geschichte zu erzählen. Doch obwohl sie diese Geschichte erlebt haben, haben die meisten Leute weder den Mut dazu, noch wissen sie, wie sie sie erzählen sollen. Ich habe zu lange gelebt, um jetzt, wo ich endlich über mein Leben sprechen kann, zu lügen. Was soll das auch? Es ist niemand mehr da, den ich beeindrucken könnte. Die, die mich einmal geliebt oder gehasst haben, sind weg oder haben gerade noch genug Energie, um zu atmen. Mit einer Ausnahme.

Jonathan Carroll, Fieberglas

Der Poet wird vorgestellt und im Vergleich zu seinen Gefährten charakterisiert

In den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts war unter den Stutzern und Tollköpfen der Londoner Kaffeehäuser ein langer, schlaksiger Jüngling zu finden namens Ebenezer Cooke. Seine Strebsamkeit war größer als sein Talent, dieses wiederum größer als seine Weltklugheit; gleich seinen Brüdern in der Narretei – die allesamt angeblich in Oxford oder Cambridge studierten – fand er es vergnüglicher, mit dem Klang der englischen Muttersprache zu spielen, als sich mit ihrem Sinn abzuplagen, und so hatte er, statt sich der Mühsal der Gelehrsamkeit zu widmen, lieber die Kniffe des Verseschmiedens erlernt und verfertigte nun – nach der Mode des Tages – bändeweise Zweizeiler, die von Zeusen und Jupitern überschäumten, von mißtönenden Reimen knarrten und von zum Zerreißen überspannten Gleichnissen nur so strotzten.

John Barth, Der Tabakhändler

1

„Homer, komm da raus!“

Ich erkannte seine Stimme nicht gleich. Als ich meine Augen aufschlug, war nichts zu sehen, außerdem war es kalt, ein eisiger Wind wehte. Bevor ich wieder einschlief, konnte ich gerade noch denken, daß ich meine Hände nicht mehr spürte.

„Homer! Ich weiß, daß Du da bist!“

Yann Apperry, Das zufällige Leben des Homer Idlewilde

PanOpticon

„Die Sache ist ganz einfach. Ich kenne Ihren Namen, und Sie haben einmal meinen gekannt: Eiji Miyake. Ja, der Eiji Miyake. Wir sind beide vielbeschäftigte Leute, Frau Kato, also lassen wir den Smalltalk. Ich bin in Tokio, um meinen Vater zu finden. Sie kennen seinen Namen, Sie kennen seine Adresse. Und Sie werden mir beides geben. Jetzt!“ Oder so ähnlich. Ein Spiralnebel aus Sahne zerrinnt in meiner Kaffeetasse, und die Hintergrundgeräusche zoomen an mein Ohr.

David Mitchell, number 9 Dream

Ein Junge namens Krähe

„An Geld bist du jetzt auch irgendwie gekommen, ja?“ sagte der Junge namens Krähe in seiner üblichen, etwas schwerfälligen Sprechweise, als wäre er gerade aus dem Tiefschlaf erwacht und als funktionierten seine Sprechmuskeln noch nicht richtig. Aber das ist reine Attitüde, in Wirklichkeit ist er hellwach, wie immer.

Ich nicke.

„Wie viel ungefähr?“

Ich überschlage die Summe noch einmal im Kopf.

„Ungefähr 400 000 in bar. Außerdem kann ich noch ein bisschen mit der Karte vom Bankkonto ziehen. Natürlich wird das nicht ewig reichen, aber für den Anfang geht’s doch, oder?“

„Nicht schlecht“, sagt Krähe. „Für den Anfang…“

Haruki Murakami, Kafka am Strand

 

Wird fortgesetzt…

Besinnlich

Es wird die Jahreszeit sein: mir ist so besinnlich. Seit Tagen laufe ich durch die Gegend und sinne nach, was dies für eine Zeit wäre, wenn ich am Freitag ein großes Fest feiern würde. Meine Freude feiern würde, die Dunkelheit ein weiteres Mal besiegt zu haben. Meinen Jubel feiern würde, dass die Tage – mit winzigen Schritten, doch auch der längste Weg ist Schritt für Schritt zu bewältigen – unaufhaltsam dem Frühjahr entgegen ziehen. Meine Gewissheit zu feiern, dass die erstarrte Erde aufbrechen und kleine Wunder aus dem Krume sprießen werden. Was wäre das für ein Fest!

Stattdessen soll ich feiern, dass ein Kindlein mit ungeklärten familiären Verhältnissen und unter historisch äußerst zweifelhaften Gesamtumständen vor bummelig 2000 Jahren geboren wurde. 

Besinnlich, wie ich bin, fällt mir dazu nur eines ein: Na und? Selbst wenn. Was hat das bitte mit mir zu tun?  

Freitag feiere ich ein Fest. Und was für eins.